Retter unter psychischem Druck

Feuerwehr Mainz: Immer auf das Schlimmste gefasst

Feuerwehrleute müssen mit Extremsituationen umgehen, nicht nur bei Bränden. Sie treffen auf Selbstmörder oder auf Menschen, die einsam starben. Das belastet die Lebensretter.

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Von Autor/in Sabine Steinbrecher

Fast jede Woche ist die Feuerwehr Mainz mit dem Tod konfrontiert. Es wird ein Selbstmord oder ein Suizidversuch gemeldet, oder sie werden für eine sogenannte "Notfalltüröffnung" gerufen. Das passiert alle zwei bis drei Tage. Dann werden sie von Nachbarn alarmiert. Manchmal ist die Wohnung leer, oft finden sie hinter der Tür aber auch eine Leiche. Es sind Menschen, die oft schon vor Wochen oder sogar Monaten gestorben sind. Menschen, die einen medizinischen Notfall hatten oder sich selbst umgebracht haben und die, aufgrund der Anonymität der Großstadt, von niemandem vermisst wurden.

Michael Ehresmann, Sprecher der Feuerwehr Mainz vor einem Einsatzfahrzeug. Die Kräfte müssen immer auf das schlimmste gefasst sein.
Die Kräfte der Feuerwehr Mainz müssen immer auf das Schlimmste gefasst sein.

"Darauf sind wir ständig eingestellt", sagt Michael Ehresmann. Er spricht für sich und die etwa 600 Feuerwehrleute, die es insgesamt in Mainz gibt. Das schließt die Berufsfeuerwehr und die elf freiwilligen Feuerwehren in den Stadtteilen ein.

Umgang mit Brandleichen, Unfalltoten oder Selbstmördern

Immer auf alles gefasst zu sein, sei für die Ehrenamtlichen besonders schwierig, sagt Ehresmann. Sie werden gleichzeitig mit der Berufsfeuerwehr alarmiert, wenn der Notruf aus ihrem Stadtteil kommt. Das bedeutet, sie verlassen ihre Arbeit, ihre Familie oder müssen von einer privaten Feier weg, um schnell zum Feuerwehrgerätehaus zu kommen, sich umzuziehen und auszurücken. "Dann zum Beispiel eine Brandleiche zu sehen oder einen Körper, der sich vom Hochhaus gestürzt hat, kann sehr belastend sein", sagt Ehresmann.

"Bei tödlichen Ereignissen müssen nicht alle vorne sein.

Man kann sich teilweise auf die Bilder vorbereiten, sagt der Feuerwehrmann. Wenn beispielsweise Leichenteile auf der Schiene liegen, kann einen der Anblick unvorbereitet sehr belasten. Deswegen frage man die Neuen, ob sie es sich ansehen wollen, um sich an den Anblick solcher Extrembilder zu gewöhnen.

Die Feuerwehrleute sprechen im Team über ihre Gefühle. Ehresmann ist selbst auch Einsatzleiter. Er sagt, über das Erlebte zu sprechen, sei wichtig, um die Situation zu verarbeiten. Fast immer sei das auch ausreichend, weil die Feuerwehrleute gut geschult seien. Darüber hinaus gäbe es jedoch Einzelne, die psychische Hilfe in Anspruch nehmen müssten. Bei ihnen habe es zu viele traumatische Eindrücke gegeben, die das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Immer in Alarmbereitschaft

Die Anzahl der Notrufe steigt in den letzten Jahren immer mehr an. Die Feuerwehr wird bei Gewitter gerufen, wenn Keller oder Unterführungen überflutet wurden. Teilweise sogar, weil die Anrufer die Feuerwehr als billige Hilfskraft sehen: Ein Ast liegt auf der Straße oder ein Handy ist irgendwohin gefallen, wo der Besitzer es nicht herausbekommt. Dieses ständige "auf Abruf bereit zu sein" sei insbesondere für ehrenamtliche Kräfte anstrengend, sagt der Feuerwehrmann.

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Zweiter Einsatz an einem Wochenende Wieder Mann aus dem Rhein bei Mainz gerettet

Am Samstagabend ist es in Mainz erneut zu einem Einsatz auf dem Rhein gekommen. Zum zweiten Mal innerhalb eines Wochenendes war eine Person beim Schwimmen im Fluss in Schwierigkeiten geraten.

Offenbar aus Spaß sind vor Kurzem an zwei aufeinander folgenden Tagen Männer in den Rhein gesprungen. Sie wollten schwimmen gehen. Bei den Einsätzen wurden am Wochenende auch Ehrenamtliche aus ihrer Freizeit geholt. Zum Glück konnten die Schwimmer unverletzt geborgen werden. Trotzdem muss jeder, der im Einsatz ist, immer mit dem Schlimmsten rechnen.

"Wenn Sie jetzt auflegen, springe ich runter!

Der Disponent in der Notrufzentrale versuche, vieles schon am Telefon zu lösen, sagt Ehresmann. Es käme vor, dass jemand anrufe und sage, er stehe auf einem Hochhaus und wolle sich umbringen. Der Kollege in der Zentrale sei Profi genug, in solchen Situationen ruhig zu bleiben.

Nervenaufreibende Situationen

Die Akzeptanz der Feuerwehrleute sei insgesamt in Mainz sehr groß. Als nervenaufreibend empfindet Ehresmann es jedoch, wenn Passanten Einsätze fotografieren und in die sozialen Netzwerke hochladen. Das sei zusätzlich Stress, sagt er, genauso wie Menschen, die Absperrungen nicht akzeptieren wollen.

Nach einem Suizid habe er zum Beispiel eine Dame erst ausbremsen können, als er sagte: "Es wurde eine Person hier gerade in mehrere Teile aufgeteilt, weil sie auf den Schienen lag. Wenn Sie möchten, können wir sie uns angucken." Sie habe sich dann dagegen entschieden.

Wenn die Feuerwehr kommt, ist das Schlimmste meist schon passiert

Was als besonders belastend empfunden wird? Das sei sehr individuell, sagt Michael Ehresmann. Für ihn selbst? "Wenn jemand noch lebt, wenn wir ankommen, und am Ende des Einsatzes nicht mehr lebt." Dann frage man sich lange, ob man wirklich alles getan habe. Ob man etwas hätte besser machen können, um dieses Leben zu retten. Denn Leben zu retten, sei das oberste Ziel der Feuerwehr.

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