Urban Art polarisiert

Kunst oder Vandalismus? Graffiti und Street-Art in Mainz

Für die einen ist es Sachbeschädigung, für die anderen erwünschte Kreativität im urbanen Raum. An Graffiti und Street-Art scheiden sich die Geister. Einblicke in die Mainzer Szene.

Teilen

Stand

Von Autor/in Rabea Amri

Am Freitagabend klingelte das Telefon bei Gartenbauer Hamdi Humolli in Nieder-Olm. Dran war ein Nachbar von der landwirtschaftlichen Halle in Mainz-Bretzenheim, die er für sein Gartenbau-Unternehmen nutzt.

Die Halle sei gerade mit Graffiti besprüht worden, teilte der Nachbar ihm mit. Hamdi Humolli fuhr hin. Die Polizei war auch schon eingetroffen - und hatte sogar die Täter bereits geschnappt.

Graffiti auf Halle in Mainz-Bretzenheim muss erstmal bleiben

Drei junge Männer waren wohl verantwortlich für den Vandalismus an der Halle, erzählt Hamdi Humolli. "So ein Stress kurz vorm Urlaub, das braucht man echt nicht", sagt er. Die Sachbeschädigung muss der Versicherung gemeldet werden, er braucht einen Kostenvoranschlag von einem Maler.

Am meisten ärgert Humolli aber, dass er den Schriftzug noch stehen lassen muss, bis mit der Versicherung alles geklärt ist. "Am liebsten würde ich selbst direkt drüber streichen", so Humolli.

Auf einer weißen Wand steht der Schriftzug Antifa 161, in blauer Farbe aufgesprüht.
Das "Antifa"-Graffiti auf einer landwirtschaftlichen Halle in Mainz-Bretzenheim.

Graffiti ohne Erlaubnis ist grundsätzlich Sachbeschädigung

Diese Art von Graffiti sei eine politische Botschaft, ordnet Dominik Mahr ein. Er ist Experte für Street-Art in Mainz. Bei Stadtführungen zeigt er die schönsten Werke und klärt über die Hintergründe von Street-Art und Graffiti auf.

Der Person, die da in Bretzenheim "Antifa" an die Wand gesprüht habe, sei es wahrscheinlich nicht wichtig gewesen, dass der Schriftzug eine gewisse Kunstfertigkeit hat. "Das ist einfach eine Message im öffentlichen Raum. Der Schriftzug soll wohl aussagen: Hier ist Antifa-Gebiet", erklärt Dominik Mahr. Grundsätzlich sei eigentlich jedes Graffiti oder Street-Art-Werk, das ohne Erlaubnis angebracht werde, Sachbeschädigung.

Dominik Mahr steht im Ollo-Hof in der Mainzer Neustadt. An den Wänden im Hintergrund sind Street-Art-Kunstwerke angebracht.
Dominik Mahr ist auch Kunsthändler für Street-Art. Er kennt sich in der Szene in Mainz aus, gibt jedes Jahr einen Wandkalender mit Mainzer Kunstwerken heraus.

Polizei: Mehr als 500 Graffiti-Sachbeschädigungen im Raum Mainz

In der Kriminalitätsstatistik der Polizei wird Graffiti unter dem Überbegriff "Sonstige Sachbeschädigung auf Straßen, Wegen oder Plätzen" geführt. Im Jahr 2024 hat es laut Landeskriminalamt im Bereich des Polizeipräsidiums Mainz 554 Sachbeschädigungen durch Graffiti gegeben.

Wie sehr fällt das Graffiti oder die Street-Art dem Betrachter ins Auge? Das kann auch ein Kriterium für die Bewertung sein, ob etwas als Vandalismus wahrgenommen wird.

Dominik Mahr sagt, häufig komme es auch auf die Art und Größe des Graffitis oder der Street-Art an. "Wenn man ein riesiges Graffiti ohne Erlaubnis an eine Hauswand macht, ist das eine Sache", so Mahr. Ein schöner, kunstvoller Sticker an einem Fallrohr hingegen sei zwar auch Sachbeschädigung, aber in einer Form, die vielleicht auf mehr Akzeptanz stoße.

Koblenz, Ludwigshafen, Mainz, Trier, Kaiserslautern

Von Videoüberwachung bis Sicherheitspersonal Graffiti und Zerstörung: Wie sich Kommunen in RLP gegen Vandalismus schützen

Schmierereien an Hauswänden, eingeworfene Fensterscheiben oder ausgerissene Bäume - Vandalismus kennt viele Formen. Wir erklären, wie Kommunen in Rheinland-Pfalz dagegen vorgehen.

Urbane Kunst im Mainzer Stadtbild

Street-Art gibt es in Mainz überall zu entdecken, erzählt Dominik Mahr. Im Tunnel in der Nähe des Hauptbahnhofs ist fast an jeder Stehle, an jedem Pfosten, an jeder Wand ein kleines Kunstwerk versteckt. Besprühte Schallplatten, minikleine Vogelhäuschen, bunte Fliesen und jede Menge Aufkleber mit ganz unterschiedlichen Motiven - viele Künstler ließen sich von Gegenständen oder auch besonderen Materialien inspirieren. "Unsere Intention als Street Artists ist, dass wir etwas Positives in die Welt senden wollen. Das ist unsere Stadt und wir möchten die auch mitgestalten", erklärt Mahr.

Street-Art sei nie destruktiv und solle die Menschen auch nicht nerven. Im Gegenteil - sagt Dominik Mahr: Sie soll ihnen gefallen. Kunst - ohne Eintrittskarte - einfach im öffentlichen Raum.

Die Menschen sollen Street-Art-Kunstwerke sehen und denken: "Oh, das ist schön". Uns ist das Gestalten im Positiven sehr, sehr wichtig.

Ollohof in der Mainzer Neustadt - ein Mekka für Street-Art

In Perfektion lässt sich das im sogenannten Ollohof in der Mainzer Neustadt bestaunen. Der Innenhof mit der dazugehörigen Einfahrt ist ganz offiziell von den Eigentümern, zwei Architekten aus Mainz, für die urbane Kunst freigegeben.

Hier sind bereits die unterschiedlichsten Werke entstanden - Sprühkunst vom Mainzer Graffiti-Künstler Leif.Lines, ein riesiges Wand-Bild der international bekannten Künstlerin Hera aus Frankfurt, und auch die traurige Maria und eins der bekannten Mainzer Monster haben ihren Weg in den Ollohof gefunden.

Streetart
Ein Mainzer Monster vom Monstermann. Die Figuren finden sich überall in Mainz - normalerweise werden sie aufgeklebt. Hier im Ollohof wurde das Monster mal mit Farbe an die Wand gebracht. Bild in Detailansicht öffnen
Streetart
Die traurige Maria ist eines der bekanntesten Street-Art-Motive in Mainz. Die Künstlerin oder der Künstler ist unbekannt, tritt aber unter dem Namen Maria M. Fantasma auf. Mittlerweile verschwinden immer mehr Marien aus dem Mainzer Stadtbild, weil Häuser abgerissen oder Wände übermalt werden. In einer eigenen Stadtführung lässt der Street-Art-Insider Dominik Mahr die verschwundenen Marien aber wieder per Projektion aufleben. Bild in Detailansicht öffnen
Streetart
Ein Stickerspot im Ollohof in Mainz: An dem Fallrohr haben sich schon viele Street-Art-Künstler mit ihren Aufklebern verewigt. Das auffällige Gesicht mit den Doppelaugen an der Wand stammt vom Street-Artist Yorkar aus Wiesbaden. Die vier Augen sind ein Markenzeichen seiner Kunst. Damit will er zum Ausdruck bringen, dass nicht immer alles auf den ersten Blick zu erkennen ist und dass es manchmal mehr als nur zwei Augen braucht, um etwas zu verstehen. Bild in Detailansicht öffnen
Streetart
Wenn der Wiesbadener Street-Art-Künstler "Zu viele Hobbys" Mainz besucht, dann hinterlässt er Spuren - wie hier in der Nähe des Hauptbahnhofs. Seine Figur OlliLolly hat er mit einem Lasercutter aus Holz ausgeschnitten und dann bemalt. Bild in Detailansicht öffnen
Streetart
BdM-Streetart ist mit seinem Projekt "Let gears grow" auch in der Osteinunterführung am Mainzer Hauptbahnhof präsent. Der Künstler ist Steampunk-Fan. Er arbeitet mit alten Buchseiten, Zahnrädern und mit Kalligrapghie-Schriftzeichen. Bild in Detailansicht öffnen
Streetart
Eine Kassette als Street-Art: Im Ollohof in der Mainzer Neustadt hat ein Künstler ein echtes Tape an die Wand geklebt - zum Mitnehmen. Die Idee: Menschen können sich die Kassette mit nach Hause nehmen, kopieren, und dann wieder zurückbringen. Und wer lieber digital Musik hören will, findet die passende Playlist zum Thema Glück auch bei bekannten Musikstreamingdiensten. Bild in Detailansicht öffnen

Street Art-Künstler in Mainz arbeiten gerne im Verborgenen

Um die Mainzer Street Art weiter zu fördern, hat Dominik Mahr "Loving Mainz" gegründet - Kürzel: LVNG MNZ - ein Label für urbane Kunst aus Mainz. Er und seine Partnerin Agnieszka sind selbst Street Artists und mit ihrer Kunst in Mainz vertreten. Was genau sie machen, wollen sie aber nicht verraten.

Das Geheimnisvolle, Mysteriöse ist sicherlich auch etwas, das Street Art faszinierend macht. "Die meisten von uns arbeiten ja im Verborgenen und wollen eigentlich auch nicht, dass man ihre Identität kennt," sagt Dominik Mahr schmunzelnd.

Nach 30 Jahren Festanstellung Selbstständigkeit als Graffitikünstler

30 Jahre arbeitet Leif als Festangestellter bei Opel. Dann bietet ihm der Autobauer eine Abfindung an. Leif nimmt an und findet als selbstständiger Graffitikünstler seine Erfüllung

Mainz: Krebskranke Kinder gestalten Stromkästen mit Graffiti

Krebskranke Kinder aus dem Herzenssache-Projekt "Schwierige Zeiten gemeinsam meistern" durften in Mainz Stromkästen mit Graffiti verschönern. Bei der Aktion fühlten sie sich "einfach frei".

Mainz

Geheimnisvoll wie Banksy Maria M. Fantasma - Spurensuche in der Street-Art-Szene in Mainz

Der geheimnisvolle Künstler Banksy ist vielen ein Begriff. Aber wer ist Maria M. Fantasma? Unter diesem Namen tritt ein Künstler oder eine Künstlerin in Mainz in Aktion.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RP