Eine grüne Platine auf einer Werkbank. Umgeben von Monitoren und Kabeln. Ebbola Karangwa schließt an die Platine zwei weitere Platinen mit kleinen LED-Lampen und einem Schalter an. Dabei prüft er mit einem Messgerät, ob Strom fließt. "Wenn alles klappt, dann können sie später damit Stadt, Land, Fluss spielen. Dafür muss der Schalter gedrückt werden, damit auf einer Anzeige nacheinander Buchstaben von A bis Z aufleuchten", erklärt der 23-Jährige.
Eifeler Unternehmen bildet Azubi aus Ruanda aus
Karangwa hat mehrere Stunden an diesem kreativen Partyspiel gearbeitet. Denn das Projekt ist Teil seiner praktischen Abschlussprüfung als Elektroniker, die bereits in wenigen Tagen ansteht. Immer wieder studiert er die Anleitung, die daneben als großer Papierstapel auf der Werkbank liegt.
Der Azubi kommt ursprünglich aus Ruanda und macht seine Elektroniker-Ausbildung bei der Firma Premosys in Kalenborn-Scheuern in der Vulkaneifel. Das Unternehmen entwickelt optische Messsysteme, mit denen Informationen aus Farben entschlüsselt und für verschiedene Branchen zugänglich gemacht werden. Diese Technik wird etwa in der Medizin, in der Lebensmittel- sowie Automobilindustrie eingesetzt. Das Eifeler Unternehmen ist darin Weltmarktführer.
Der 23-Jährige findet diesen Bereich spannend: "Das ist ein Traumberuf für mich. Ich habe mich schon als Kind in Ruanda immer für Technik interessiert und viele Dinge ausprobiert", berichtet Karangwa. Er sei dankbar dafür, seine Ausbildung in Deutschland machen zu können.
Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt
Er würde gerne seine während der Ausbildung gesammelte Erfahrungen mit anderen Lehrlingen im Betrieb teilen und sich mit ihnen austauschen. Aber das geht nicht. Denn Karangwa ist seit Jahren der einzige Auszubildende in der Firma. Das mittelständische Unternehmen mit seinen knapp 30 Beschäftigten kann seine Ausbildungsplätze nicht mehr vergeben: "Ich glaube, es ist immer gut, wenn man noch andere Azubis um sich drum hat", sagt der Ruander.
Laut dem Premosys-Geschäftsführer Matthias Kuhl ist das auch einer der Gründe dafür, weshalb Ebbola Karangwa überhaupt über eine Agentur aus Dortmund aus Afrika für die Ausbildung rekrutiert wurde. "Wir finden keine Auszubildenden mehr. Es gibt ansonsten keine Bewerber aus Rheinland-Pfalz oder sonst woher aus Deutschland, die sich eignen", sagt Kuhl.
Das sind die Fachkräfte von morgen. Fachkräfte bekommen wir nicht einfach von der Stange.
Für das Unternehmen ein echtes Dilemma: "Das ist sehr nachteilig für uns. Wir brauchen junge Leute, die den Beruf von der Pike an erlernen und später bei uns bleiben. Das sind die Fachkräfte von morgen. Und Fachkräfte bekommen wir nicht einfach von der Stange", so der Premosys-Chef weiter.
Viele Ausbildungsstellen in der Region Trier bleiben offen
Die Eifeler Firma ist mit dieser Sorge nicht allein. Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) machen derzeit viele Unternehmen in der Region Trier eine ähnliche Erfahrung. Demnach haben im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze nicht besetzen können.
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Der Fachkräftemangel ist bereits groß. Was dagegen helfen könnte: 4-Tage-Woche, Azubis aus dem Ausland, länger arbeiten, mehr Wertschätzung für Handwerk und Sozialberufe.
Die Situation habe sich seit 2019 zugespitzt. Besonders MINT-Berufe hätten das Problem, Nachwuchs zu finden. Also Branchen, die sich mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik beschäftigen. Die Größe eines Unternehmens sei dabei nicht entscheidend.
Wer heute nicht ausbildet, riskiert morgen einen massiven Fachkräftemangel.
Auch bei Großunternehmen sei der Stapel an Bewerbungen kleiner geworden. Dort führe das dazu, dass nicht alle Stellen besetzt werden könnten. Bei kleineren Betrieben könne sogar die Folge sein, dass nicht mehr ausgebildet werde. "Wer heute nicht ausbildet, riskiert morgen einen massiven Fachkräftemangel", so die IHK.
Schlechter ÖPNV, kaum Vorwissen und wenig Wertschätzung
Laut IHK gibt es viele unterschiedliche Gründe dafür, warum Ausbildungsplätze offenbleiben. Zum Beispiel seien gute Verkehrsanbindungen zum Ausbildungsbetrieb und zur Berufsschule wichtig. "Schlecht ausgebauter ÖPNV kann ein Hemmnis sein", heißt es.
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Es gebe aber auch Kandidaten, die in ihrem im Umgang und Verhalten nicht in Frage kämen oder denen kognitive Fähigkeiten fehlen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Andere würden lieber studieren als eine Ausbildung machen.
Kritik an Bildungspolitik
Die IHK fordert von der Politik, sich mehr für Ausbildungen einzusetzen: "Hier ist aus unserer Sicht eine Neuausrichtung der Bildungspolitik notwendig". Es brauche eine gezielte Berufsorientierung an allen Schulen, vor allem an Gymnasien. "Das ist entscheidend, um Jugendliche über ihre beruflichen Möglichkeiten zu informieren und sie bei der Berufswahl bestmöglich zu unterstützen".
Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass Studium und Ausbildung gleich gute Chancen für die Zukunft bieten. Außerdem fordert die IHK, dass Berufsschulen besser finanziert und ausgestattet werden.
Eifeler Unternehmen will Azubis auch im Ausland suchen
Ebbola Karangwa freut sich nach dreieinhalb Jahren bald mit seiner Elektroniker-Ausbildung fertig zu sein. Er will vorerst für ein weiteres Jahr im Eifeler Unternehmen bleiben. "Vielleicht studiere ich danach Informatik oder Elektrotechnik", erzählt der junge Mann.
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Premosys-Chef Matthias Kuhl ist von der Entwicklung des 23-Jährigen begeistert. Sollten auch künftig keine Bewerbungen aus Deutschland in sein Unternehmen kommen, plant er auch künftig Auszubildende im Ausland zu suchen, etwa in Italien, Spanien sowie in anderen EU-Ländern. Auch Ruanda ist eine Option.