Wenn Vanessa Thieltges hoch oben auf dem Dach der Kirche in Naurath (Eifel) steht, die Sonne im Gesicht, dann ist für sie ganz klar, warum sie Dachdeckerin ist: "Die Aussicht. Wir haben jedes Mal die beste Aussicht."
Da fährt man auch Jahre später noch vorbei und sagt: Geil, das hab ich gemacht.
Spaß an ihrem Job machen der Meisterin aus Dreis im Kreis Bernkastel-Wittlich auch die verschiedenen Materialien, mit denen sie arbeiten kann und das Teamgefühl. Am Ende des Tages sehe man, was man geschafft hat: "Da fährt man auch Jahre später noch vorbei und sagt: Geil, das hab ich gemacht."
Dabei werden ihr zwischen all dem Schiefer, den sie gerne bearbeitet, auch Steine in den Weg gelegt: Fachkräftemangel, Bürokratie und Materialkosten - auch durch den Krieg im Nahen Osten - machen ihr zu schaffen.
Arbeit bei Wind und Wetter
Sie selbst ist Dachdeckerin in dritter Generation im Betrieb ihrer Eltern. Das, was Thieltges macht, würden aber viele nicht mehr wollen: "Klar, wir haben jetzt ein super Wetter. Aber letzte Woche hatten wir Regen und dann sind wir trotzdem immer draußen."
Das sei für viele Berufsanfänger nicht mehr das, was sie wollen. Um sie dennoch zu überzeugen, wirbt Thieltges auf Social Media und Berufsmessen für Schüler für das Handwerk: "Ich sag auch so gerne, wenn die Eltern dabei sind: Wissen Sie eigentlich, wo die geringste Burnout-Quote ist? Im Handwerk."
Dass man es vor allem als Frau in dem Job schwer haben kann, weiß Vanessa Thieltges auch. Schon in der Grundschule wollte sie Dachdeckerin werden, aber da hieß es noch: "Nee, Vanessa, du kannst keine Dachdeckerin werden, du bist ja eine Frau."
Heute erlebt sie solche Vorurteile nur noch selten. Was sie antreibt, seien zufriedene Menschen, die gern nach Hause kommen und sagen: "Wow, habe ich ein tolles Dach."
Krieg im Nahen Osten könnte sich auf Dachdecker auswirken
Aber der Fachkräftemangel ist nicht das einzige Problem, mit dem sie in ihrem Betrieb mit rund 20 Mitarbeitenden kämpfen muss. Schon vor dem Krieg im Nahen Osten seien die Materialpreise immer weiter hochgegangen: "Wie bekommen wir das hin, dass sich auch der Otto Normalverbraucher noch einen Dachdecker leisten kann? Und dass sich trotzdem auch unsere Mitarbeiter etwas leisten können?"
Dass Diesel aktuell teurer wird, könnte die Situation noch verschärfen: "Unser Schiefer wird in Spanien abgebaut. Der wird teurer, wenn er teurer transportiert werden muss." Auch die Preise für Gas und Erdöl könnten sich auswirken, weil beispielsweise Tonziegel gebrannt werden oder Dämmmaterial mit Erdöl hergestellt wird.
Kreativität auch als Dachdeckerin
Hat sie das Material, dann kann Thieltges in ihrem Beruf auch kreativ sein: "Nicht in einer künstlerischen Darstellung. Aber es ist auch kreativ, zu überlegen: Wie kann ich Materialien miteinander kombinieren? Wie sorge ich dafür, dass es bauphysikalisch funktioniert?"
Gelernt hat Thieltges das viereinhalb Jahre in einem Trialen Studium: Darin hat sie gleichzeitig Ausbildung, BWL-Studium und Meisterbrief gemacht.
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Viele Statistiken und Dokumentationen
Worauf Vanessa Thieltges gut verzichten könnte, ist all die Bürokratie: "Da eine Statistik und da noch eine Statistik. Am Ende weiß man nicht mal, wofür die Statistiken gut sind."
Sie müsse sehr viel dokumentieren: Wie gefährlich die Baustelle ist, ob es ein Schneefanggitter gibt, woher der Schiefer kommt und ob er das richtige Prüfzertifikat hat.
"Mein Vater sagt immer so schön: Früher hatte ich eine ganz dünne Mappe am Ende eines Einfamilienhauses. Jetzt habe ich schon einen dicken Ordner voll und wir haben noch nicht mal angefangen." Das sei ein Problem.
Dachdecken ist noch echte Handarbeit
Lieber würde die Dachdeckermeisterin, die auch Vorsitzende von "Unternehmenfrauen im Handwerk" ist, sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren: In die Kirche in Naurath ist lange Zeit Wasser eingetreten.
Nachdem eine neue Holzschalung angebracht wurde, decken sie und ihre Kolleginnen und Kollegen das Dach des Chors jetzt neu mit Schiefer in Schuppendeckung ein: "Dachdecken ist noch echte Handarbeit. Jeder Stein wird einzeln behauen und dann angenagelt", freut sich Vanessa Thieltges und macht sich ans Werk.