Schwächen im Gesundheitssystem

Studie: Menschen sterben wegen zu später Versorgung

Wenn jemand stirbt, obwohl er mit der richtigen Behandlung noch hätte weiterleben können, spricht man von "medizinisch vermeidbaren" Todesfällen. Laut einer Studie passiert das in RLP häufiger als im Nachbarland Frankreich. Was sind die Gründe dafür?

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Von Autor/in Rebecca Habtemariam, SWR Data Lab

Erstmal abwarten, ob die Schmerzen wieder weggehen. Was in manchen Fällen funktioniert, kann in anderen fatal enden. "Erst legt sich der Patient zwei Stunden ins Bett, um zu schauen, ob es besser wird. Erst danach geht er zum Hausarzt", schildert Nikos Werner ein typisches Szenario. 

Er ist Chefarzt der Kardiologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Trier. "Bis der Patient ins Krankenhaus kommt, sind schon vier bis fünf Stunden vergangen." Und die können im Fall eines Herzinfarkts lebensentscheidend sein. Ein solcher Sterbefall würde zu den "medizinisch vermeidbaren" gezählt werden.

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Davon gibt es in Rheinland-Pfalz im deutschlandweiten Vergleich weder besonders viele noch besonders wenige, aber deutlich mehr als in den benachbarten französischen Regionen. 

Das zeigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und den Universitäten Groningen und Oldenburg.    

Die Forschenden analysierten Daten zu Sterbefällen aus den Jahren 2002 bis 2019 für verschiedene Regionen in zehn europäischen Ländern. Die Analyse beschreibt einen langfristigen Trend, der sich laut Studienautor Michael Mühlichen auch jetzt, einige Jahre nach dem Ausnahmezustand durch die Pandemie, fortzuführen scheint.  

Als "medizinisch vermeidbar" gelten in der Studie Tode von unter 75-Jährigen, die durch eine frühere oder angemessenere Behandlung hätten verhindert werden können. 

Gibt es viele "medizinisch vermeidbare" Todesfälle in Rheinland-Pfalz? 

Die Sterberaten bei "medizinisch vermeidbaren" Todesfällen ist in Rheinland-Pfalz im deutschlandweiten Vergleich eher unauffällig. Der Blick über die Bundesgrenzen zeigt jedoch: Die Sterberaten in den angrenzenden französischen Regionen sind deutlich niedriger.

Diese Beobachtung passt in ein größeres Muster: In Deutschland gibt es im Vergleich zu den untersuchten westeuropäischen Ländern verhältnismäßig viele "medizinisch vermeidbare" Todesfälle.

Das Gesundheitssystem spielt eine Rolle.

Woran genau das liegt, lässt sich schwer sagen. "Das Gesundheitssystem spielt sicherlich eine Rolle", erklärt Ute Mons. Sie ist Gesundheitsforscherin und leitet die Abteilung Primäre Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum. 

Die Systeme unterscheiden sich von Land zu Land teilweise sehr, aber um zu erkennen, was genau den Unterschied macht, müsse man auf jede Erkrankung einzeln schauen.   

Herzkrankheiten überwiegend für höhere Sterberaten verantwortlich

Die häufigste "medizinisch vermeidbare" Todesursache in Rheinland-Pfalz, wie auch im Rest Deutschlands, ist die Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße.

Durch Ablagerungen können die Gefäße, die das Herz mit Blut und Sauerstoff versorgen, verengen. Die Folge können beispielsweise Herzinfarkte sein. 

Doch warum kommen diese Erkrankungen in Deutschland häufiger vor als beispielsweise in Frankreich, Spanien und Italien? Laut Martin Halle, Kardiologe und Professor an der Technischen Universität München, liegt das unter anderem daran, dass es in Deutschland keine festen Regeln für den Arztbesuch gebe.

In anderen Ländern, etwa in Spanien, muss ein Patient erst den Hausarzt aufsuchen, bevor er zum Facharzt geht. Dieses System wünscht sich Halle auch in Deutschland. So können Hausärzte ihre Patienten und mögliche Risikofaktoren regelmäßig beobachten und sie an die entsprechenden Fachärzte weiterleiten. 

In keinem anderen europäischen Land wird so viel darüber diskutiert, ob Cholesterin nun schlecht oder nicht ganz so schlimm sei.

Auch unterschiedliche Mentalitäten spielen eine Rolle: "In keinem anderen europäischen Land wird so viel darüber diskutiert, ob Cholesterin nun schlecht oder nicht ganz so schlimm sei. Dabei sind die wissenschaftlichen Ergebnisse eindeutig." Das kann ein Grund dafür sein, warum Menschen ihre Risikofaktoren nicht richtig ernst nehmen.

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In ärmeren Regionen ist die "medizinisch vermeidbare" Sterberate höher

Die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands liegen laut Experten zum großen Teil an verschiedenen sozialen und finanziellen Lebensumständen. Dazu zählt zum Beispiel, wie gut man gebildet ist, wie viel Geld man verdient oder wie stabil das familiäre Umfeld ist.

Im bundesweiten Vergleich liegen laut Studie die Sterberaten "medizinisch vermeidbarer" Todesfälle in Rheinland-Pfalz im Mittelfeld. Das spiegelt sich in der Sozialstruktur wider: Laut aktuellen Erhebungen sind die Menschen im Land weder stark armutsgefährdet, noch sind deutliche Defizite in der Bildung zu erkennen.

Sterberaten "medizinisch vermeidbarer" Tode in Nord- und Ostdeutschland sind teilweise deutlich höher als in Rheinland-Pfalz, was unter anderem auf soziale und wirtschaftliche Aspekte in den betreffenden Regionen zurückgeführt werden kann.  

Mehr Geld und höhere Bildung können die Gesundheit positiv beeinflussen

Nicht nur die sozioökonomische Situation einer Region, sondern vor allem die individuelle Lage jedes Einzelnen spiele eine große Rolle für den Gesundheitszustand, sagt Bevölkerungsforscher Mühlichen.

"Menschen, die ein geringeres Einkommen, eine unsichere Beschäftigung oder ein niedrigeres Bildungsniveau haben neigen in der Tendenz häufiger zu einem ungesunden Verhalten oder wissen nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen", sagt der Experte.  

Eine Beobachtung, die auch Kardiologe Werner immer wieder bei Patienten macht. Viele wüssten nicht genau, auf welche Symptome und Risikofaktoren sie achten müssen.

Studien belegen, dass Menschen, die weniger gebildet sind und weniger Geld haben, seltener Fachärzte aufsuchen. Vorsorgeuntersuchungen wie der Gesundheits-Check-Up beim Hausarzt könnten hier Abhilfe schaffen, da dort verschiedenste Risikofaktoren geprüft werden.

Ärztemangel verstärkt die Probleme

Aber: Auch die Verfügbarkeit von Ärzten kann einen Einfluss auf "medizinisch vermeidbare" Todesfälle haben.  

Wenn Patienten ewig auf Facharzttermine warten müssen oder der nächste Arzt weit weg vom Wohnort ist, ist es umso wahrscheinlicher, dass Risikofaktoren und Symptome nicht rechtzeitig erkannt werden. Diese Zeitverzögerung kann schon der Grund sein, dass eine Krankheit nicht mehr gut heilbar ist. 

Je nachdem, wo Sie in Rheinland-Pfalz wohnen, sind die Wartezeiten auf einen kardiologischen Termin lang.

Als Bundesland mit viel ländlichem Raum ist Rheinland-Pfalz vom Landärzte-Mangel betroffen. "Je nachdem, wo Sie in Rheinland-Pfalz wohnen, sind die Wartezeiten auf einen kardiologischen Termin lang. Das ist anders als in den Ballungsgebieten", sagt Chefarzt Nikos Werner.

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Die Probleme gibt es auch, wenn es um die Behandlung von schweren Krankheiten geht, sagt Gesundheitsforscherin Ute Mons. Spezialkliniken seien für Krebspatienten oft mehrere hundert Kilometer weit weg. Trotz besserer Behandlungsmöglichkeiten entscheiden sich viele dagegen, um hohe Kosten zu meiden und näher an der Familie zu sein. 

Grundsätzlich ist der Trend der letzten Jahre unabhängig vom sozioökonomischen Status aber positiv – in ganz Europa steigt die Lebenserwartung und es gibt insgesamt weniger vermeidbare Todesfälle. Die Unterschiede zwischen den in der Studie untersuchten Ländern blieben allerdings konstant.

Ärzte nehmen Frauen weniger ernst

Ein weiterer wichtiger Faktor bei der vermeidbaren Sterblichkeit: das Geschlecht. Frauen würden aufgrund anderer oder unspezifischer Beschwerden von Ärzten oftmals nicht gleichermaßen ernst genommen werden wie Männer, erklärt Kardiologe Nikos Werner.

Außerdem stellen Frauen ihre Beschwerden häufig hinten an und kümmern sich eher um das Wohlbefinden ihrer Partner, berichtet Werner. Auch das führe dazu, dass sie häufiger unterbehandelt seien.

Risikofaktoren im Blick behalten, um Schlimmeres verhindern

Um die Anzahl der "medizinisch vermeidbaren" Todesfälle zu senken, müssen laut Werner vor allem Risikofaktoren, wie beispielsweise der Cholesterinspiegel, beobachtet und dementsprechend behandelt werden.

Wir geben eben sehr viel Geld ins Gesundheitssystem, aber offensichtlich an die falschen Stellen.

Viele Patienten würden jedoch erst bei Beschwerden einen Arzt aufsuchen: "Manche Personen sagen mir, sie haben ihren Blutdruck das letzte Mal bei der Musterung oder bei der Schwangerschaft messen lassen."

Doch auch auf der strukturellen Ebene muss sich etwas ändern, fordert Expertin Ute Mons: "Wir geben eben sehr viel Geld ins Gesundheitssystem, aber offensichtlich an die falschen Stellen. Wenn wir früher ansetzen würden – nämlich zu einem Zeitpunkt, wo wir noch nicht so stark reparieren müssen oder eine Krankheit sogar verhindern könnten – dann wäre das Geld besser eingesetzt."

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