Ein Freitagnachmittag: In der Kirche St. Antonius neben dem Viehmarkt in Trier sind der Pfarrer und der Küster - und eine einzelne Gläubige, die betet. An Sonntagen sind es ein wenig mehr, dann kommen 35 Menschen zum Gottesdienst. Zusätzlich gibt es zwei polnisch-sprachige Messen in der Kirche.
"Die polnische Gemeinde ist sehr groß und lebendig", sagt Pfarrer Markus Nicolay von der Pfarrei Liebfrauen. Das zeige nicht nur, dass Glaube international sei. Es sei auch umso besser, je mehr die Kirche genutzt werde: "Denn auch an Weihnachten wird St. Antonius mit der deutschsprachigen Gemeinde schon lang nicht mehr voll."
Pfarreien müssen Konzept erstellen
Wie soll es also weitergehen, wenn immer weniger Gläubige kommen? Die Pfarrei muss sich etwas überlegen. Und zwar spätestens bis 2034. Denn bis dahin müssen Pfarreien laut einer neuen Strategie des Bistums Trier ein Konzept für die Gebäude erstellen, die ihnen gehören.
Ziel der neuen Immobilienstrategie sei es, "für das zukünftige kirchliche Leben in den Pfarreien geeignete und verlässlich finanzierbare Räume zu sichern", teilte eine Sprecherin dem SWR mit. Im Klartext heißt das: Das Bistum hat nicht genügend Geld, um alle Kirchen seiner Pfarreien instandzuhalten.
Zwei Drittel der Kirchen bezuschusst
Konkret sieht die Strategie vor, dass das Bistum in Zukunft bei mindestens zwei Kirchen pro Pfarrei Zuschüsse zahlt, wenn diese beispielsweise saniert oder neu gebaut werden müssen. Maximal wird aber für 60 Prozent der Kirchen gezahlt, die es mindestens seit 2012 gibt.
Eine Kirchengemeinde steht vor dem Aus Kirche geschlossen - Heimbacher fassungslos
Jahrelang hatten die Heimbacher um ihre Kirche gekämpft. Seit Anfang des Jahres ist sie geschlossen. Wie es jetzt weiter geht in der Kirchengemeinde, darüber herrscht Ratlosigkeit.
Was das bedeutet, erklärt die Bistumssprecherin mit einer Beispielrechnung: Hat eine Pfarrei 18 Kirchen und es werden noch 60 Prozent davon bezuschusst, kommt man auf 10,8. Aufgerundet zahlt das Bistum also für elf Kirchen, wenn daran gebaut werden muss. Für sieben Kirchen muss die Pfarrgemeinde selbst zahlen.
Die Pfarrei Liebfrauen muss nach dieser Rechnung eine Kirche aufgeben. St. Antonius darf erst einmal bleiben. Wahrscheinlich wird St. Agritius in Trier-Kürenz profaniert, also entweiht. Dort kommen noch weniger Menschen in die Messe.
Wir sind ja keine Institution, die dazu da ist, Gebäude zu unterhalten, die wir nicht mehr brauchen.
Für Pfarrer Nicolay ist das nicht so ein großer Schock, wie man vielleicht meinen könnte: "Wir sind ja keine Institution, die dazu da ist, Gebäude zu unterhalten, die wir nicht mehr brauchen. Sondern sie sollen uns dienen."
Fusionierte Pfarreien mit vielen Kirchen
Eine Kirche abzugeben, klingt nicht nach viel. Im Bistum gibt es aber immer mehr fusionierte Pfarreien, in denen also ehemals eigenständige Pfarrgemeinden zusammengelegt wurden. Auch das ist eine Reaktion auf weniger Geld, weniger Personal, weniger Ehrenamtler.
Das bedeutet aber auch, dass diese Pfarreien mehr Kirchen haben und nach der Immobilienstrategie anders rechnen müssen: Die meisten Kirchen hat laut Bistum die fusionierte Pfarrei St. Peter und Paul Arzfeld-Neuerburg mit 60. Hier würden also 36 weiter bezuschusst, für 24 müsste die Pfarrei eine andere Lösung finden.
Die zweitmeisten Kirchen hat die Gemeinde Kelberger Land St. Christophorus, die ab Januar als solche fusionieren wird. Dort gibt es 45 Kirchen. 18 müssten also ab 2034 selbst finanziert werden. Das bedeutet auch 18 Dörfer, die womöglich um ihre Kirche bangen müssen.
Kirche ist Mittelpunkt des Dorfes
"Die Kirchen und Kapellen sind für den Ort ein Identitätsmarker. Sie sind in der Regel der Mittelpunkt des Dorfes", sagt Klaus Kohnz, Pfarrer der Kirchengemeinde. Die älteste der Kirchen hier stammt aus dem 11. Jahrhundert.
Viele Menschen verbinden etwas mit ihrer Kirche - ihre Hochzeit, die Taufe der Kinder. Es wäre ein herber Verlust, sie aufgeben zu müssen.
Dabei verliert die Pfarrei jährlich auch 100 Gläubige durch Austritt oder Tod. Deshalb fragt sich auch Kohnz, ob in vier, fünf Jahren in manchen Dörfern überhaupt noch jemand in die Messe kommt.
Die Immobilienstrategie des Bistums lehnt er deshalb auch nicht grundsätzlich ab: "Es ist ein großer Spagat: Was bleibt erhalten? Was geben wir auf? Was können wir uns finanziell noch leisten?"
Immobilienstrategie kurz vor den Wahlen
Für Kohnz kommt sie aber zur Unzeit. Denn im November sind Pfarrgemeinderatswahlen. Im Februar wird erstmals in der neu fusionierten Pfarrei Kelberger Land gewählt.
Kohnz fürchtet, dass sich wegen der Immobilienstrategie viele nicht zur Wahl aufstellen lassen: "Ich habe vor allem von Verwaltungsratsmitgliedern gehört, die das Muffensausen bekommen haben: Was kommt da auf uns zu, was sollen wir da entscheiden?"
Denn es sind genau diese ehrenamtlichen Gremien, die das Konzept bis 2034 aufstellen sollen. Und entscheiden, ob und welche Kirchen profaniert werden.
"Viele haben einfach Angst, da mitzuwirken, weil sie je nach Entscheidung von der Bevölkerung Prügel bekommen", denkt Kohnz, der schon bei einem Profanierungsgottesdienst in Daun dabei war: "Da sind Tränen geflossen."
Orte könnten sich für Kirchen einsetzen
Andererseits ist er auch zuversichtlich. Der Großteil der Kirchen und Kapellen sei in einem hervorragenden Zustand, sie seien also auf Jahrzehnte gesichert. Gerade entstehe ein Förderverein, der die laufenden Kosten einer Kirche tragen soll.
Schon jetzt würden viele Ortsgemeinden die Betriebskosten ihrer Kapellen übernehmen. "Ich glaube nicht daran, dass es hier im ländlichen Bereich zu einem Verkauf von Kapellen und Kirchen kommt. Dafür hängen die Menschen zu sehr an diesen Gebäuden."
Die Menschen sagen: Die Kirche muss im Dorf bleiben.
Viele würden bei Sanierungen mithelfen, ohne selbst in den Gottesdienst zu gehen: "Denn die sagen: Die Kirche muss im Dorf bleiben."
Profanierte Kirchen anders nutzen
Aber was, wenn doch profaniert werden muss? Das Bistum hat keine Übersicht, wie ehemalige Kirchen heute genutzt werden. Es gibt aber Beispiele: So wurde in Koblenz auf dem Grundstück einer Kirche ein Seniorenheim gebaut.
In den Kirchen Christi Himmelfahrt und Maria Königin in Trier-Ehrang sind heute Wohnungen. Ist das also eine Lösung, zum Beispiel auch für die Pfarrei Liebfrauen in Trier?
Pfarrer Markus Nicolay ist skeptisch. Denn die Pfarrei hat Erfahrung: St. Paulus nahe der Innenstadt ist seit acht Jahren keine Kirche mehr, weil sie nicht genügend Besucher hatte. Die Kosten laufen weiter: Steine mussten gesichert werden, ein Blitzableiter eingebaut - das habe zehntausende Euro gekostet.
Man würde das Gebäude gerne verkaufen zusammen mit dem Pfarrheim und dem Haus des Küsters. Die sind im Moment durchgängig vermietet. Die Kirche wird aber nur sporadisch genutzt, zum Beispiel von der Touristinfo oder dem Moselmusikfest.
Es gibt so viele Ideen, was man mit dieser Kirche machen könnte.
"Die verschiedenen Nutzungen sind weder kostendeckend noch jahresfüllend, weil sie punktuell sind", sagt Nicolay: "Es gibt so viele Ideen, was man mit dieser Kirche machen könnte: Konzertsaal, Versammlungsraum, Erweiterung der Uni oder der Hochschule."
Gesellschaftliche Debatte
Aber alles scheitere bisher. Für Wohnungen zum Beispiel müssten Geschosse eingezogen, Gauben eingebaut werden. Da spiele der Denkmalschutz nicht mit. Nicolay würde sich da mehr Flexibilität wünschen, damit Gebäude nicht ungenutzt verfallen.
Und er wünscht sich eine gesellschaftliche Debatte: "Wie gehen wir mit unserem kulturellen Erbe in Gestalt dieser Kirchengebäude um, die oftmals Jahrhunderte den Stadtteil oder ein Dorf geprägt haben, wenn die Kirchengemeinden sie nicht mehr brauchen und nicht mehr unterhalten können?“
Und als Theologe findet Nicolay auch, dass man als Christ nicht an Gebäude gekettet sei. Christen seien ein pilgerndes Gottesvolk: "Und zum Pilgern passen Häuser eigentlich gar nicht. Sondern eher Zelte."