Neue Vorwürfe zu katholischem Internat

Versteckte sich im Albertinum ein Kriegsverbrecher?

Als Aufseher im Internat Albertinum hatte Johannes Arendt Kinder gequält und verprügelt. So steht es in einer Studie. Hat er sich dort versteckt, weil er Kriegsverbrecher war?

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Von Autor/in Ansgar Zender

Helmut Boos war von 1964 bis 1972 in dem bischöflichen Internat in der Eifel. Er war schon lange davon überzeugt, dass einer seiner Aufseher etwas zu verbergen hat. Er beschloss, Nachforschungen zu betreiben. Dabei ist er auf Veröffentlichungen über Kriegsverbrechen in Albanien gestoßen. Im Zentrum der Vorwürfe: Johannes Arendt.

Albertinum in Gerolstein
Ein Bauzaun steht um das frühere katholische Internat Albertinum in Gerolstein. Das Bistum Trier hat das Gelände schon vor Jahren verkauft. Ansgar Zender

Ein albanischer Wissenschaftler hatte Arendt aufgespürt, als er auf der Suche nach Verantwortlichen für die Hinrichtung eines 20-Jährigen war, die sich 1944 in der nordalbanischen Kleinstadt Koplik ereignet hat. Im hohen Alter habe Arendt ihm gegenüber bei einem Besuch in dessen Haus in Kasel bei Trier zugegeben, die Exekution des vollkommen unschuldigen Albaners angeordnet zu haben.

Vergeltungsmaßnahmen in Albanien

Auch an Vergeltungsmaßnahmen der Nazis, bei denen in Albanien Frauen und Kinder getötet wurden, soll Arendt beteiligt gewesen sein. So wird der albanische Wissenschaftler Gëzim Uruçi in einem Zeitungsartikel zitiert. Die Exekution habe Arendt bedauert, seine Taten aber mit den Befehlen verteidigt.

Johannes Arendt
Johannes Arendt starb vor 30 Jahren in Kasel bei Trier. Ansgar Zender

Wörtlich habe er ihm gesagt: "Im Krieg habe ich getötet, ich habe aber keine Verbrechen begangen." Johannes Arendt kann man dazu heute nicht mehr befragen: Er starb vor 30 Jahren in Kasel. Auch Uruçi ist inzwischen tot.“

Das kann man nur Sadismus nennen, wie denn sonst?

Für den ehemaligen Internats-Schüler Helmut Boos ist die Erinnerung an Johannes Arendt aber noch sehr präsent: Nie vergessen wird er, wie der sogenannte Oberpräfekt Kinder schlug, bis es blutete. Wie er sie zwang zu Essen, bis sie erbrachen. "Das kann man nur Sadismus nennen, wie denn sonst?", sagt Boos.

Albertinum in Gerolstein
Im Speisesaal zwang Johannes Arendt die Kinder zu essen, bis sie sich übergeben mussten. Ansgar Zender

Arendt war ein Sadist. So haben es auch andere ehemalige Albertinums-Bewohner in einer wissenschaftlichen Studie beschrieben, die das Bistum Trier in Auftrag gegeben hatte. Darin steht auch: Arendt hat Kinder sexuell missbraucht.

Helmut und Marzellus Boos
Helmut Boos und Marzellus Boos recherchieren im Landeshauptarchiv in Koblenz über ihren früheren Aufseher. Ansgar Zender

Marzellus Boos - er ist nicht mit Helmut Boos verwandt - hatte schon vor Jahren zu Johannes Arendt recherchiert und ein Buch über seine Zeit im Albertinum veröffentlicht. Schon damals hatte er den Verdacht: Arendt war ein überzeugter Nazi, der seine Vergangenheit verschleiert und sich im Albertinum versteckt hat.

Johannes Arendt hat seine Spuren offensichtlich verwischt

Dass Johannes Arendt seine Spuren offensichtlich verwischt hat, bestätigen gemeinsame Recherchen von SWR und dem "Trierischen Volksfreund". Fakt ist: Arendt wurde 1906 unter dem Namen Johannes Schersinski geboren. Erst als er 20 Jahre alt war, nahm er den Geburtsnamen seiner Mutter an und hieß seitdem Johannes Arendt. Eine Kopie des Dokuments liegt dem SWR vor.

Albertinum in Gerolstein
In Gerolstein arbeitete Johannes Arendt mit gefälschtem Lebenslauf. Ansgar Zender

Lebenslauf enthält Falschangaben

In Gerolstein und später in Kasel aber verbreitete Arendt die Legende, er sei als Adliger in Polen geboren und später verfolgt worden. Deshalb habe er eine neue Identität annehmen müssen. Sein offizieller Lebenslauf passt aber nicht dazu. Er enthält offensichtlich falsche Angaben und Widersprüche – vor allem zu seiner Zeit als Soldat der deutschen Wehrmacht.

Er hatte Angst vor der albanischen Blutrache.

Für Helmut Boos ist klar: "Er musste sich verstecken. Er war ja Kriegsverbrecher. Er hatte Angst vor der albanischen Blutrache." Arendt sei davon ausgegangen, dass er in der Eifel sicher ist.

Auffallend ist: Es gibt keinen Nachweis, dass Johannes Arendt nach dem Krieg politisch überprüft oder entnazifiziert wurde. Auch nicht in den Personalakten aus seiner späteren Zeit als Lehrer am Gymnasium in Gerolstein.

Albertinum in Gerolstein
Die Ruine der Internats-Kapelle erinnert daran, dass das Albertinum ein bischöfliches Internat war. Ansgar Zender

Marzellus Boos glaubt, damals hätten alle bewusst weggeschaut: "Das war dem Bischof sein Ding. Da war ein Internat irgendwo in der Eifel, da hat sich niemand drum gekümmert. Das hat anscheinend keinen interessiert."

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher wird auf Kinder losgelassen

Ein Nazi und mutmaßlicher Kriegsverbrecher, der mit Kindern und Jugendlichen arbeiten durfte? Helmut Boos hat früheren Mitschülern von seinen Recherchen erzählt. Ein 70-Jähriger habe dann angefangen zu weinen und gesagt: "Jetzt weiß ich endlich, warum ich so brutal behandelt wurde. Ich konnte mir das nie erklären."

Das Bistum Trier hat nach eigenen Angaben nichts von der Vergangenheit Arendts gewusst. Man habe keine Unterlagen mehr von ihm gefunden. Ob Arendt tatsächlich ein Kriegsverbrecher war, wurde nie juristisch geklärt.

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