Diskussion um Doppelbesetzung

Sicherheit im Schienenverkehr: Viele Regionalzüge fahren ohne Zugpersonal

Das RLP-Mobilitätsministerium fordert auf manchen Strecken mehr Zugbegleiter. Fachleute warnen andernorts vor mangelnder Sicherheit der Fahrgäste. Denn schon jetzt fahren viele Regionalzüge ohne Personal.

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Von Autor/in Simon Dörr

Der gewaltsame Tod des Zugbegleiters Serkan Çalar in Landstuhl: Er zwingt die rheinland-pfälzische Mobilitätsministerin Eder (B‘90/Grüne) zum Handeln. Die Sicherheit von Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern sowie der Fahrgäste habe für sie "höchste Priorität", sagte sie vor kurzem nach einem runden Tisch. Sie versprach mehr Bodycams für das Zugpersonal und "eine personelle Verstärkung beispielsweise durch Doppelbesetzungen" - insbesondere dort, wo es häufiger zu Konfliktsituationen komme. Doch was bedeuten diese Pläne?

Ob diese sich so schnell umsetzen lassen, ist fraglich: Denn wo genau es zu Doppelbesetzungen kommen soll, entscheiden die Eisenbahnverkehrsunternehmen, wie Mobilitätsministerium und die zuständigen Zweckverbände SPNV Nord und ZÖPNV Süd auf SWR-Anfrage mitteilten. Außerdem würden Dienstpläne in der Regel mit einem Jahr Vorlauf erstellt, heißt es in Kreisen der Eisenbahn-Unternehmen. Zudem stellt sich eine weitere Frage: Könnte sich mehr Sicherheit für die Zugbegleitenden durch Doppelbesetzungen letztlich negativ auf die Sicherheit der Fahrgäste auswirken? Tatsächlich hatte Ministerin Eder eingeräumt, dass aufgrund ihrer Pläne Personal umgeschichtet werden muss und dann mehr Züge ganz ohne Zugbegleitende fahren müssten.

Schon jetzt viele Züge im Land tagsüber unbesetzt

Der SWR hat bei den beiden Zweckverbänden angefragt, wie viel Begleit-Personal in Rheinland-Pfalz aktuell auf den Zügen unterwegs ist. Vom SPNV Nord hieß es zunächst, dass in den aktuellen Verkehrsverträgen meistens 100 Prozent Zugbegleitung gefordert sei. Das würde bedeuten, dass sich in jedem Zug ein Zugbegleiter oder eine Zugbegleiterin befindet.

Daten, die später das Ministerium herausgibt, ergeben ein anderes Bild: Zwar werden alle RE-Verbindungen und zwischen 19:00 Uhr und 02:59 Uhr nahezu alle Regionalverbindungen mit Zugbegleitenden besetzt; doch tagsüber fährt lediglich in elf von 27 Netzen in jedem Zug ein Zugbegleiter oder eine Zugbegleiterin mit – in den übrigen Regional-Netzen wird nur jeder zweite oder gar jeder zehnte Zug mit Begleitpersonal besetzt. So sind zum Beispiel in der Voreifel und dem Ahrtal zehn Prozent der Züge begleitet, zwischen dem Saarland und der Pfalz ist es jeder vierte. Zu den unbegleiteten Netzen gehören auch die Stadtbahnnetze in Ludwigshafen und Karlsruhe, die nie mit Begleit-Personal besetzt sind.

Zu der Frage, auf welcher Grundlage diese Quoten festgelegt werden, heißt es aus dem Ministerium lediglich, man beachte die "allgemeine Aussage" der Eisenbahnverkehrsunternehmen, wonach es in den Abendstunden und vor allem an den Wochenenden vermehrt zu Übergriffen auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter komme. Zum Vergleich heißt es aus dem Verkehrsministerium in Baden-Württemberg ganz konkret: "Die Statistiken zu Fahrgastzahlen und Sicherheitsvorfällen fließen in die Entscheidung über die Begleitquoten mit ein."

Ein Zugbegleiter übt in einem Deeskalationstraining den Umgang mit einem Fahrgast. Nach dem Tod eines Schaffners fordert die Gewerkschaft EVG mehr Respekt und Sicherheit für das Personal in Bussen und Zügen
Ein Zugbegleiter übt in einem Deeskalationstraining den Umgang mit einem Fahrgast. Picture Alliance

Kritik von Pro Bahn und EVG

Der Fahrgastverband Pro Bahn jedenfalls glaubt, dass die sichtbare Präsenz von Zugpersonal entscheidend für die Sicherheit der Fahrgäste ist. Noah Wand, der Landesverbands-Vorsitzende für Rheinland-Pfalz und das Saarland, betont die deeskalierende Wirkung, die Personal auf potenzielle Angreifende habe. Würde diese Präsenz wegfallen, wäre das eine Gefahr für die Fahrgäste, die dann ganz sich selbst überlassen sein würden. Der Fahrgastverband fordert auf allen Verbindungen eine durchgängige Begleitung am Tag und eine konsequente Doppelbesetzung in der Nacht.

Ähnlich sieht es auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG – zumal nach deren internen Erhebungen fast zwei Drittel der Übergriffe auf Begleitpersonal während der Ticket-Kontrolle passieren. Beiden Vertretungen geht es neben der Sicherheit auch um den Service-Aspekt – Zugpersonal käme gerade durch die Digitalisierung eine wichtige Rolle zu; es sei zum Beispiel bei Tarif-Fragen ansprechbar.

Auch in ihrer Kritik an Zweckverbänden und dem Mobilitätsministerium sind sich Pro Bahn und EVG einig: Diese hätten seit Jahren mehr Personal aus Kostengründen abgelehnt. Zweckverbände und Mobilitätsministerium weisen diese Kritik auf SWR-Anfrage zurück.

Nutzen von Zugbegleitenden für die Sicherheit bisher nicht belegt

Tatsächlich gibt es keine Forschungsergebnisse, inwieweit mehr Zugpersonal eine Zugfahrt auch sicherer macht. Verkehrsexperte Hans Leister, der für ein ÖPNV-Beratungsunternehmen tätig ist und selbst lange Zeit Verkehrsverträge in Brandenburg mitverhandelt hat, geht davon aus, dass sich Fahrgäste zumindest sicherer fühlen, wenn ein Zugbegleiter oder eine Zugbegleiterin an Bord ist. Diese wären so für Reisende ansprechbar. Das stützt auch eine ältere Erhebung aus 2009, für die ÖPNV-Personal befragt wurde, also zum Beispiel Zugbegleiter oder Busfahrerinnen. In einem Punkt sind sich alle einig: Ob es zu Angriffen kommt, hängt nicht von der Tageszeit ab.

Leister hat noch eine andere Idee: Um nachhaltig mehr Sicherheit für Fahrgäste und das Personal zu gewährleisten, müsse man Zugbegleitpersonal komplett abschaffen und durch Sicherheitspersonal ersetzen. Dieses könne dann auch die Ticket-Kontrolle übernehmen. Das widerspreche allerdings dem Bild der "freundlichen Eisenbahn", das Zweckverbänden und Gewerkschaften vorschwebe. Zwar will Ministerin Eder neben der Doppelbesetzung auch mehr Sicherheitspersonal finanzieren. Wie viel Geld sie von dem nun geplanten "mittleren einstelligen Millionenbetrag" dafür einsetzen will, sagte sie nicht.

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Simon Dörr

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