Stimmung wird aggressiver

Warum queere Menschen in Rheinland-Pfalz sich zunehmend unsicher fühlen

Seit zwei Jahren ändert sich die Stimmung in Rheinland-Pfalz für queere Menschen. Laut Landeskriminalamt hat sich die Zahl der Angriffe verdreifacht, landesweit von damals 16 auf 48. Betroffene berichten.

Teilen

Stand

Toni* fühlt sich weder als Mann, noch als Frau und hatte bis vor zwei Jahren keine Probleme damit, das zu zeigen. Eine ungewöhnliche Frisur, Regenbogenflagge auf dem Rucksack und am Fahrradhelm. Toni arbeitet in Ludwigshafen und seit einem Vorfall in Mannheim zeigt Toni sich nicht mehr offen. Die Frisur ist geblieben, aber die Regenbogenflaggen sind verschwunden.

Deutschland

100 Tage im Amt Wie schlägt sich Julia Klöckner als Bundestagspräsidentin?

Die Rheinland-Pfälzerin Julia Klöckner ist seit 100 Tagen Präsidentin des Bundestages. Mit ihrem forschen Auftreten und der ganz eigenen Art der Amtsführung hat sie Lob und Kritik auf sich gezogen.

Zur Sache Rheinland-Pfalz! SWR RP

Fröhlichkeit weicht Aggressivität

"Die Blicke, die ich bekommen habe: Früher waren sie fröhlich, offen. Das hat sich verändert", sagt Toni. "Jetzt spüre ich eine aggressive Grundstimmung, immer wieder." In Mannheim habe ein Autofahrer Toni lautstark angehupt. "Es war ganz klar, dass es nicht darum ging, dass ich einen Fehler gemacht habe im Straßenverkehr. Er hat mich als queere Person beschimpft." Der Mann sei sogar ausgestiegen und drohend auf Toni zugelaufen. "Jetzt habe ich gleich seine Faust im Gesicht", dachte Toni und brüllte den Mann an, er solle abhauen. Das zeigte Wirkung. Der Mann zog sich zurück.

Seit Toni sich nicht mehr öffentlich als queer outet, gab es auch keine Pöbeleien oder missbilligende Blicke mehr. "Es ist erschreckend, wie sich die Stimmung in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert hat."

RLP

Viele Attacken, wenige Anzeigen Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu

Seit fünf Jahren ist bundesweit ein Anstieg der Straftaten gegenüber der queeren Community zu beobachten. Und die Dunkelziffer dürfte riesig sein - auch in Rheinland-Pfalz.

CSD-Organisator: "Die Angst nimmt zu"

Erfahrungen, die auch Vincent Maron aus Trier schon gesammelt hat. Maron ist der Vorsitzende des schwul-lesbischen Zentrum SCHMIT-Z, das in Trier auch den Christopher Street Day mitorganisiert. "Wir bemerken, dass die Angst vor Vorfällen zunimmt." Es werde vermehrt von Queerfeindlichkeit im öffentlichen Raum sowie in den sozialen Medien berichtet.

LKA registriert mehr Angriffe auf queere Menschen

Laut Landeskriminalamt wurden im Jahr 2024 48 Straftaten gegen queere Menschen registriert. 2022 waren es noch 21. "In den letzten Jahren ist ein stetiger Anstieg an Straftaten gegen queere Personen zu verzeichnen", teilt die Polizei in Trier mit.

Die Polizei führt den Anstieg auch darauf zurück, dass immer mehr queere Menschen zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Ob das auch an einem veränderten politischen Klima liegt, lasse sich nicht abschließend bewerten, so die Polizei.

Bestimmte Gruppen forcieren Queerfeindlichkeit

Joachim Schulte, einer der Sprecher des landesweiten Netzwerks Queernet Rheinland-Pfalz, sieht das anders: Die Entwicklung sei nicht überall gleich. Pauschale Aussagen gebe es tatsächlich nicht. Von den Erfahrungsberichten, die er bekommt, kommt Schulte aber zu dem Schluss: "Zugespitzt kann man sagen: Wo die AfD starken Zuspruch hat, dort gibt es auch mehr Queerfeindlichkeit."

Diese Feindseligkeit werde ganz gezielt geschürt. "Es gibt Menschen mit einer Agenda, die Stimmung gegen ganz bestimmte und vor allem leicht angreifbare gesellschaftliche Gruppen vorantreiben wollen, in ihrem Sinne." Es sei mittlerweile soweit, dass queere Menschen ganz bestimmte Viertel oder Straßenzüge in Städten meiden, von denen sie wissen, dass dort die Gefahr besteht, dass sie angepöbelt oder angegriffen werden.

Erfahrungen aus der queeren Community

Alex: "Ich habe an meinem Arbeitsplatz in der Werkstatt mitgehört, wie sich dort Arbeitende abfällig über queere Personen unterhalten haben, bis hin zu queeren Personen den Tod zu wünschen, da sie es nicht verdient hätten zu leben. Sie wussten alle nicht, dass ich queer bin. (...) Ich habe mich nicht geoutet."

Sandra: "Seit den letzten Wahlergebnissen ist es generell kritischer, offen unterwegs zu sein mit der Gewissheit, dass statistisch jede vierte Person in Kaiserslautern eine Gesinnung unterstützt, die dich nicht vorsieht, und deren Attitüde wird immer offensiver. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis das größere Wellen schlägt, so wie man das bundesweit beobachtet. Es sind keine Einzelfälle, es ist systemische Feindlichkeit."

Elli: "Ich habe bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: Ich laufe im Zug mit Regenbogenherz und Armband herum und habe von keinem negative Bemerkung bekommen. Bei der Arbeit bin ich geoutet und auch nicht alleine queer. Bei der Bahn wird durchaus Vielfalt gelebt. Sicherlich gibt es auch dort Andersdenkende, (...) manchmal muss man die einfach mal ansprechen - ist natürlich nicht immer leicht. Frauen, die Frauen lieben, haben es immer noch etwas leichter als männerliebende Männer oder Transmenschen."

Auch im Ausland mehr Queerfeindlichkeit

Für die Queerbeauftragte der Stadt Koblenz, Patricia Pederzani, selbst Transfrau, geht der Blick auch ins Ausland. Queere Menschen würden dort immer mehr zur Zielscheibe. Sie befürchtet, dass es in Deutschland ähnliche Entwicklungen wie in den USA, dem Vereinigten Königreich oder Ungarn geben könnte. Dort würde Transfrauen zunehmend das Frau-Sein abgesprochen. Erste Tendenzen sehe sie auch in der aktuellen Bundesregierung.

"Für Transmenschen ist es auch in Deutschland immer noch Normalität, angestarrt zu werden, ausgelacht zu werden", sagt Pederzani. Dass Menschen mit dem Finger auf sie zeigen würden, sei Teil ihres Alltags. Sie habe Angst, dass es sich ändert und dass aus dem Gelächter irgendwann mal ein Faustschlag werde.

RLP

Viele Attacken, wenige Anzeigen Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu

Seit fünf Jahren ist bundesweit ein Anstieg der Straftaten gegenüber der queeren Community zu beobachten. Und die Dunkelziffer dürfte riesig sein - auch in Rheinland-Pfalz.

Gesellschaft Queer und alt – Zwischen Pride und Einsamkeit

Diskriminierung prägt viele queere Menschen bis ins Alter. In Seniorenheimen fürchten sie Ausgrenzung und Einsamkeit. Doch das Bewusstsein für die Bedürfnisse einer vielfältigen älteren Generation wächst.

Das Wissen SWR Kultur