Ananas, Brot, Blumenkohl, Blumen. Kistenweise schleppen die Fahrer der Trierer Tafel Lebensmittel in den kleinen Ausgaberaum. Als ich um 11 Uhr ankomme, herrscht dort auf den ersten Blick Chaos: Kartons werden geöffnet, Kisten hin- und hergetragen, Lebensmittel auf Tische verteilt. Es ist laut, eng und wuselig. In drei Stunden soll hier alles ordentlich in den Regalen liegen. Also: Ärmel hoch!
Die Tafel rettet Lebensmittel
Ich werde herzlich begrüßt, bekomme Schürze und Handschuhe - und bin damit offiziell Teil des Vormittagsteams. Viel Zeit zum Eingewöhnen bleibt nicht. Die vollen Kisten warten schon.
Ich packe mit an und merke sehr schnell: Die Kisten sind schwerer, als sie aussehen. "Das hält fit", scherzt Karl-Heinz Müller. Er ist Fahrer bei der Trierer Tafel und schon seit einigen Stunden unterwegs. Mehrere Supermärkte in Trier und der Region hat er heute angefahren - unter anderem in Trier-Euren, Konz und Sirzenich.
Was am Ende auf seinem Auto landet, weiß er vorher nie: "Das ist immer spannend, was man kriegt. Das ist sehr, sehr unterschiedlich, mal zu viel, mal zu wenig, mal gute Ware, mal schlechte Ware." Zweimal war sein Auto an diesem Vormittag schon voll.
Ich will der Gesellschaft ein bisschen was zurückgeben.
Ich bekomme schnell ein Gefühl dafür, wie viel Logistik hinter einer Tüte voller geretteter Lebensmittel steckt. Ich frage mich aber auch, warum sich ein 72-Jähriger im Ruhestand noch so eine Knochenarbeit antut. Seine Antwort ist schlicht: "Ich will der Gesellschaft ein bisschen was zurückgeben und es macht einfach Spaß!"
Lebensmittel werden sorgfältig sortiert
Jetzt beginnt die Sortierarbeit: Die Kisten werden auf der großen Arbeitsfläche verteilt. Verpackungen werden geöffnet, Äpfel einzeln in die Hand genommen, Gemüse kontrolliert, Brot und Backwaren sortiert.
Gut ist, was du selbst noch essen würdest.
Ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum heißt nicht automatisch: Müll. Schimmel oder verdorbene Ware dann schon. "Gut ist, was du selbst noch essen würdest", sagt Lennart Dornhoff, ehrenamtlicher Helfer seit sechs Jahren.
Ich staune, was hier alles zusammenkommt. Obst, Gemüse, Brot, Milchprodukte - vieles sieht aus, als hätte es problemlos noch im Supermarktregal liegen können. Und trotzdem muss ich kurz schlucken. Nicht, weil alles schlecht wäre. Sondern weil mir klar wird, wie viel Essen jeden Tag aussortiert wird, obwohl es noch gut ist. Zeit zum Grübeln bleibt kaum, die nächste Kiste steht schon bereit.
Aus Chaos wird Supermarkt
Was mich am meisten überrascht: wie schnell aus dem anfänglichen Durcheinander ein ausgeklügeltes System wird. Musik läuft. Es wird geredet und gelacht. Jeder weiß, wo er gebraucht wird. Einer sortiert, der nächste räumt ein, jemand bringt leere Kisten weg. Zwischendurch werden Tische und Kisten gereinigt.
Ich hatte mir den Vormittag ernster vorgestellt. Stattdessen macht die Arbeit richtig Spaß. Vielleicht, weil hier jeder Handgriff sitzt und weil sich alle gegenseitig helfen.
Lennart ist jeden Freitag da. Ein Grund: "Wir verstehen uns alle super, es ist ein tolles Miteinander."
Kurz nach 13 Uhr ist es geschafft. Noch vor zwei Stunden standen hier Kisten kreuz und quer. Jetzt liegen Äpfel, Pfirsiche, Himbeeren, Granatäpfel und Avocados ordentlich bereit. Dazu Spitzkohl, Basilikum, Bauernbrot und Kuchen. Ich entdecke immer wieder etwas Neues. Und erwische mich dabei, wie mein Magen anfängt zu knurren. Alles sieht so frisch und lecker aus, dass ich niemals darauf kommen würde, dass diese Lebensmittel vor kurzem noch im Supermarkt übrig geblieben sind.
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Jetzt kommen die Menschen
Für das Vormittagsteam ist jetzt Feierabend. Ich habe kurz Zeit zum Durchatmen. Denn auch wenn die Arbeit Spaß macht: Kisten schleppen, bücken, tragen, räumen - das geht in die Arme.
Dann öffnet die Ausgabe und mit einem Schlag verändert sich der Raum. Am Vormittag ging es um Kisten und Lebensmittel. Jetzt begegne ich den Menschen, für die wir sie sortiert haben. Ich stehe an einer der Stationen und gebe Lebensmittel aus. Dabei fällt direkt auf: Viele kennen das Team längst. Man sieht sich jede Woche, begrüßt sich, wechselt ein paar Worte. Es wirkt vertraut.
Gleichzeitig bleibt viel unausgesprochen. Warum jemand heute hier ist, muss niemand erzählen. Manche Gespräche bleiben kurz, weil die Verständigung nicht immer leicht ist. Es sind überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund, die heute zur Tafel kommen.
Um mehr als nur Essen zu geben, bietet die Tafel zusätzlich Beratung in einem geschützten Raum an. Dort wird gemeinsam geschaut, warum das Geld zum Leben nicht reicht und welche Unterstützung helfen kann - mit dem Ziel, dass die Menschen irgendwann wieder ohne Lebensmittelhilfe auskommen.
Warum ein junger Trierer zur Tafel kommt
Ein junger Mann ist bereit, mit mir zu sprechen. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Seit etwa einem Jahr holt er Lebensmittel "für eine Freundin". Mehr will er über ihre Situation nicht sagen. Er beschreibt, wie ungewöhnlich sich die Ausgabe am Anfang angefühlt hat: "Da steht jemand hinter der Theke und du fragst nach Sachen, die du dann nicht kaufst, sondern halt dann einfach so geschenkt kriegst."
Man ist auf Augenhöhe und sehr herzlich miteinander.
Was ihm die Situation leichter macht, sind die Menschen dahinter. "Man ist auf Augenhöhe und sehr herzlich miteinander." Niemand gebe ihm das Gefühl, selbst schuld daran zu sein, dass er - beziehungsweise seine Freundin - Hilfe braucht.
Die Lebensmittel sind enorm wichtig fürs Überleben.
Für sie ist die Tafel mehr als Unterstützung beim Wocheneinkauf: "Die Lebensmittel sind enorm wichtig fürs Überleben. Einen Wocheneinkauf kann sie sich nicht leisten."
Ich bekomme Gänsehaut. Ich denke an den Vormittag zurück: an die Kisten, die wir geschleppt haben, an die Äpfel, die wir einzeln geprüft haben, an die Regale, die wir gefüllt haben. Jetzt sehe ich, wo diese Lebensmittel landen - und bin froh, ein Teil davon zu sein.
Was am Ende übrig bleibt
Um kurz nach 16 Uhr wird es wieder ruhig. Die letzten Lebensmittel sind verteilt. Jetzt heißt es: aufräumen. Tische wischen, Böden fegen, Kisten reinigen. Der kleine "Supermarkt" verschwindet nach und nach, alles wird so hinterlassen, dass am nächsten Werktag von vorne begonnen werden kann. Die Tafel hat an jedem Wochentag geöffnet.
Was heute nicht verteilt werden konnte, bleibt nicht einfach liegen. Je nach Zustand holen weitere soziale Einrichtungen die Lebensmittel ab - oder ein Landwirt, der sie an seine Tiere verfüttert.
Mein Fazit nach einem Tag Tafel
Als ich nach Hause gehe, bin ich ziemlich erledigt. Aber vor allem bin ich beeindruckt. Nicht nur von den Mengen an Lebensmitteln, die hier jeden Tag bewegt und gerettet werden. Sondern vor allem auch von dem Aufwand, den ich vorher unterschätzt habe: abholen, sortieren, prüfen, reinigen, organisieren, verteilen. Jeden Tag aufs Neue.
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Und ich denke noch einmal an den Raum zurück, der im Chaos versunken ist - und drei Stunden später wie ein gut sortierter kleiner Supermarkt aussah. Es fühlt sich gut an, für ein paar Stunden Teil dieses flinken Teams gewesen zu sein, gemeinsam etwas Sinnvolles zu tun, gute Lebensmittel zu retten und damit anderen Menschen zu helfen.