Der Angriff kam mitten in der Nacht: Kurz nachdem ein Patient mit dem Rettungswagen in die Zentrale Notaufnahme an der Mainzer Universitätsmedizin gebracht worden war, wurde er plötzlich aggressiv und schlug einem Pfleger ins Gesicht.
Patient bricht Pfleger die Nase
Auf dem Weg in die Notaufnahme habe sich der Patient noch kooperativ verhalten, heißt es von der Unimedizin. Die Situation sei dann innerhalb weniger Sekunden eskaliert. Der betroffene Pfleger erlitt einen Nasenbeinbruch und Verletzungen an einem Auge.
Zweiter Angriff in der folgenden Nacht
Der Vorfall ist einer von zwei schweren Angriffen, die sich Ende August an zwei aufeinanderfolgenden Nächten in der Notaufnahme ereignet haben. In einem Fall soll der Patient alkoholisiert gewesen sein, im anderen Drogen genommen haben. Auch beim zweiten Angriff wurde die betroffene Pflegerin verletzt. Die Allgemeine Zeitung hatte zuerst über die Fälle berichtet.
Seit den Angriffen sei die Stimmung im Team deutlich verändert, sagt Tim Symolka, kommissarischer Abteilungsleiter der Pflege: "In den Tagen danach hat man gemerkt: Da ist etwas passiert – auch in den Köpfen der Mitarbeitenden. Und das wird noch eine Weile nachwirken."
Pflegechef wird zum Ersthelfer
Symolka war in beiden Nächten in der Notaufnahme und gehörte zu den ersten, die eingriffen: "Der Patient hat versucht uns körperlich anzugehen, aber wir konnten ihn auf Abstand halten. Dann kam die Polizei und hat ihn festgenommen", erinnert er sich.
Dass so etwas passieren kann, sei ihm bewusst, man arbeite nun einmal eng mit Menschen zusammen. Er und seine Kollegen hätten aber oft ein mulmiges Gefühl, wenn Patienten kommen, die offensichtlich unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen.
Beschimpft, bedroht, geschubst: Übergriffe sind Alltag
Und das Problem ist größer: Auch abseits solcher Extremsituationen gibt es immer wieder Konflikte zwischen Patienten und Personal. Das zeigt eine Umfrage der Unimedizin, die 2025 unter allen Mitarbeitenden der Notaufnahme durchgeführt wurde.
"Da haben wir herausgefunden, dass unser Personal fast tagtäglich angegangen wird. Über 90 Prozent werden verbal angegangen. Aber es gibt erschreckenderweise auch körperliche Übergriffe", sagt Dr. Joachim Riße, der die Station leitet. Die Umfrage zeigt: Beleidigen, drohen, bespucken, kratzen, festhalten – all das gehört für die meisten hier zum Arbeitsalltag.
Im Wartezimmer staut sich viel Frust an
Vor allem im Wartezimmer herrscht immer wieder Frust: "Jeder ist natürlich besorgt", weiß Joachim Riße, "da haben wir total Verständnis. Aber wir müssen uns priorisiert kümmern und das kann für den ein oder anderen eine längere Wartezeit bedeuten." Im Wartezimmer hängen deshalb schon seit Längerem Infoplakate, die darauf aufmerksam machen und ein Verständnis für die anstrengende Arbeit in der Notaufnahme schaffen sollen.
Mehr Security, neue Abläufe: Klinik zieht Konsequenzen
Die Vorfälle Ende August waren jedoch so einschneidend, dass weitere Schritte eingeleitet wurden: Die Zahl der Sicherheitskräfte in der Notaufnahme wurde erhöht und die Notfallkette so verändert, dass die Polizei im Ernstfall schneller alarmiert wird.
Derzeit werden datenschutzrechtliche Fragen geklärt, um künftig auch Überwachungskameras und Bodycams einsetzen zu können. Außerdem sollen sogenannte Panikräume eingerichtet werden – das sind Räume, die sich im Notfall schnell verschließen lassen und den Mitarbeitenden Schutz bieten.
Mitarbeitende werden in Deeskalation geschult
In der Unimedizin stellt sich deshalb schon seit Längerem die Frage, wie die Mitarbeitenden besser geschützt werden können. Dazu gehört, sie darin zu schulen, Situationen zu entschärfen, bevor sie gefährlich werden. Denn oft sind es vermeintlich kleine Dinge, die zu Problemen mit Patienten führen.
Trotz Angst: Pflegekräfte wollen nicht aufgeben
Doch trotz all der Maßnahmen: 100 Prozent Sicherheit wird es nie geben, sagt Tim Symolka. Von seiner Arbeit will er sich trotzdem nicht abbringen lassen:
"Wir geben hier alle unser Bestes. Wir sind sehr bemüht, für jeden die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten. Aber wir müssen klar priorisieren und das wird auch immer so bleiben."