Es ist der 25. Februar 1926, als tausende Winzer auf das Finanzamt in Bernkastel-Kues zulaufen. Julia Köster, die heutige Leiterin des Wittlicher Finanzamtes, hat zu den Ereignissen recherchiert.
Was als Übergabe eines Protestschreiben geplant war, schlug nach einem ersten Steinwurf in massive Gewalt um. "Das Gebäude wurde verwüstet, Beamte mussten fliehen und Akten wurden verbrannt."
Winzer hatten vor 100 Jahren ähnliche Probleme
Die Ursachen für diesen Gewaltausbruch waren vielfältig und erinnern teilweise an die heutigen Probleme der Branche. Hans-Hermann Kocks vom Weingut Thanisch Erben blättert in alten Aufzeichnungen, in den Spalten sind Preise eingetragen. "Die Versteigerungen zeigen, dass zwischen 1924 und 1926 ganz erhebliche Rückgänge der erzielten Preise für die Weine zu verzeichnen waren, sodass auch hier in diesem Weingut ganz erhebliche Probleme aufgetreten sind.“
Der Preisverfall lag unter anderem an günstigem Wein aus Spanien und daran, dass im Ausland nach dem ersten Weltkrieg niemand mehr "Verliererwein" aus Deutschland trinken wollte. Verschärft wurde die Lage durch eine Weinsteuer und eine rigorose Finanzverwaltung.
Vor allem Fasswein-Winzer sind betroffen Niedrige Weinpreise - Viele Winzer in RLP können Kosten nicht mehr decken
Winzer in Rheinland-Pfalz stecken mitten in der Weinlese und in der Krise. Eigentlich müssten sie die Preise anheben, um ihre Kosten zu decken. Ganz so einfach ist das aber nicht.
Manche Landwirte wollten Bundestag stürmen
Laut Julia Köster versuchte die Behörde in strenger preußischer Manier, die Gesetze durchzusetzen, und pfändete dabei sogar essentielle Arbeitsgeräte wie Keltern.
Unbarmherzige Finanzbeamte mögen seltener geworden sein, Frust und Protest gibt es natürlich auch heute. Pascal Kersten vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau hat die Bauerndemos der vergangenen Jahre gegen die Abschaffung der Agrardiesel-Vergünstigungen organisiert.
Auch da habe es Landwirte gegeben, die Ihren Ärger nicht nur mit Schildern und Trillerpfeifen ausdrücken wollten. "Die wollten Rabatz, die wollten richtig Terror machen. Wir haben viel Zeit verwendet, um denen in Gesprächen klar zu machen, dass wir damit Null Erfolg haben werden." Die meisten Bauern hätten das aber ähnlich gesehen.
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Erfolge aus Protest häufig nur symbolisch
Doch welche Lehren lassen sich aus diesen Protesten ziehen? Die Landwirte bekommen seit diesem Jahr wieder die vollen Zuschüsse für Ihren Agrardiesel und die Winzer hatten sich vor 100 Jahren darüber gefreut, dass die Weinsteuer abgeschafft wurde.
Doch die strukturellen Probleme der Landwirte sind weder damals noch heute durch den Protest gelöst worden, sagt Historiker Matthias Vollet. "Nachdem die Weinsteuer abgeschafft war, hat die Politik in Berlin gesagt, ja gut jetzt ist das ganze Ding erledigt und als dann nur wenige Jahre später die nächste Absatzkrise da war und die nächsten Hilfsbitten kamen, wurde nur gesagt, nein, jetzt kommen die schon wieder."
Die Geschichte lehre somit, dass Proteste zwar Aufmerksamkeit erzeugen, für echte strukturelle Lösungen aber ein deutlich längerer Atem nötig ist. Wer mehr über den "Winzersturm aufs Finanzamt" erfahren möchte, kann ab dem 25. Februar eine Ausstellung im Foyer der Verbandsgemeindeverwaltung Bernkastel-Kues besuchen.