Nachwuchs gesucht

Eifeler Tech-Unternehmen ratlos: "Wir finden keine Auszubildenden mehr"

Bei einer Firma in der Eifel ist die Sorge groß: Sie bekommt kaum noch junge Leute für eine Ausbildung. Obwohl das Unternehmen Weltmarktführer ist. Es ist damit nicht allein.

Teilen

Stand

Von Autor/in Daniel Novickij

Eine grüne Platine auf einer Werkbank. Umgeben von Monitoren und Kabeln. Ebbola Karangwa schließt an die Platine zwei weitere Platinen mit kleinen LED-Lampen und einem Schalter an. Dabei prüft er mit einem Messgerät, ob Strom fließt. "Wenn alles klappt, dann können sie später damit Stadt, Land, Fluss spielen. Dafür muss der Schalter gedrückt werden, damit auf einer Anzeige nacheinander Buchstaben von A bis Z aufleuchten", erklärt der 23-Jährige.

Eifeler Unternehmen bildet Azubi aus Ruanda aus

Karangwa hat mehrere Stunden an diesem kreativen Partyspiel gearbeitet. Denn das Projekt ist Teil seiner praktischen Abschlussprüfung als Elektroniker, die bereits in wenigen Tagen ansteht. Immer wieder studiert er die Anleitung, die daneben als großer Papierstapel auf der Werkbank liegt.

Ebbola Karangwa aus Ruanda macht eine Ausbildung in der Eifel.
Ebbola Karangwa aus Ruanda macht eine Ausbildung in der Eifel. Bevor er nach Deutschland kam, musste er zunächst ein Bewerbungsverfahren durchlaufen und Deutsch lernen.

Der Azubi kommt ursprünglich aus Ruanda und macht seine Elektroniker-Ausbildung bei der Firma Premosys in Kalenborn-Scheuern in der Vulkaneifel. Das Unternehmen entwickelt optische Messsysteme, mit denen Informationen aus Farben entschlüsselt und für verschiedene Branchen zugänglich gemacht werden. Diese Technik wird etwa in der Medizin, in der Lebensmittel- sowie Automobilindustrie eingesetzt. Das Eifeler Unternehmen ist darin Weltmarktführer.

Das Unternehmen Premosys in der Eifel bildet etwa Elektroniker und Fachinformatiker aus.
Das Unternehmen Premosys in der Eifel bildet unter anderem Elektroniker für Geräte und Systeme sowie Fachinformatiker aus.

Der 23-Jährige findet diesen Bereich spannend: "Das ist ein Traumberuf für mich. Ich habe mich schon als Kind in Ruanda immer für Technik interessiert und viele Dinge ausprobiert", berichtet Karangwa. Er sei dankbar dafür, seine Ausbildung in Deutschland machen zu können.

Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt

Er würde gerne seine während der Ausbildung gesammelte Erfahrungen mit anderen Lehrlingen im Betrieb teilen und sich mit ihnen austauschen. Aber das geht nicht. Denn Karangwa ist seit Jahren der einzige Auszubildende in der Firma. Das mittelständische Unternehmen mit seinen knapp 30 Beschäftigten kann seine Ausbildungsplätze nicht mehr vergeben: "Ich glaube, es ist immer gut, wenn man noch andere Azubis um sich drum hat", sagt der Ruander.

Premosys-Chef Kuhl hat bemerkt, dass seit einigen Jahren die Anzahl der Bewerber deutlich abgenommen hat.
Premosys-Chef Matthias Kuhl hat bemerkt, dass seit einigen Jahren die Anzahl der Bewerber deutlich abgenommen hat. Nachwuchs sei aber für die Zukunft des Unternehmens wichtig.

Laut dem Premosys-Geschäftsführer Matthias Kuhl ist das auch einer der Gründe dafür, weshalb Ebbola Karangwa überhaupt über eine Agentur aus Dortmund aus Afrika für die Ausbildung rekrutiert wurde. "Wir finden keine Auszubildenden mehr. Es gibt ansonsten keine Bewerber aus Rheinland-Pfalz oder sonst woher aus Deutschland, die sich eignen", sagt Kuhl.

Das sind die Fachkräfte von morgen. Fachkräfte bekommen wir nicht einfach von der Stange.

Für das Unternehmen ein echtes Dilemma: "Das ist sehr nachteilig für uns. Wir brauchen junge Leute, die den Beruf von der Pike an erlernen und später bei uns bleiben. Das sind die Fachkräfte von morgen. Und Fachkräfte bekommen wir nicht einfach von der Stange", so der Premosys-Chef weiter.

Viele Ausbildungsstellen in der Region Trier bleiben offen

Die Eifeler Firma ist mit dieser Sorge nicht allein. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) machen derzeit viele Unternehmen in der Region Trier eine ähnliche Erfahrung. Demnach haben im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze nicht besetzen können.

Arbeitsmarkt Fachkräfte verzweifelt gesucht – Was gegen die Personalnot hilft

Der Fachkräftemangel ist bereits groß. Was dagegen helfen könnte: 4-Tage-Woche, Azubis aus dem Ausland, länger arbeiten, mehr Wertschätzung für Handwerk und Sozialberufe.

SWR2 Wissen SWR2

Die Situation habe sich seit 2019 zugespitzt. Besonders MINT-Berufe hätten das Problem, Nachwuchs zu finden. Also Branchen, die sich mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik beschäftigen. Die Größe eines Unternehmens sei dabei nicht entscheidend.

Wer heute nicht ausbildet, riskiert morgen einen massiven Fachkräftemangel.

Auch bei Großunternehmen sei der Stapel an Bewerbungen kleiner geworden. Dort führe das dazu, dass nicht alle Stellen besetzt werden könnten. Bei kleineren Betrieben könne sogar die Folge sein, dass nicht mehr ausgebildet werde. "Wer heute nicht ausbildet, riskiert morgen einen massiven Fachkräftemangel", so die IHK.

Schlechter ÖPNV, kaum Vorwissen und wenig Wertschätzung

Laut IHK gibt es viele unterschiedliche Gründe dafür, warum Ausbildungsplätze offenbleiben. Zum Beispiel seien gute Verkehrsanbindungen zum Ausbildungsbetrieb und zur Berufsschule wichtig. "Schlecht ausgebauter ÖPNV kann ein Hemmnis sein", heißt es.

Fachkräftekampagne und Mobilitätsmarke Fahrpläne, Jobs, Tickets: Neue Internetplattform für ÖPNV

Mehr Service, keine lange Suche mehr, sondern alle Infos rund um den ÖPNV auf einer Internetseite. So will Rheinland-Pfalz für Bus und Bahn werben.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RLP

Es gebe aber auch Kandidaten, die in ihrem im Umgang und Verhalten nicht in Frage kämen oder denen kognitive Fähigkeiten fehlen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Andere würden lieber studieren als eine Ausbildung machen.

Kritik an Bildungspolitik

Die IHK fordert von der Politik, sich mehr für Ausbildungen einzusetzen: "Hier ist aus unserer Sicht eine Neuausrichtung der Bildungspolitik notwendig". Es brauche eine gezielte Berufsorientierung an allen Schulen, vor allem an Gymnasien. "Das ist entscheidend, um Jugendliche über ihre beruflichen Möglichkeiten zu informieren und sie bei der Berufswahl bestmöglich zu unterstützen".

Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass Studium und Ausbildung gleich gute Chancen für die Zukunft bieten. Außerdem fordert die IHK, dass Berufsschulen besser finanziert und ausgestattet werden.

Eifeler Unternehmen will Azubis auch im Ausland suchen

Ebbola Karangwa freut sich nach dreieinhalb Jahren bald mit seiner Elektroniker-Ausbildung fertig zu sein. Er will vorerst für ein weiteres Jahr im Eifeler Unternehmen bleiben. "Vielleicht studiere ich danach Informatik oder Elektrotechnik", erzählt der junge Mann.

Eifel/Mosel/Hunsrück

Neues Angebot des SWR Studios Trier Nachrichten aus der Region Trier jetzt auf WhatsApp lesen

Das SWR Studio Trier ist jetzt auch auf dem Messenger-Dienst WhatsApp aktiv. Dort finden Sie regionale Nachrichten von Mosel und Saar, aus der Eifel, Hunsrück und Hochwald.

Premosys-Chef Matthias Kuhl ist von der Entwicklung des 23-Jährigen begeistert. Sollten auch künftig keine Bewerbungen aus Deutschland in sein Unternehmen kommen, plant er auch künftig Auszubildende im Ausland zu suchen, etwa in Italien, Spanien sowie in anderen EU-Ländern. Auch Ruanda ist eine Option.

Bildung Ausbildung trotz schlechter Noten – Chancen für benachteiligte Jugendliche

Trotz Fachkräftemangel bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Individuelle Betreuung kann Azubis mit Startschwierigkeiten helfen, ihren Ausbildungsabschluss zu machen.

SWR2 Wissen SWR2

Baden-Württemberg

Trotz Fachkräftemangel Knapp 37.500 Verträge weniger: Zahl der Ausbildungsverträge in BW wieder gesunken

Obwohl viele Unternehmen weiterhin nach Fachkräften suchen, sinkt die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Vor allem die Industrie trifft der Rückgang hart.

Trier

Reformen für Wirtschaftswachstum Trierer Unternehmen: "Die wirtschaftliche Situation ist sehr, sehr schlecht"

Insolvenzen, Fachkräftemangel und fehlende Infrastruktur: Der Vorsitzende der Trierer Unternehmer Vereinigung Frank Natus fordert Reformen, um den Standort Trier zu verbessern.

SWR4 RP am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Daniel Novickij
Daniel Novickij arbeitet als Korrespondent im Regionalbüro in Gerolstein in der Vulkaneifel.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!