Der tödliche Fall im niedersächsischen Stade hat eine Frage aufgeworfen: Wie sicher sind Mitarbeitende in sozialen Berufen? Wir haben uns anonym mit einer Mitarbeiterin vom Jugendamt im Kreis Südliche Weinstraße getroffen. Sie sagt, die Gewalt nehme zu.
Jugendamts-Mitarbeiterin spricht anonym über Gewalt: zwei Morddrohungen
Die Mitarbeiterin ist Anfang 60, sie macht den Job als Sozialpädagogin schon seit Jahren. Sie möchte anonym bleiben, der SWR kennt ihre Identität. Sie habe bereits zwei Morddrohungen erhalten, eine davon habe sie gerade zur Anzeige gebracht. Einmal sei sie von einem Elternteil auch körperlich angegriffen worden.
Sie erzählt, dass der Ton rauer geworden sei und die Gewalt zunehme. Was hat sich verändert? "Die Verzweiflung der Menschen nimmt zu", so erklärt sich die Mitarbeiterin die Bereitschaft zur Gewalt. Immer mehr Elternteile hätten finanzielle Schwierigkeiten, seien psychisch krank oder alkohol- und drogenabhängig. Das mache sie impulsiv - auch bei normalen Gesprächen.
Tödlicher Fall in Stade: Täter erschießt sechs Menschen
Und genau das habe sie bei der Nachricht aus Stade so erschreckt: Denn auch im niedersächsischen Stade war der 45-jährige mutmaßliche Täter bei einem Routinegespräch in die Mutter-Kind-Einrichtung gekommen. Dort hatte er sechs Menschen erschossen. Mittlerweile hat der mutmaßliche Täter in der JVA Bremervörde Suizid begangen.
Frust im Jugendamt: Wie kommt es dazu?
Eltern lieben ihre Kinder, unabhängig davon, ob der Umgang den Kindern schadet.
Die Leiterin des Jugendamts im Kreis Südliche Weistraße ist Hannelore Schlageter. Sie möchte nicht im Bild erscheinen, hat ihre Adresse sperren lassen - denn auch sie befand sich schon in bedrohlichen Situationen. Auch Schlageter bemerkt, dass der Ton rauer geworden sei.
Die Mitarbeitenden der Jugendämter können es bis zu einem gewissen Punkt verstehen: Wenn das Jugendamt vor der Tür steht, ist es für viele eine Stresssituation. "Die Eltern lieben ihre Kinder", sagt sie, "das ist unabhängig davon, ob der Umgang den Kindern schadet." Einige Elternteile würden erst durch Gespräche zur Einsicht kommen, dass sie Hilfe brauchten.
Gesellschaftliche Anerkennung fehlt für Arbeit von Jugendamt
Und dann kommt man auch mal in eine Wohnung voller Müll und läuft durch eine verschimmelte Küche.
Die Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, kritisiert: "Es gibt keine gesellschaftliche Anerkennung unserer Arbeit. Das Jugendamt wird immer damit assoziiert, dass wir Kinder wegnehmen." Doch das komme, vergleichsweise, nur in seltenen Fällen vor. Und letztlich würden Familiengerichte diese Entscheidungen treffen. Das sei den meisten Menschen nicht bewusst. Kinder würden nur dann in Obhut genommen, wenn die Sozialarbeiterinnen davon ausgingen, dass die Kinder erheblichen Schaden davontrügen, wenn sie weiter bei den Eltern blieben.
Jugendamt, Kinderschutzdienste, Ombudsstelle Hier können sich Kinder und Jugendliche in Not in RLP Hilfe holen
159 Jugendliche wurden 2021 in Rheinland-Pfalz auf eigenen Wunsch in Obhut genommen, weil sie Hilfe brauchten. Oft wissen die Kinder gar nicht, wohin sie sich wenden könnten.
Der Job als Sozialarbeiterin sei nicht einfach, erklärt sie: "Und dann kommt man auch mal in eine Wohnung voller Müll, läuft durch eine verschimmelte Küche." Bei Hausbesuchen habe sie schon schlimme Situationen vorgefunden: Kinder, die darauf warteten, dass die alkoholisierte Mutter endlich einschlafe, um sich danach vom Geld gesammelter Pfandflaschen Essen kaufen zu können.
Die Arbeit der Jugendämter sei deswegen sehr wichtig, betont die Sozialpädagogin. Letztlich würden sie Familien über Jahre hinweg begleiten und ihnen aus Krisen heraushelfen. Sie wünsche sich mehr gesellschaftliche Wertschätzung.
Trotz Gewalt im Job: Mitarbeiterin arbeitet gerne im Jugendamt
Und doch: Für die Mitarbeiterin Anfang 60 ist es kein trauriger Job. Er sei vielfältig, sie habe sich bewusst dafür entschieden. "Ich wollte keinen Job mit Routine, ich wollte jeden Tag etwas anderes erleben", sagt sie. Es gebe immer wieder schöne Momente, etwa wenn Kinder wieder zu ihren Eltern zurückkämen. In dem Jugendamt des Kreises Südliche Weinstraße fühle sie sich vergleichsweise sicher, immer wieder würden die Sicherheitskonzepte diskutiert und angepasst - gerade jetzt nach Stade.
Inobhutnahme Kinder aus der Familie nehmen – Schutz oder Übergriff durchs Jugendamt?
Jedes Jahr werden in Deutschland Tausende Kinder vom Jugendamt in Obhut genommen. Ob das für die betroffenen Familien wirklich eine Hilfe ist, hängt von vielen Faktoren ab.
So schützen Pfälzer Jugendämter ihre Mitarbeitenden vor zunehmender Gewalt
Auch andere Jugendämter in der Pfalz bestätigen auf SWR-Anfragen, dass es immer wieder zu angespannten und konfliktbelasteten Situationen komme oder aggressiven Äußerungen. Das Speyerer Jugendamt berichtet, dass es deswegen Kameras im Eingangsbereich gebe und der Zutritt kontrolliert werde. Bei Hausbesuchen werde vorab die Gefahrenlage geprüft.
Im Jugendamt Landau muss man einen Termin haben, um das Gebäude betreten zu dürfen. Zudem bekämen Mitarbeitende Selbstverteidigungskurse, sagt eine Sprecherin der Stadt. Und im Frankenthaler Jugendamt gibt es in diesem Jahr eine neue Sicherheitsschulung für die Mitarbeitenden.