Auf dem Flur des Pflegeheims der Johanniter in Sinzig ist Stille. 40 Türen sind geschlossen, 40 der 112 Betten unbelegt. "Die Nachfrage ist riesig, wir könnten die Zimmer sofort belegen", erklärt Heimleiter Guido Gehring. Trotzdem darf die Zimmer niemand beziehen, so verlangen es die Landesverordnungen von Rheinland-Pfalz.
Diese schreiben vor, dass mindestens die Hälfte der Pflegenden eine ausgebildete Fachkraft sein muss. Guido Gehring und viele seiner Heimkollegen sind ratlos - denn so viele Fachkräfte seien heute auf dem Arbeitsmarkt nicht verfügbar. Bereits eine kleine Abweichung von der Quote - wie etwa 49,6 Prozent - führt aber zu einem Aufnahmestopp.
Eine Quote führt zu einem Teufelskreis
Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die leeren Betten kosten die Johanniter monatlich 65.000 Euro. Geld, das fehlt, um Personal zu bezahlen. Weniger Personal bedeutet weniger Pflege - und längere Wartelisten für einen Pflegeplatz.
Rheinland-Pfalz hält im Vergleich zu anderen Bundesländern strikt an der Fachkraftquote fest. "Wenn ich auf Pflege angewiesen bin, möchte ich, dass mich kompetente Menschen pflegen", erklärt Dörte Schall, Ministerin für Soziales, Arbeit und Transformation, diese Haltung gegenüber dem SWR.
Doch für Kritiker wie René Birx, Leiter der Johanniter in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, geht das an der Realität vorbei: "Es ist nicht nötig, dass jede Tätigkeit - wie etwa das Überziehen eines Bettes - von einer Fachkraft erledigt wird." Sozialverbände und die Landespflegekammer fordern hier dringend Reformen.
Sozialhilfe als Belastung für Pflegeheime
Doch selbst bei voller Auslastung bleibt ein strukturelles Problem: Immer häufiger übersteigen die Kosten eines Pflegeplatzes die finanziellen Möglichkeiten vieler Pflegebedürftigen.
Laut Deutscher Rentenversicherung beträgt die durchschnittliche Rente nach 35 Beitragsjahren 1.660 Euro pro Monat. Der Eigenanteil für einen Pflegeplatz liegt bundesweit im Durchschnitt bei 3.245 Euro. Wenn die Pflegebedürftigen keine Ersparnisse haben, müssen entweder die Angehörigen oder die Sozialämter die finanzielle Lücke ausgleichen.
Derzeit erhalten laut Statistischem Bundesamt mehr als ein Drittel aller Pflegeheimbewohner - etwa 800.000 Menschen - sogenannte "Hilfe zur Pflege" - ein Rekord. Die Kosten dafür stiegen zuletzt um 17,7 Prozent auf rund fünf Milliarden Euro. Und das hat Folgen, wie Pflegeexpertin Eva Lettenmeier beschreibt: "Die Sozialhilfeämter sind überlastet, die Bescheide dauern oft sechs bis acht Monate."
Nicht nur kleine, auch größere Betreiber wie die Johanniter spüren die Auswirkungen. Ihre Außenstände für Sozialhilfegelder belaufen sich mittlerweile auf mehrere Millionen Euro. So auch in Sinzig. René Birx, der zuständige Leiter erklärt: "Während wir auf die Zahlungen warten, entstehen uns laufend Kosten, die wir nicht decken können. Gleichzeitig fehlen uns Einnahmen durch leere Betten, weil wir wegen der Fachkraftquote nicht alle Plätze belegen dürfen."
Insolvenz trotz hoher Nachfrage SWR Doku über Pflegeheime: "Wir müssen entbürokratisieren!"
Fachkräftemangel, steigende Kosten, größere Nachfrage. Wir haben mit der Autorin der SWR Doku über die Situation in Pflegeheimen gesprochen.
Heime müssen trotz Nachfrage schließen
Diese Verkettung aus steigenden Zahlen von Sozialhilfeempfängern, Verzögerungen bei den Zahlungen, strengen Verordnungen, steigenden Kosten und zu geringem Personal hat gravierende Folgen: Laut dem Arbeitgeberverband Pflege haben in den Jahren 2023 und 2024 über 1.000 Einrichtungen Insolvenz angemeldet oder mussten schließen.
Betroffen waren dabei sowohl kleine Heime als auch Einrichtungen großer Träger. Diese Schließungen bedeuten auch: Pflegeplätze werden noch knapper, Bewohner müssen möglicherweise umziehen - und die Kosten für Pflegeheime steigen weiter.
Im Pflegeheim Sinzig überlegt man, vollstationäre Plätze abzubauen und in Wohnungen umzuwandeln, um die Verluste zu minimieren. Doch die Herausforderung bleibt: Denn die geburtenstarken Jahrgänge kommen erst noch.