Grundschule war 2023 in den Schlagzeilen

Ludwigshafen: Was ist aus den Erstklässlern der Gräfenauschule geworden?

Die Nachricht machte 2023 bundesweit Schlagzeilen: An der Gräfenauschule in Ludwigshafen mussten rund 35 Kinder die erste Klasse wiederholen. Was ist aus diesen Kindern geworden? Wir haben in der Grundschule nachgefragt.

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Stand

Von Autor/in Nicoletta Prevete

Vor zwei Jahren schlug Barbara Mächtle, die Schulleiterin der Gräfenauschule in Ludwigshafen, Alarm, weil sie rund 35 Erstklässlern ihrer Grundschule empfehlen musste, die erste Klasse zu wiederholen. Diese Nachricht sorgte für Aufsehen - deutschlandweit und setzte eine Diskussion um Sprachförderung und Bildung in Gang.

Gräfenauschule: Große Herausforderungen, schwierige Voraussetzungen

Sitzenbleiben in der ersten Klasse? Der Schulstandort Hemshof in der zweitgrößten Stadt in Rheinland-Pfalz gilt als "Problemviertel". Oft sprechen die Kinder schlecht Deutsch oder kommen aus bildungsfernen Familien. Manche besuchen nur kurz eine Kita.

"Innerhalb eines Jahres sollen Kinder oft nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch alle weiteren Kompetenzen für den Schulalltag aufbauen - das ist für viele unrealistisch", sagte Mächtle. Nötig sei eine noch weitreichendere Vorbereitung vor dem Schuleintritt.

Doch was hat sich seit damals getan an der Schule? Und wie gehts den damaligen Erstklässlern heute?

Mehr regelmäßiger Deutschunterricht an Gräfenauschule

Schulleiterin Barbara Mächtle betont, die Schule habe vom Land sehr viel mehr an Personal für den Deutschunterricht an der Schule bewilligt bekommen: "Dass wir die Deutschkurse kontinuierlich abhalten können. Die Stunden fallen jetzt auch im Krankheitsfall (von Lehrkräften, Anmerkung der Redaktion) nicht mehr aus. Die Kinder haben somit regelmäßig Deutschunterricht."

Was auch dringend nötig sei. Denn außerhalb von der Schule, im familiären Umfeld, würde bei manchen Kindern so gut wie gar kein Deutsch gesprochen.

Barbara Mächtle, Schulleiterin der Gräfenauschule, steht in einem Flur der Grundschule.
Barbara Mächtle, Schulleiterin der Gräfenauschule, steht in einem Flur der Schule. Sie leitet seit 2004 die Grundschule. Picture Alliance

Zusätzliche Unterstützung durch Förderschulkräfte

Die Schüler und Schülerinnen, die im Jahr 2023 die erste Klasse nicht geschafft hatten, sind im Sommer mit der zweiten Klasse fertig. "Wenn sie die erste Klasse wiederholen, verstehen sie bereits ganz gut die deutsche Sprache, sie kennen den ein oder anderen Buchstaben schon, haben in Mathematik einige Grundlagen. Das macht sie selbstbewusster", sagt Mächtle.

Von den Wiederholern bräuchten manche noch weitere sonderpädagogische Unterstützung, die im normalen Unterricht nicht gegeben werden könne. Das heißt, dass Förderschulkräfte mit den Kindern zusätzlich arbeiten. Sie schauen, wo das Kind gerade steht, arbeiten mit ihnen an Extra-Übungsblättern und schauen, dass die Kinder trotz Wiederholung des alten Lernstoffs auch den neuen verstehen.

All das passiert in der Klasse, so dass die Kinder bei ihren Freunden und Freundinnen bleiben können. Und so würden sie sich dann auch besser in die Klassengemeinschaft einfügen, da sie nicht immer wieder zu Extra-Deutschstunden herausgerissen werden müssten.

Die Gräfenauschule mit dem Schulhof
Die Gräfenauschule ist seit 2023 in den Schlagzeilen, weil dort 35 Schülerinnen und Schüler die erste Klassen wiederholen mussten

Im ersten Schuljahr steht Deutschlernen im Mittelpunkt

"Das geschieht ganz ohne Druck, so dass die Kinder den Spaß beim Lernen auch beibehalten", betont Barbara Mächtle. Sie wirkt entspannt. Dass sie auch dieses Jahr wieder 35 Kindern empfehlen wird, die erste Klasse zu wiederholen, sieht sie nicht dramatisch.

Im ersten Schuljahr seien die betreffenden Kinder einfach komplett damit beschäftigt, Deutsch zu lernen. Da bleibe vom restlichen Unterrichtsstoff wenig hängen. Das Wiederholen der ersten Klasse sehe die Schule daher als Chance für die Kids, nicht als Makel.

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Rektorin der Gräfenauschule wünscht sich Deutschunterricht vor Einschulung

Natürlich wäre es deutlich besser, die Kinder würden vor der Einschulung in speziellen Integrationsklassen bereits Deutsch lernen - wie dies in anderen Bundesländern der Fall ist, erklärt die Rektorin. Das sei aber in Rheinland-Pfalz nicht vorgesehen.

Zusätzlich schwierig: Viele Kinder waren nur kurz oder gar nicht in einem Kindergarten und müssten in der ersten Klasse außer Deutsch auch lernen, wie man sich in eine große Gruppe einfügt. Auch das bedürfe zusätzlicher Zeit.

Kinder mit Vorschulkenntnissen wären "ein Traum"

"Klar wäre es ein Traum, die Kids kämen mit guten Deutschkenntnissen und schulischen Vorläuferfähigkeiten an die Grundschule. Würden zum Beispiel in Mathe schon mal Mengen gut erkennen können, so dass wir direkt in Klasse eins mit dem Unterricht starten könnten", sagt Mächtle. Aber das sei Wunschdenken.

Ein Schild mit der Aufschrift "Grundschule Gräfenauschule Ludwigshafen" und dem Wappen von Rheinland-Pfalz
Ein Schild mit der Aufschrift "Grundschule Gräfenauschule Ludwigshafen" und dem Wappen von Rheinland-Pfalz

Alle Schulen in Ludwigshafen haben ähnliche Probleme

In Ludwigshafen steht die Rektorin mit diesen Problemen nicht alleine da. "An allen Schulen in Ludwigshafen beträgt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund mindestens 50 Prozent. Und somit haben alle Schulen die gleichen Probleme und bedürfen der gleichen Unterstützung wie wir", sagt Mächtle.

Zudem kennt die Rektorin es gar nicht anders. Sie ist seit 2004 an der Gräfenauschule und die Anzahl der Wiederholer sei immer schon so hoch. "2023 wurde es dann halt publik", so Mächtle.

Angebote für Eltern in Gräfenauschule nur freiwillig möglich

Und wie wäre es, wenn man die Eltern mehr in die Pflicht nehmen würde? Zum Beispiel auch ihnen Deutschunterricht an der Schule anbieten würde? Ja, klar sei das eine gute Sache, antwortet die Pädagogin. Aber diese Angebote könnten ja nur freiwillig erfolgen. Und sie sehe ja, wie die Angebote des neu gegründeten Familiengrundschulzentrums angenommen werden würden.

Nachmittagsangebote für Familien wenig gefragt

"Beim Bastelnachmittag waren von 140 Eltern gerade mal acht da. Bei einem Event rund um den Schulgarten rund 20 Eltern", erzählt Barbara Mächtle. Die Eltern, die die Angebote wahr nehmen, seien auch total begeistert und voller guter Ideen, was man an der Schule noch an Angeboten schaffen könne.

Werden sie allerdings darauf angesprochen, ob sie aktiv ein Nachmittagsangebot mitgestalten wollen, würden sie nur ablehnend abwinken, so die Rektorin.

Dabei sei genau das der Grundgedanke der Familiengrundschulzentren: Dass sich Eltern aktiv an der Schule einbringen und so eine besseres Verständnis für das deutsche Schulsystem entstehe.

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Warum reinhören?
Der Podcast zeigt das Scheitern des deutschen Schulsystems und macht sich auf die Suche nach Lösungen, wie Schule ein Ort werden kann, an dem alle Kinder eine Chance haben.

"Klasse 0" erfolgreiches Projekt von Gräfenauschule

Dennoch lässt sich die Rektorin der Grundschule nicht entmutigen. Erfolge feiert ihre selbst initiierte "Klasse 0". Zweimal in der Woche bieten Fachkräfte für Kita-Kinder eine Art Vorschule an, in der auch Deutsch unterrichtet wird. Die Ludwigshafener Kitas selbst machen Vorschläge, welchem Kind ein solches Angebot gut tun würde.

Rund 20 Kinder machen aktuell bei der "Klasse 0" mit. Das Ganze wird von einer Stiftung finanziert. "An diesem Projekt könnte sich das Land auch gut beteiligen, denn es ist wirklich ein Erfolgsprojekt", so Barbara Mächtle. Denn im Grunde müsse man vor allem die frühkindliche Bildung verbessern - dann müssten nicht so viele Kinder Jahr für Jahr gleich die erste Klasse wiederholen.

Die Doku zur Gräfenauschule "Schulverlierer - Abgehängt schon in der Grundschule?" ist in der ARD Mediathek abrufbar und wird um 22:50 Uhr im Ersten zu sehen sein.

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