Simone und Lothar Wagner radeln am Moselufer in Pünderich entlang. Das Pärchen aus Mainz will mit der Fähre übersetzen - so wie bei ihrem vergangenen Urlaub hier. Aber das Schiff steht still.
"Das ist so schade, das war immer ein ganz tolles Feeling und mit der Fähre haben wir immer viel Zeit gespart, wenn wir eine längere Tour gemacht haben", sagt Simone Wagner. Statt in drei Minuten über den Fluss zu fahren, müssen die Urlauber jetzt den Umweg über die Reiler Brücke nehmen, um in Zell einzukaufen.
Seit zwei Jahren kein Nachfolger für Fährmann
Vor zwei Jahren hat die Pündericher Fähre vorerst zum letzten Mal abgelegt. Damals hat der Fährmann gekündigt und ein Nachfolger ist nicht in Sicht. "Wir haben inseriert, mehrere Male, auch überregional. Aber es meldet sich einfach keiner", sagt Ortsbürgermeister Rainer Nilles. Der Blick auf das stillstehende Schiff tut ihm weh: "Die Fähre gehört zu Pünderich, das ist ganz klar. Da fehlt uns was im Ort."
Rainer Nilles ist ein Ur-Pündericher, wie er sagt. Er hat die Zeiten noch erlebt, als die Fähre täglich mehr als 1.000 Menschen an Bord hatte: Winzer auf dem Weg zu ihren Weinbergen und Touristen, unterwegs zur Marienburg oder dem Prinzenkopfturm.
"Was aktuell an E-Mails im Tourist-Büro eingeht, ist unglaublich. Die Besucher sind enttäuscht", sagt der Ortsbürgermeister. Und deshalb will er auch noch nicht die Segel streichen: "Vielleicht meldet sich ja doch noch jemand - so wie in Enkirch."
Fähre in Enkirch legt wieder ab
In dem Moselort zwei Dörfer weiter gibt es nämlich wieder einen Fährmann. Der neue Kapitän heißt Stefan van den Bergh und hat früher Güter- und Ausflugsschiffe gesteuert. Jetzt kutschiert er alle paar Minuten Touristen nach Kövenig. Ein Traumjob, sagt er. "Du hast es den ganzen Tag mit gut gelaunten Urlaubern zu tun. Da kannst du auch mal deine Späßchen machen."
Auch das Fahren mache ihm Spaß – besonders, wenn ihm der Fahrtwind um die Ohren bläst: "Wenn ich will, bin ich der schnellste Querschiffer der Mosel."
Fachkräftemangel wird sich verschärfen
Doch wenn das so ein Traumjob ist, warum findet sich dann kein Fährmann für Pünderich? Das liegt vor allem an den unattraktiven Arbeitszeiten, sagt Van den Bergh: "Am meisten los ist in der Hochsaison, an den Wochenenden und den Feiertagen. Da bekommt man dann keine Freizeit." Im Winter dagegen: Flaute. Das mache es schwer, Personal zu finden.
Zudem darf nicht jeder so ein Schiff steuern. Früher seien es an der Mosel vor allem Gemeindearbeiter gewesen, die die Lehrgänge absolviert haben. "Die sind dann ein paar Stunden gefahren, dann waren sie wieder ein paar Stunden auf dem Rasentraktor", sagt Stefan Van den Bergh.
Bei diesem Modell blieb dann aber oft die Pflege der Fähren auf der Strecke. "Und es macht keinen Spaß, wenn man sich dem Schiff nicht zu 100 Prozent widmen kann." Van den Bergh glaubt daher, dass sich der Fachkräftemangel auf dem Wasser in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. "Die meisten, die auf der Mosel unterwegs sind, sind zwischen 60 und 65 Jahren. Und da kommt keiner mehr nach."
Nur noch wenige Moselfähren unterwegs
Da hilft es vermutlich auch wenig, dass die Pündericher ihre Fähre kürzlich wieder aufgehübscht haben, wie Ortsbürgermeister Rainer Nilles erzählt: "Fährmann hin oder her - wir können sie nicht vergammeln lassen." Seit den 1970-er Jahren hat das Schiff dem Dorf immerhin schon gute Dienste geleistet.
Die Tradition ist allerdings noch älter. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nur zwei Steinbrücken über die Mosel, eine in Trier und eine in Koblenz. In den Orten zwischen den Städten mussten die Menschen auf Fähren zurückgreifen. Heute ist nur noch eine handvoll der Schiffe übrig. Und wenn sich nicht doch noch jemand meldet, dann wird es bald noch eine Moselfähre weniger geben.