Wolfgang Pape hat seit rund 30 Jahren keine eigene Wohnung mehr. Zumindest aber hat er ein Dach über dem Kopf: im "Haus der Hilfe" in Bernkastel-Kues. Hier leben ausschließlich obdachlose Männer. Bevor Pape hier 2004 eingezogen ist, hat er auf der Straße gelebt: "Aber irgendwann war ich da zu alt für. Hier hab ich wieder ein bisschen Fuß gefasst."
Anders als die meisten wohnungslosen Bewohner will der gelernte Kaufmann hier nicht mehr weg. Ihm gefällt das Leben in der Männer-WG an der Mosel. "Das hier ist meine Familie", sagt der 70-Jährige, der sich ein kleines Zimmer mit einem anderen Obdachlosen teilt. Er hat dort ein Bett und einen kleinen Nachtisch - für mehr Möbel ist kein Platz.
Kaum noch freie Plätze in den Obdachlosenheimen
Denn das "Haus der Hilfe" ist immer voll belegt, sagt Sozialarbeiter Kai Tubbesing: "Wenn ein Bett mal eine Woche frei ist, kommt schon wieder die nächste Anfrage aus dem Wittlicher Gefängnis oder der Psychiatrie in Bernkastel-Kues." Das Problem: Es gibt deutlich mehr Anfragen als Zimmer in der Unterkunft, die vom gemeinnützigen Verein "Ad Quintam" betrieben wird.
Doch auch in den kommunalen Obdachlosenheimen im Kreis Bernkastel-Wittlich sind kaum noch Betten frei. In der ganzen Region werde es immer schwieriger, Wohnungen für obdachlose Menschen zu finden, sagt Leo Wächter, der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues (CDU): "Wir kommen da mittlerweile an unsere Grenzen."
Warum die Zahl der wohnungslosen Meschen steigt
Das habe mindestens drei Gründe. Erstens sei der Wohnraum entlang der Mosel ohnehin knapp. Zweitens hätten die Gemeinden viele Geflüchtete aufgenommen, die sie zumindest vorübergehend unterbringen mussten. "Das war richtig, hat aber den Wohnungsmarkt belastet", sagt Leo Wächter. Und drittens müssten vor allem die Städte Wittlich und Bernkastel-Kues immer öfter Patienten aus der Kueser Psychiatrie und Sträflinge aus dem Gefängnis in Wittlich unterbringen.
Die Ordnungsämter im Landkreis Bernkastel-Wittlich haben sich bei der Suche nach einer Lösung des Problems jetzt Großstädte wie Hamburg oder Frankfurt zum Vorbild genommen. Die Zahl der Obdachlosigkeit erreicht da ganz andere Dimensionen. So gibt es dort ganze Dörfer von Wohncontainern, in denen Menschen leben. Die Kommunen im Kreis Bernkastel-Wittlich wollen jetzt auch Container anschaffen.
Container sind schlicht eingerichtet und videoüberwacht
Die Container sind üblicherweise 30 Quadratmeter groß und haben Platz für Stockbetten und eine Kochstelle. "Vom Komfort her ist das natürlich nicht mit einer Wohnung zu vergleichen", räumt Bürgermeister Leo Wächter ein. Aber die Verbandsgemeinde müsse eben vorsorgen, um Leute kurzfristig unterbringen zu können, wenn das "Haus der Hilfe" und die kommunale Unterkunft in Kleinich im Hunsrück voll sind.
Die Vorteile eines Containers liegen auf der Hand. Er ist mit knapp 16.000 Euro deutlich günstiger als ein Gebäude. Er kann bei Bedarf schnell gereinigt werden. Und Videoüberwachung soll dafür sorgen, dass es nicht zu Vandalismus kommt. Wo die Container aufgestellt werden, ist noch unklar. Es sollten aber Supermärkte, Ärzte und Apotheken in der Nähe sein.
Container nur für kurzfristige Lösung
Das findet auch Sozialarbeiter Kai Tubbesing aus dem Haus der Hilfe wichtig. Er hat sich solche Wohncontainer schon einmal in Frankfurt angesehen. Und die minimalistische Einrichtung sieht er nicht als Problem: "Die meisten wohnungslosen Menschen, die ich kenne, haben keine großen Ansprüche. Sie erwarten keine Wohnung von 50 Quadratmetern. Sie brauchen einen Schutzraum, ein Bett und eine Dusche."
Von daher halte er die Container für eine gute Idee, um Leuten in Notsituationen schnell von der Straße zu holen. Die Ursache der steigenden Obdachlosigkeit in der Region liege aber woanders: "Es gibt hier kaum kleine Wohnungen zu günstigen Preisen."
Mehr bezahlbare Wohnraum an der Mosel nötig
Auch die Bewohner des "Hauses der Hilfe" wünschen sich mehr sozialen Wohnungsbau an der Mosel. Viele hier suchen eine bezahlbare Bleibe und finden keine. Wolfgang Pape sagt: "Das Riesenproblem sind die Riesenmieten. Ich kenne hier Leute, die Jobs haben, und trotzdem nicht über die Runden kommen." Und die Mieten, die das Jobcenter bereit ist zu zahlen, reichen nicht: "Die sind total weltfremd."
Lange Wartelisten Warum in der Region Trier kaum Sozialwohnungen gebaut werden
Günstige Wohnungen werden auch auf dem Land gesucht. Im Kreis Birkenfeld sind die Wartelisten lang. Trotzdem werden derzeit kaum Sozialwohnung gebaut. Nicht nur im Hunsrück.
Hinzukommt, dass es für obdachlose Menschen ohnehin schwierig sei, einen Vermieter von sich zu überzeugen. Diese Erfahrung macht auch Bürgermeister Leo Wächter: "Wir haben es ja zum Teil mit Menschen zu tun, die schwierige Biografien haben, teils alkohol- oder drogenabhängig sind." Es gebe Bedenken, dass sie nicht pfleglich mit der Einrichtung umgehen.
Keine Beratungsangebote bei drohender Obdachlosigkeit
Solche Fälle gibt es, räumt auch Kai Tubbesing ein. Gleichzeitig glaubt er aber, dass es sich viele Vermieter zu einfach machen, wenn sie Menschen auf die Straße setzen, die nicht so leicht eine neue Bleibe finden. "Ich glaube, was fehlt, ist ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Menschen, denen Obdachlosigkeit droht", sagt Tubbesing. Auch juristische Hilfe gebe es kaum.
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Ein solcher Dienst könne auch langfristig etwas bewirken, meint der Sozialarbeiter. Die Container seien nur ein erster Schritt, um Menschen wie Wolfgang Pape zu unterstützen, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen.