Raphael Hahl ist sehr gefasst, als er von seinen Erlebnissen im Rheinhessen Hospiz in Eppelsheim berichtet. Vor wenigen Wochen ist seine Mutter hier gestorben. Sechs Monate lang war sie im Krankenhaus, verlor allmählich ihren Lebenswillen. Die Entscheidung, ins Hospiz zu gehen, habe sie selbst getroffen, erzählt er. "Sie ist vom ersten Tag hier nochmal aufgeblüht", sagt Hahl.
Lediglich drei Wochen hat seine Mutter im Hospiz verbracht. "In der Endphase war ich rund um die Uhr hier", sagt er. Mit einem Lächeln im Gesicht berichtet er, dass ihm mitten in der Nacht das Hospiz-Personal Bratkartoffeln angeboten hatte. Die letzten drei Nächte hatte er in einem Beistellbett neben dem seiner Mutter verbracht. "Dann hat man es halt so gemacht, wie früher die Mama bei mir als kleines Kind: Wenn's dem Kind nicht gut geht, dann ist die Mama da", sagt Raphael Hahl. "Da konnte ich ihr ein kleines Bisschen zurück geben." Ob das in der Form auch in einem Krankenhaus möglich gewesen wäre? Fraglich.
Letzte Station: Hospiz
Für Menschen, die in einem Hospiz untergebracht werden, geht es nicht mehr darum, lebensverlängernde Maßnahmen zu ergreifen, sondern darum, die verbleibende Lebenszeit möglichst lebenswert zu gestalten. Das erste stationäre Hospiz wurde in Deutschland im Jahr 1986 eröffnet.
Die Idee stammt von der englischen Ärztin Cicely Saunders, die im Jahr 1967 in Großbritannien das erste moderne Hospiz öffnete. Unheilbar kranke Menschen sollten hier nicht nur ärztliche und pflegerische Betreuung erhalten, sondern emotionale und soziale Unterstützung bekommen. Ihre Arbeit in dem Bereich der Palliativmedizin trug maßgeblich dazu bei, Bedürfnisse Sterbender zu überdenken.
Hahl: "Es geht zu Ende"
Von der emotionalen Unterstützung berichtet auch Raphael Hahl. "Man kann sich da selbst nicht hineinversetzen, wenn man weiß: Es geht zu Ende. Aber ich denke, wichtig ist es, keine Angst zu haben. Und diese Angst hat sie hier genommen bekommen. Die Angst, gequält zu werden, Schmerzen zu haben." Der freundliche Umgang im Hospiz habe es ihm und seiner Familie leichter gemacht, Abschied zu nehmen. Auch seine Kinder seien hier betreut worden.
Dieser Aspekt ist ein großer Bestandteil der Hospizarbeit: Neben den sterbenden Menschen sollen hier auch die Angehörigen mit ihren Bedürfnissen gesehen und gehört werden. "Die Hilfestellung umfasst in gleichem Maße die Berücksichtigung der Anliegen der Angehörigen, bzw. der ihnen nahestehenden Menschen", schreibt der Hospiz-Palliativ-Verband Rheinland-Pfalz. In Rheinland-Pfalz gibt es insgesamt 92 Hospiz- und Palliativeinrichtungen. Darunter fallen neben ambulanten und stationären Hospizen auch Vereine und Beratungsstellen.
"Das ist ein Sterben unter Freunden gewesen", berichtet Raphael Hahl von den letzten Tagen seiner Mutter. Seine Mutter habe sich im Rheinhessen Hospiz sehr wohl gefühlt. "Es war uns bewusst, dass die Zeit endlich ist und es weiß ja niemand, wie viel Zeit einem bleibt." Sie hätten nur noch von Tag zu Tag gelebt.
Keine Patientinnen und Patienten sondern Gäste
Auch für die Mitarbeitenden ist die Arbeit im Rheinhessen Hospiz völlig anders als in einem Krankenhaus. "Das ist wirklich ein familiäres Verhältnis. Man weiß dann ganz viel, auch über die Angehörigen, das ist ganz offen", sagt Palliativ-Care-Fachkraft Adelheid Wick. Im Hospiz wird sie liebevoll Schwester Heidi genannt. Die Patientinnen und Patienten werden im Rheinhessen Hospiz als Gäste bezeichnet.
"Viele merken, wenn es mit dem Leben zu Ende geht. Die sprechen dann schon darüber und sagen: Ich glaube es ist Zeit", sagt Wick. "Aber viele sind mit sich so im Reinen, dass es für sie absolut in Ordnung ist."
Dabei haben Menschen insbesondere was den Tod betrifft große Ängste. In einer Studie, die 2015 vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland durchgeführt wurde, heißt es, dass die größte Angst der Menschen sei, einen langen Sterbeprozess zu haben. Weit verbreitet ist zudem die Angst vor starken Schmerzen, Angehörigen sowie nahen Bezugspersonen zur Last zu fallen oder alleine zu sterben. Viele dieser Ängste können in einem Hospiz gelöst werden.