Inge Mainzer entkorkt eine Flasche Riesling von der Mosel. Die Sommelière gießt den Wein in ein Glas, schwenkt es ein wenig, riecht und nippt daran: "Der hat eine frische, kühle Aromatik, da ist Steinobst und da sind Kräuter."
Mainzer kann eine Menge aus Wein herausschmecken. Das ist ihr Job als Sommelière und Dozentin an der Deutschen Weinschule in Koblenz. Was einem Wein Geschmack verleiht? "Zum allergrößten Teil wird das Aroma vom Klima gemacht, von der Sonneneinstrahlung, dem Regen, dem Nebel, dem Licht. Das macht ganz viel mit den Trauben", sagt die Weinkennerin.
Weingüter werben mit Schiefer-Note
Viele Weingüter an der Mosel werben aber damit, dass ihr Wein auch nach den Schieferfelsen schmeckt, auf dem die Reben wachsen. Die Rede ist dann von einer frischen Note. Das Deutsche Weininstitut vergleicht das Aroma mit "grünem Apfel". Doch schmeckt der Moselwein wirklich danach?
Der britische Geologe Alex Maltman von der Universität Aberystwyth in Wales hat ein Buch geschrieben, das mit Marketingversprechen aufräumen soll. Es trägt den Titel "Taste the Limestone, smell the slate", also auf Deutsch: "Schmecke den Kalk, rieche den Schiefer."
Das ist nach Ansicht des Wissenschaftlers nämlich gar nicht möglich: "Wenn Sie Schiefer ablecken, schmecken Sie gar nichts. Schiefer löst sich auch nicht auf. Wenn er im Wein drin wäre, müssten da Bröckchen schwimmen - eine absurde Vorstellung."
Wein lässt sich schwer beschreiben
Dass das Land den Wein prägt, bestreitet der Geologe nicht. Der Geschmack der Trauben entstehe aber durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren in der Natur. Was schwer zu erklären sei. Und deshalb sprechen die Winzer lieber über Schiefer, meint Maltman: "Schiefer hat einen guten Klang und ist einfach greifbarer als Mikroorganismen oder das Klima."
Im Moseltal prägen die Felsen, die aus den Weinbergen herausragen, die Landschaft. "Die Leute lieben die Idee, dass man die Steine, die sie da sehen, direkt im Wein schmecken kann. Wir alle wünschen uns Produkte, die widerspiegeln, woher sie kommen", sagt der Geologe. Und dieses Bedürfnis der Menschen mache sich die Branche zunutze.
Branche spricht von Spitzfindigkeiten
Täuschen die Winzer etwa bewusst ihre Kunden? Diesen Vorwurf weist die Branche von sich. Beim Verein Moselwein heißt es, Maltman vereinfache das Thema. Dass das Gestein selbst nach nichts schmecke, bezweifle niemand. Das sogenannte Terroir, also die Standorteigenschaften, die die Weine beeinflussen, habe aber einen großen Effekt.
Das Deutsche Weininstitut bewertet Maltmans Ausführungen eher als sprachliche Spitzfindigkeiten. Es sei eben Umgangssprache, wenn ein Winzer behaupte, sein Wein schmecke nach Schiefer. Wissenschaftlich korrekt wäre es zu sagen, der Wein schmecke, als ob er auf einem Schieferboden gewachsen sei.
Mineralik kribbelt in der Nase
Allerdings glauben auch Fachleute wie Inge Mainzer, dass die Bedeutung des Gesteins in der Branche überschätzt wird: "Gestein ist Gestein. Der Boden, der ganz stark den Wein prägt, ist der Dreck auf den Steinen." Die Erde und die Organismen, die darin leben, prägten die viel beschriebene Mineralik: "Die Regenwürmer und ihre Kumpels machen das."
Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen
Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.
Sie sorgten im Boden für Salz und Säure, die die Wurzeln der Reben aufnehmen. Das verändert weniger das Aroma des Weins. Die Mineralik lasse aber Gefühle im Gesicht entstehen, sagt Mainzer: "Das kann man vor allem an den Zähnen und in der Nase fühlen, wie so ein leichtes Kribbeln."
Geschmack lässt sich beeinflussen
Früher sei die Mosel dafür einmal in der ganzen Welt bekannt gewesen. Heute hingegen sei für viele Weintrinker nur noch schwer zu unterscheiden, wo die Reben wirklich gewachsen sind. Denn im Weinkeller könnten Winzer die Gärung, die Süße und die Aromen mittlerweile beinahe beliebig beeinflussen, sagt Mainzer.
Winzer, die "die Natur sprechen lassen wollen", müssten sich mehr Arbeit im Weinberg machen. Arbeit, die sich beim Geschmack dann auszahle, meint Mainzer. Und dafür seien Kunden dann auch bereit mehr zu bezahlen. Die Werbung mit dem Schiefer brauche es da gar nicht.