Kliniken in Worms und Mainz erarbeiten Sicherheitskonzepte

Gewalt in der Notaufnahme: Immer mehr respektlose Patienten

Treten, spucken, beißen: Im Klinikum Worms häufen sich Fälle, in denen sich Patienten aggressiv verhalten. Um das Personal zu schützen, entwickelt das Haus ein Sicherheitskonzept.

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Von Autor/in Corinna Lutz, Tjada Huchtkötter

Es wird geschlagen, gespuckt und beschimpft - und das immer öfter. Besonders in der Notaufnahme, dem ersten Anlaufpunkt für viele Patienten und Patientinnen, ist die Stimmung oft emotional aufgeladen: Verzweiflung, Wut und Ungeduld. Aushalten müssen diese Aggressionen dann die Mitarbeitenden, die somit unfreiwillig als Blitzableiter für Frust und Ärger dienen.

Verbale und aggressive Übergriffe werden am Klinikum Worms seit dem Jahr 2018 systematisch über einen Meldebogen erfasst. Gründe für dieses Verhalten sind oft der Konsum von Alkohol oder Drogen, Verwirrung oder auch Schmerzen.

Ein Schild auf dem steht: Anmeldung Notaufnahme für Erwachsene und Kinder
Wer in die Notaufnahme am Wormser Klinikum kommt, möchte auch gern direkt behandelt werden - doch das geht nicht immer. Da kann es dann schon mal zu Ungeduld und Wut kommen.

Gewalt nimmt überall in der Gesellschaft zu - auch im Krankenhaus

Laut Dr. Ulrike Buchwald, die einen Arbeitskreis gegen Gewalt in der Klinik betreut, hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen: "Das, was wir tagtäglich auch im Geschäft oder im öffentlichen Personennahverkehr erleben, erleben wir zunehmend auch im Krankenhaus."

Die Gewalt gehe dabei vor allem von den männlichen Patienten aus, sagt Dr. Ulrike Buchwald, Chefärztin der Geriatrie. Im Verhältnis seien es 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen. Nach Angaben des Klinikums wurden im Jahr 2023 insgesamt 13 Übergriffe gemeldet, ein Jahr später waren es bereits 30.

Wir gehen allerdings von einer deutlichen Untererfassung aus, da nicht jeder Vorfall gemeldet wird.

Das Klinikum Worms hat ein Konzept entwickelt, welches die Mitarbeitenden nach einem solchen Vorfall unterstützen soll. Nachdem eine Situation eskaliert ist, findet ein erstes Gespräch mit der Betriebsärztin statt. Gibt es Bedarf an einer Nachsorge, wird eine psychologische Betreuung, gegebenenfalls auch eine Trauma-Beratung angeboten. Auch wer Anzeige erstatten möchte, wird dabei von Seiten des Klinikums unterstützt.

Respektlose Patienten auch an der Uniklinik in Mainz

An der Universitätsmedizin in Mainz kennt man das Problem auch. Eine Sprecherin schreibt auf SWR-Nachfrage: "Bedauerlicherweise sind in den letzten Jahren eine tendenzielle Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang und eine zunehmende Respektlosigkeit gegenüber Ärzt:innen und Pflegekräften zu verzeichnen."

In der Folge ereigneten sich in immer mehr Bereichen Fälle von Aggression und Gewalt gegenüber Mitarbeitenden.

Verbale Übergriffe in der Notaufnahme sind mittlerweile leider an der Tagesordnung.

Im vergangenen Jahr haben sich 15 Beschäftigte an die Stabsstelle Sicherheit der Mainzer Uniklinik gewandt. Im Jahr zuvor seien es 16 gewesen. In diesem Jahr habe es bereits 14 Meldungen gegeben. Ob auch Anzeigen bei der Polizei erstattet worden seien, wisse man nicht, sagt Sprecherin Barbara Reincke.

Klinikum Worms ruft Arbeitskreis gegen Gewalt ins Leben

Am Klinikum Worms gibt es daher nun einen eigenen Arbeitskreis Gewalt und Prävention. Dieser hat ein Konzept entwickelt, um Mitarbeitende vor Gewalt zu schützen, beziehungsweise sie auf mögliche Gewalt bestens vorzubereiten. Zu den wichtigsten Punkten zählen regelmäßige Schulungen und die Unterstützung durch zwei Deeskalationsmanagerinnen.

Dr. Ulrike Buchwald steht auf einem Gang in einem Krankenhaus.
Dr. Ulrike Buchwald ist Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Klinikum Worms. Zusammen mit anderen Mitarbeitenden arbeitet sie im Arbeitskreis Gewalt und Präventation.

Chefärztin Dr. Ulrike Buchwald ist Mitglied des Arbeitskreises und laut ihr ist der erste Schritt immer der Versuch, verbal zu deeskalieren. Oft würde es schon helfen, wenn man den Patienten in Ruhe erklärt, was man gerade machen möchte und warum diese Untersuchung wichtig sei.

In brenzligen Situationen greift ein Schutz-Plan

Sollten sich Situationen dennoch zuspitzen, greifen hauseigene Verfahren, so Dr. Ulrike Buchwald. Dazu gehört eine zentrale Telefonnummer, die angerufen werden kann. So werden schnell andere Mitarbeitende in der Nähe kontaktiert, die dann zur Hilfe eilen können.

Außerdem werden derzeit im Klinikum Worms Schutzräume eingerichtet, in die sich Beschäftigte im Gefahrenfall in Sicherheit bringen können. Die Räume können von innen abgeschlossen werden. Über eine zentrale Notrufnummer kann Hilfe angefordert werden.

Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden hat für uns im Klinikum höchste Priorität.

Security überwacht Notaufnahme am Klinikum

An den Wochenenden ist im Klinikum außerdem Sicherheitspersonal im Einsatz. Dies ist meist im Wartebereich der Notaufnahme präsent, so Buchwald. "Die Security-Mitarbeitenden können aber auch in anderen Bereichen angefordert werden", sagt die Chefärztin. Auch das sei Teil des Präventionskonzeptes.

Anmeldefenster der Notaufnahme, mit einem Infosschild zur Notaufnahme darüber.
Gerade in der Notaufnahme kommt es zu verbalen oder körperlichen Angriffen auf das Klinikpersonal.

In den meisten Fällen reiche die Präsenz der Security-Mitarbeitenden auch schon aus, um eine aufgeheizte Stimmung zu deeskalieren. Somit musste laut der Wormser Chefärztin die Polizei bisher nur in extrem seltenen Fällen hinzugezogen werden - aber es kam auch schon vor.

Das letzte Mittel sei das Aussprechen von Hausverboten, so Dr. Ulrike Buchwald. Im Jahr seien das in der Regal niedrige einstellige Zahlen. Denn: Anders als in Kaufhäusern oder Sportanlagen könne man Hausverbote im Krankenhaus nicht knallhart aussprechen. Wenn ein Patient lebensbedrohlich behandlungsbedürftig ist, müsse auch dieser behandelt werden, selbst wenn er aggressiv sei.

Maßnahmen an der Uniklinik Mainz

Auch an der Uniklinik Mainz werden verschiedene Maßnahmen ergriffen, dazu zählen Schulungen im Umgang mit aggressionsbereiten Personen inklusive Tipps zur Deeskalation, Supervision und ein spezielles Kommunikationstraining. Auch können sich Mitarbeitende in der kollegialen Erstbetreuung schulen lassen.

Dabei handelt es sich um ein Hilfsangebot, das dazu dient, die betroffenen Kollegen und Kolleginnen nach solchen Ereignissen bei Bedarf emotional aufzufangen. Bei schwerwiegenden Ereignissen kann zudem kurzfristig therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Zur akuten Gefahrenabwehr sind insbesondere in Bereichen mit einem erfahrungsgemäß höheren Risiko an Aggressionspotenzial, beispielsweise der Zentralen Notaufnahme, Notrufsysteme installiert worden. Mit diesen können über einen "stillen Alarm“ möglichst frühzeitig die Polizei, der hauseigene Ordnungsdienst sowie das klinikinterne Medizinische-Einsatz-Team alarmiert werden können.

Härtere Strafen für Täter gefordert

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und die Bundesärztekammer fordern härtere Strafen für Übergriffe auf das Personal in Kliniken und Praxen. "Der Staat muss das Signal aussenden, dass trotz überlanger Wartezeiten in der Notaufnahme, trotz komplizierter Prozesse im Krankenhaus, Gewalt absolut inakzeptabel ist und keinerlei Toleranz erfährt", sagte DKG-Chef Dr. Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Wie viele andere leiden auch die Beschäftigten in Krankenhäusern und Arztpraxen unter zunehmender Verrohung, Respektlosigkeit und gesunkenen Hemmschwellen.

Die Bundesregierung will Gewalt gegen medizinisches Personal schärfer ahnden. Im Herbst soll dazu ein Gesetzentwurf vorgelegt werden.

Frau hält ihre Hände vor das Gesicht.

ARD Mediathek Gewalt gegen Pflegende (Report Mainz 2021)

Viele medizinische Angestellte erleben in ihrem Berufsalltag körperliche Gewalt durch PatientInnen und Angehörige.

Worms

Üben an Patienten-Avataren Pflegeausbildung mit VR-Brillen

Für Pflegeschülerinnen und -schüler im Klinikum Worms öffnet sich eine neue Welt: Mit sogenannten VR-Brillen können sie nun alles üben, was in der Pflege notwendig ist.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz