Tippspiele gehören für viele zur Fußball-Weltmeisterschaft dazu. Ob im Büro, im Verein oder mit Freunden - sie schaffen Gemeinschaft und sorgen für spannende Diskussionen. Doch was für die meisten ein harmloser Zeitvertreib ist, kann für Menschen, die in der Vergangenheit mit Glücksspielsucht zu kämpfen hatten, eine Herausforderung sein.
Tippspiele: Zusammenhalt und Spaß
Für Tim Lamberty und seine Vereinskollegen von den Sportfreunden Ingelbach ist ein Tippspiel eine Möglichkeit, die WM gemeinsam zu erleben. "Gerade bei Fußballern, die wettbewerbsgetrieben sind, ist es mega, wenn man etwas zum batteln hat", sagt Tim Lamberty. "Man kommt im Vereinsheim zusammen, redet, isst und trinkt - das stärkt den Zusammenhalt."
Herausforderung für Sportwettensüchtige
Gemeinsam mit den Kollegen oder der Familie auf die nächsten Ergebnisse bei der Fußball-WM tippen. Selbst das kann für Menschen mit einer Sportwettensucht oder einer entsprechenden Vorgeschichte zur Belastung werden. Denn die Teilnahme an solchen Tipprunden kann alte Muster und Reize aktivieren, sagt Ellen Meyer, Sozialarbeiterin beim Caritasverband Koblenz. Damit es zu keinem Rückfall kommt, entwickelt sie mit den Betroffenen Strategien, wie sie mit solchen Situationen umgehen können.
Denn auch Tippspiele basieren auf Zufall und können mit Geldgewinnen verbunden sein - beides seien zentrale Elemente des Glücksspiels. "Daher muss man sich sehr genau angucken, ob man daran teilnehmen möchte, wenn man eine Wettsucht hat", sagt Ellen Meyer.
Ein Beispiel für diesen konsequenten Umgang liefert Alexander Jacob, Pressesprecher vom Bundesliga-Zweitligisten, Arminia Bielefeld. Er litt selbst jahrelang unter Wett- und Spielsucht, hat gelogen, hatte Suizidgedanken und Schulden im sechsstelligen Bereich. Im SWR-Podcast "SWR1 Leute" sagte Jacob, dass er auch nach der Reha nicht an Tipprunden teilnimmt. "Ihr kennt meine Geschichte, aber ich schütze mich und bin deshalb nicht dabei".
WM aktiviert Suchtgedächtnis
Auch ohne Tippspiel: Weltweite Sportereignisse wie eine Fußball-WM können für Menschen mit Sportwettensucht eine extreme Belastung sein, sagt Christian Schaack, Fachkoordinator Prävention Glücksspielsucht beim Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung. "Man kann der WM kaum entgehen - sei es durch Werbung im Fernsehen, Fahnen an Autos oder Gespräche im Freundeskreis." Diese ständige Konfrontation mache es Betroffenen schwer, denn ein Rückzug sei nicht möglich.
"Das Gehirn vergisst nie, dass es einmal süchtig war", so Schaack. "Vor allem geht es um den Kick, den großen Sieg einzufahren - das ist etwas, das das Gehirn als vermeintliche Bewältigungsstrategie gelernt hat, und genau dagegen muss man ankämpfen."
Viele Angebote gegen Glücksspielsucht
"Ein typisches Warnzeichen ist der Glaube, das nächste Ergebnis gut vorhersagen zu können", so Schaack. Experten schätzen, dass jeder vierte der auf Tore oder Spielereignisse wettet, ein riskantes Spielverhalten zeigt. Grundlage dafür ist der Glückspielsurvey 2025.
Die Umfrage geht auch davon aus, dass es in Rheinland-Pfalz rund 100.000 Menschen mit riskantem Sportwettverhalten gibt. Hinzu kommt eine höhere Dunkelziffer. Viele Betroffene gestehen sich erst nach Jahren ein, dass sie Hilfe benötigen - dieser Weg ist laut Schaack mit hohen persönlichen Belastungen und finanziellen Verlusten verbunden.
Tippspiel im Westerwald kein Muss
Die Sozialarbeiterin Ellen Meyer rät dazu, niemanden zu drängen, an einem Tippspiel teilzunehmen. Man wisse nie, was dahintersteckt. Sie betont aber auch: Für Menschen ohne pathologisches Spielverhalten seien Tippspiele in der Regel unproblematisch.
Bei den Sportfreunden Ingelbach ist das Tippspiel ohnehin freiwillig: Nur jedes fünfte Mitglied macht mit. Denn für den Verein zählen Spaß und Zusammenhalt - mit oder ohne WM-Tipps.