Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen für den Patienten. Fachärzte empfehlen, dass zwischen dem Auftreten des Schlaganfalls und der Ankunft in der Klinik nicht mehr als 30 Minuten vergehen sollten.
In einigen Orten in der Region Trier ist das nicht gegeben. Das geht aus einer Studie des Science Media Centers Germany hervor, einem Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Vor allem aus kleineren Dörfern in der Eifel dauert es demnach bis zu 50 Minuten, bis die Patienten eine Fachklinik mit einer Stroke Unit erreicht haben.
In der Region Trier gibt es diese Fachkliniken in Trier, Idar-Oberstein und in Wittlich. Jörn Zeller ist Chefarzt der Neurologie am St. Elisabeth Krankenhaus in Wittlich. Allein im vergangenen Jahr wurden dort fast 1.000 Schlaganfall-Patienten behandelt - und seiner Einschätzung nach werden es in Zukunft noch mehr.
SWR Aktuell: Wie schätzen Sie die Schlaganfall-Versorgung in der Region Trier ein?
Jörn Zeller: Die Schlaganfall-Behandlung ist immer spezialisierter geworden. Heutzutage können nur noch wenige zertifizierte Kliniken diese Versorgung anbieten. Wir haben in Deutschland nicht einmal mehr genug Personal, um eine einfache internistische Grundversorgung überall anzubieten.
Schlaganfall-Patienten müssen längere Wege zu zertifizierten Krankenhäusern in Kauf nehmen.
In der Region sehen wir, wie Krankenhäuser geschlossen wurden oder bald schließen werden. Deshalb können wir spezialisierte Schlaganfall-Behandlungen nicht mehr überall anbieten. Schlaganfall-Patienten müssen längere Wege zu zertifizierten Krankenhäusern in Kauf nehmen.
SWR Aktuell: Wenn im Notfall nicht in eine zertifizierte Klinik gefahren werden kann, kann dann in eine andere Klinik ausgewichen werden?
Zeller: Sehr viele Dinge werden in jedem Krankenhaus richtig gemacht. Es ist nicht so, dass ein Krankenhaus mit einer inneren Medizin ohne zertifizierte Schlaganfall-Station das schlecht machen würde. Ganz und gar nicht. Viele Patienten brauchen ja auch nur eine sehr gute Basis-Medizin.
Die Kollegen rufen dann bei uns an und wir entscheiden gemeinsam: Könnt ihr das gut machen oder ist es besser, den Patienten in eine Schlaganfall-Station zu verlegen?
Manche Schlaganfälle können in kleineren Krankenhäusern nicht behandelt werden. Zum Beispiel die Auflösung von Blutgerinnseln in Gefäßen, die sogenannte Lysetherapie. Diese Therapie darf nur in Schlaganfall-Stationen unter neurologischer Leitung durchgeführt werden. Nicht-neurologische Abteilungen auf dem Land haben nicht die Erlaubnis, diese Standardbehandlungen anzuwenden. In diesem Punkt klafft die Schere auseinander.
Aber viele Schlaganfall-Patienten können genauso gut auch in einer nicht-zertifizierten Schlaganfall-Station behandelt werden.
Nicht überall ist schnelle Hilfe in Sicht Wie gut ist die Schlaganfallversorgung in Rheinland-Pfalz?
Knapp 270.000 Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr einen Schlaganfall. Wer einen bekommt, braucht schnelle Hilfe. Nicht überall in RLP kann das gewährleistet werden.
SWR Aktuell: Wie viele Schlaganfall-Patienten werden bei Ihnen in Wittlich behandelt?
Zeller: Die Zahl der Schlaganfall-Fälle wächst bei uns stetig. Vor acht Jahren hatten wir etwa 700 Fälle pro Jahr. In den letzten beiden Jahren haben wir fast 1.000 Schlaganfälle pro Jahr behandelt, also durchschnittlich etwa drei Schlaganfälle pro Tag.
Da die Zahl der Krankenhäuser in der Region abnimmt und sich einige aus dem Schlaganfall-Geschäft zurückziehen, weil es immer komplizierter wird und die Gefahr größer wird, Fehler zu machen, kommen immer mehr Patienten zu uns nach Wittlich.
Unsere Kapazitäten reichen nicht aus. An manchen Tagen haben wir bis zu acht Schlaganfall-Patienten, die eingeliefert werden.
Unser Einzugsgebiet hat sich in den vergangenen Jahren vergrößert: Das Krankenhaus in Zell hatte bis Ende 2018 eine Neurologie-Abteilung, die 30 Jahre lang bestand, wurde dann aber geschlossen. Seitdem hat die Mittelmosel keine eigene Neurologie mehr. Auch in anderen Krankenhäusern in der Eifel ist dies der Fall. Weite Teile des Hunsrücks hatten nie eine Neurologie.
Unser Einzugsgebiet erstreckt sich inzwischen von der belgischen Grenze bis fast an den Mittelrhein. Das heißt, es werden bei uns immer mehr Fälle.
SWR Aktuell: Was unternehmen Sie, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden? Reichen Ihre Kapazitäten überhaupt noch aus?
Zeller: Unsere Kapazitäten reichen nicht aus. An manchen Tagen haben wir bis zu acht Schlaganfall-Patienten, die eingeliefert werden. Diese Anzahl an Patienten kann man nicht mit nur sechs oder acht Betten bewältigen. Dafür benötigen wir zehn bis zwölf Betten. Deshalb vergrößern wir unsere Stroke Unit.
Derzeit wird unsere Acht-Betten-Schlaganfall-Station umgebaut. Anfang Mai werden wir die Einweihung feiern. Dann haben wir eine Schlaganfall-Station mit elf Betten, also drei mehr als bisher. Dadurch können wir etwa 300 bis 400 zusätzliche Patienten pro Jahr versorgen. Wir stellen auch gerade neue Ärzte und Pfleger ein.
Wir haben keine Zeit zu verlieren und müssen schnell größer werden.
Der Neubau kostet 2,5 Millionen Euro. Wir finanzieren das komplett selbst und erhalten keine finanzielle Unterstützung. Wir haben keine Zeit zu verlieren und müssen schnell größer werden. Das geht nur, wenn man selbst Geld in die Hand nimmt und sofort loslegt.
SWR Aktuell: Das Land Rheinland-Pfalz hat 20216 das telemedizinische Schlaganfallnetzwerk eingeführt, um die Schlaganfallversorgung flächendeckend zu verbessern. Kann Telemedizin tatsächlich das Angebot einer Stroke Unit ersetzen?
Zeller: Ersetzen kann Telemedizin eine Stroke Unit nicht, aber sie kann sehr nah rankommen. Bei der Telemedizin ist man sehr dicht am Patienten dran, fast so, als ob der Neurologe am Bett steht. Das Problem ist, dass viele Schlaganfälle kompliziert zu behandeln sind und Ärzte viel Erfahrung benötigen.
Auf unserer Stroke Unit in Wittlich haben wir pro Tag jeweils vier Visiten von Ärzten und von Pflegeteams. Ein Patient hat also acht Visiten und klinische Untersuchungen täglich. Das kann man nicht dadurch ersetzen, dass man eine halbe Stunde lang einen Neurologen aus Mainz auf dem Monitor hat.
Telemedizin ist kein Ersatz für eine Stroke Unit, aber die beste Annäherung.
Also: Telemedizin ersetzt den Neurologen vor Ort nicht, aber in der kritischen ersten halben Stunde bekommen Patienten sehr viel Know-how ans Bett, um vieles richtig zu machen. Das ist kein Ersatz für eine Stroke Unit, aber die beste Annäherung.
SWR Aktuell: Derzeit beteiligen sich acht Kliniken am telemedizinischen Schlaganfallnetzwerk Rheinland-Pfalz. Warum sind es Ihrer Meinung nach nicht mehr?
Zeller: Das hat viele Gründe. Heutzutage sind Krankenhäuser oft im Defizit. Es muss immer abgewogen werden, ob etwas wirtschaftlich ist - trotz aller idealistischen Ziele.
Rein medizinisch gesehen stellt sich auch die Frage: Kann ein Krankenhaus die Infrastruktur einer neurologischen Abteilung überhaupt bereitstellen? Telemedizin ist für die kritische erste halbe Stunde gedacht. Wenn jedoch eine umfassende Schlaganfallmedizin angeboten werden soll, braucht es noch eine ganze Reihe mehr Logistik dahinter.
Wenn ein Krankenhaus weiß, dass es das nicht stemmen kann, wird es den Anfang gar nicht erst machen.