Besonders ein Einsatz hat sich tief in das Gedächtnis von Simon Tigges eingebrannt: Damals war er noch ein junger Feuerwehrmann, als bei einem Verkehrsunfall ein Feuerwehrkamerad aus dem Nachbarort ums Leben kam. "Wenn man die Menschen persönlich kennt, ist es noch viel belastender", sagt der heutige Brand- und Katastrophenschutzinspekteur der Stadt Pirmasens. Einsätze mit Todesfällen, schwere Unfälle oder Brandleichen – solche Erlebnisse begleiten Feuerwehrleute ein Leben lang. Vergessen? Tigges schüttelt den Kopf: "Nein, unmöglich."
Psychische Belastung - und was dann?
Vieles werde im Team verarbeitet, durch Gespräche unter Kameradinnen und Kameraden, erklärt Simon Tigges. Auch professionelle Hilfe steht zur Verfügung. Doch jeder Mensch gehe anders mit Extremsituationen um. "Jeder hat ein Fass, das unterschiedlich groß ist", sagt Tigges. "Mit jedem Einsatz füllt es sich. Und manchmal reicht dann dieser eine Tropfen, um es zum Überlaufen zu bringen."
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Viel Druck für freiwillige Helfer in Rheinland-Pfalz
In Pirmasens unterstützen über 100 Freiwillige die 30 Berufsfeuerwehrleute. Die Ehrenamtlichen haben meist einen Vollzeitjob und sind trotzdem ständig abrufbereit – eine große Belastung, findet Tigges. Außerdem haben sich die Anforderungen durch neue Technik stark verändert, weshalb regelmäßige Schulungen nötig sind, die zusätzlichen Stress verursachen. "Im Notfall muss man eben genau wissen, wie unser Equipment funktioniert", sagt Tigges. Auch die zunehmende Bürokratie erschwert den Arbeitsalltag, gibt er zu.
Unnötige Einsätze in Pirmasens und Neustadt an der Weinstraße
Auch unnötige Einsätze erschweren die Arbeit der freiwilligen Feuerwehrleute. So wurde die Helfer in Pirmasens zum Beispiel alarmiert, weil in der Innenstadt auf einer Grünfläche ein kleines Feuer ausgebrochen war. Wahrscheinlich durch eine Zigarette ausgelöst. "Das Feuer hätte man locker austreten oder mit einem halben Liter Wasser löschen können", erzählt Simon Tigges. Dennoch fuhren die Einsatzkräfte damals mit Sondersignal durch die Stadt.
Solche Einsätze kennt auch Ralf Stuhlberg, stellvertretender Brand- und Katastrophenschutzinspekteur bei der freiwilligen Feuerwehr Neustadt an der Weinstraße. Im Mai erreichte die Feuerwehr ein Notruf, vier Einsatzkräfte rückten aus – mit einer Tiertransportbox im Wagen. Eine Frau hatte die Feuerwehr alarmiert, nachdem sie einen verletzten Igel entdeckt hatte. Die Helfer brachten das Tier zur Tierärztin. Einsatz beendet.
Akzeptanz der Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz
Simon Tigges warnt, dass die Geduld der Arbeitgeber nachlassen könnte, wenn freiwillige Feuerwehrleute öfter zu unnötigen Einsätzen ausrücken.
Stefan Klein, langjähriger Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Neustadts und selbst Chef eines Unternehmens, sagt: Das System funktioniert nur dank der Unterstützung der Stadt und engagierter Helfer.
Klein sagt, dass es selten vorkomme, dass sich Betriebe darüber beschweren, dass ihre Mitarbeiter wegen Feuerwehreinsätzen ihre Arbeit abbrechen müssen. "Ich bin aber auch schon zu Betrieben hin und habe denen da ganz deutlich gemacht, wie wichtig unsere Arbeit ist."
Einmal habe er mit dem Rektor einer Neustadter Schule gesprochen. Dieser wollte seine Schülerinnen und Schüler, die sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagieren, nicht für Einsätze gehen lassen. "Wir müssen uns die Mühe machen, den Leuten zu erklären, warum unsere Arbeit wichtig ist." Den Rektor konnte er damit überzeugen.
Auch Marco Feig, Vizepräsident der IHK Pfalz und Chef der FEIG GmbH in Altdorf, schätzt die Freiwilligen in seinem Betrieb. Fünf seiner 17 Mitarbeiter engagieren sich, er hat kein Problem, wenn sie für Einsätze fehlen: "Ich will ja auch, dass die Feuerwehr bei uns vorbeikommt, wenn es brennt."
Mehr Gerechtigkeit für freiwillige Helfer in Rheinland-Pfalz
"Viele wissen gar nicht, dass es überhaupt freiwillige Feuerwehrleute gibt", sagt Simon Tigges aus Pirmasens. Trotz der Belastung gebe es zum Glück genug Menschen, die helfen. Das bestätigt auch Ralf Stuhlberg: In Neustadt engagieren sich 340 aktive Feuerwehrleute. Neustadt an der Weinstraße hat damit die größte freiwillige Feuerwehr in Rheinland-Pfalz.
"Es sind die Ehrenamtlichen, die sich freiwillig den psychischen Belastungen stellen."
Oft sind es die Freiwilligen, die zu den schwersten Einsätzen gerufen werden, so Tigges. "Es sind die Ehrenamtlichen, die sich freiwillig den psychischen Belastungen stellen", sagt er. Mehr Wertschätzung und faire Anerkennung von der Gesellschaft und der Politik - das haben die freiwilligen Helfer mehr als verdient, findet Tigges.