Vorsichtig zieht Samuel Berlingen die silberne Friseurschere aus dem braunen Lederbeutel. "Das ist ein richtig kostbares und auch sensibles Werkzeug", sagt der 18-Jährige stolz während er die Schere behutsam in den Händen wendet.
Für Samuel hat die Schere aber vor allem einen emotionalen Wert. "Meine damalige Friseurin hat sie mir geschenkt, als sie gemerkt hat, wie sehr ich mich fürs Haare schneiden begeistere." Heute steht der 18-Jährige aus Trier-Ehrang kurz vor seinem Ausbildungsstart in einem Trierer Friseursalon.
Schere statt Schreibtisch
Vor ein paar Wochen hat der 18-Jährige sein Abitur am Friedrich-Spee-Gymnasium in Trier-Ehrang gemacht. Wie es nach der Schule für ihn weitergehen soll, hat ihn beschäftigt. Ein Architekturstudium wäre für ihn eine Option gewesen.
Bildung Ausbildung trotz schlechter Noten – Chancen für benachteiligte Jugendliche
Trotz Fachkräftemangel bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Individuelle Betreuung kann Azubis mit Startschwierigkeiten helfen, ihren Ausbildungsabschluss zu machen.
Im Praktikum in einem Architekturbüro an Schreibtisch und Computer merkte er aber schnell, dass der Beruf nicht zu ihm passt. "Das Praktikum habe ich mir anders, kreativer vorgestellt. Das Zeichnen mit dem Stift hat mir gefehlt." Mit der Friseurschere ist das anders.
Vom Hobby zum Beruf
Den Spaß am Haare schneiden hat Samuel vor etwa zwei Jahren entdeckt. "Ich war damals unzufrieden, wie mir im Barber-Shop die Haare geschnitten wurden. Also habe ich sie mir zu Hause nachgeschnitten - anfangs noch mit einer Küchenschere", erinnert er sich.
Ich kann etwas Kreatives mit den Händen kreieren und sehe am Ende, was ich geschafft habe."
Aus ersten Versuchen wurde mit der Zeit ein Hobby: So wünschte er sich eine richtige Friseurschere zum Geburtstag und probierte sich aus. Irgendwann schnitt er sich die Haare komplett selbst. Später boten sich dann auch Freunde und Familie als Modelle an.
Seine Begeisterung und Neugierde für das Handwerk fielen seinen Mitmenschen auf. Samuel bekam immer mehr Zuspruch und Unterstützung. Und so entschied er sich für die handwerkliche Ausbildung. "Ich kann etwas Kreatives mit den Händen kreieren und sehe am Ende, was ich geschafft habe."
Frischer Wind für das Handwerk
Und damit ist er nicht alleine: Bis Ende Juli sind bei der Handwerkskammer Trier rund 1.000 unterschriebene Lehrverträge eingegangen. Das sind ähnlich viele wie in den vergangenen drei Jahren - mit einem leichten Plus. Das Handwerk gewinne an Beliebtheit, sagt Berufsberaterin Petra Kollmann von der Handwerkskammer Trier.
Auch Abiturienten setzen auf eine Ausbildung Immer mehr junge Pfälzer werden Handwerker
Die Angst vor KI ist bei den jungen Leuten groß. Auch in der Pfalz. Viele Schulabsolventen machen lieber auf eine klassische Handwerksausbildung als etwa auf ein Studium.
Auch bei jungen Menschen wie Samuel, die ihr Abitur gemacht haben. Gründe wie ein festes Einkommen, der meist sichere Arbeitsplatz und neuerdings auch eine gewisse Sicherheit vor der künstlichen Intelligenz würden eine Rolle spielen, sagt die Berufsberaterin. Hinzu komme auch, dass sich das Bild einer Ausbildung bei vielen Eltern geändert habe, die mittlerweile positiver gegenüber einer Ausbildung in einem Handwerksberuf eingestellt seien.
Was in diesem Jahr besonders ist: Das Interesse an einer Ausbildung als Friseurin bzw. Friseur ist so groß, dass es zu wenig Ausbildungsstellen in der Region Trier gibt, so Sven Kronewirth, Fachbereichsleiter für Berufliche Bildung bei der HWK Trier. Das sei für diesen Ausbildungsberuf eher ungewöhnlich. Das liege unter anderem auch daran, dass viele Betriebe nach Corona nicht wieder ausbilden.
Von Skeptikern zu Unterstützern
Anders als beim Rest der Familie waren Samuels Großeltern zunächst skeptisch. Der geringe Verdienst, die Unsicherheit des Berufs wie zu Corona-Zeiten und sein gutes Abitur sind Argumente, die sie aufzählten. Punkte, die Samuel verstehen kann.
Die beiden sind jetzt auch Unterstützer.
Mittlerweile haben sie ihre Meinung aber geändert, sagt Samuel. Spätestens seit er seiner Oma vergangene Woche die Haare das erste mal schneiden durfte. "Die beiden sind jetzt auch Unterstützer."
Ausbildung und dann?
Wie es nach der Ausbildung weitergeht, lässt Samuel offen. Den Meister, ein ergänzendes Studium oder auch die Selbstständigkeit schließt er nicht aus. Dazu sei es aber noch zu früh. Jetzt möchte er erst einmal in seinem Betrieb ankommen.