Verfassungsschutz warnt

Islamistische Influencer: Prediger in Koblenz in der Kritik

Sicherheitsbehörden und Experten warnen vor islamistischen Influencern. Sie könnten die Radikalisierung von Jugendlichen fördern. Einer ist nach SWR-Recherchen regelmäßig in Koblenz zu Gast.

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Von Autor/in Eric Beres

Ein Mehrfamilienhaus im Koblenzer Stadtteil Metternich: Neben zwei Ladenlokalen sind im Erdgeschoss Räume des "Afghanisch Islamischen Kulturvereins" untergebracht. Hier finden Gebete und Islam-Unterricht statt. Dabei herrscht Geschlechtertrennung.

Nach Recherchen von SWR und der "Neuen Westfälischen Zeitung" tritt in der Moschee regelmäßig der Prediger Mohammed Najjar auf. Der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz sieht ihn als "den vermutlich Hauptverantwortlichen" hinter "Islamkenntnis", einer Plattform in den sozialen Medien. Darauf werden Videos und Predigten von Mohammed Najjar verbreitet. Dem entsprechenden WhatsApp-Kanal folgen mehr als 1.300 Personen.

Der Prediger Mohammed Najjar steckt mutmaßlich hauptverantwortlich hinter der Plattform "Islamkenntnis", die dem politischen Salafismus zugeordnet wird.
Der Prediger Mohammed Najjar steckt mutmaßlich hauptverantwortlich hinter der Plattform "Islamkenntnis", die dem politischen Salafismus zugeordnet wird.

Laut der Behörde kann das Projekt dem "politischen Salafismus" zugerechnet werden. Dies zeigten unter anderem einschlägige Äußerungen und die Nähe zu namhaften Predigern und Influencern der salafistischen Szene, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Nach SWR-Informationen teilt Najjar auf seinen Social Media-Kanälen etwa Beiträge von Hassan Dabbagh und Ahmad Armih, die beide von Verfassungsschützern dem Salafismus zugerechnet werden.

Radikale Auslegung des Islam  

In einem seiner Videos sagt Najjar zur Frage einer radikalen Auslegung des Islams: "Wo ist das Problem?" In einem anderen Clip spricht er von der Stellung einer muslimischen Frau in der Ehe: "Der Mann erzieht auch irgendwo seine Frau. Das ist normal." Wenn die Frau verheiratet sei, könne sie nicht ihren eigenen Kopf haben. Weiter heißt es: "Wie sagt man ‚Independent Women‘ und so weiter? Nein."

In einem mit "Kinder Unterricht" betiteltem Video sagt er, Kinder dürften keine Instrumente spielen oder in der Schule singen. Wörtlich sagt er: "Wenn du schon von klein auf immer diese Musik hörst und nicht ohne die Musik kannst, dann wird dein Herz schwarz."

Der Experte für Extremismusprävention, Navid Wali, der für die Frankfurter Organisation "Violence Prevention Network" arbeitet, hält den Prediger angesichts solcher Aussagen für "eine Art Vorradikalisierungsstufe". Im Interview mit dem SWR sagte er: "Wenn ein Mensch radikalisierungsgefährdet ist und immer mehr isoliert wird von einer offenen Gesellschaft aufgrund der Vorgaben, die solche [Influencer] eben geben, dann ist das nur eine Frage der Zeit, bis dies dann nicht genügt." Diese Menschen erwarteten dann auch eine Strenge in der Umsetzung von politischen Zielen.

Prediger verlangt "2.490 Euro" für TV-Interview

Der SWR hat Najjar um ein TV-Interview gebeten. Diesem wollte er allerdings nur für ein Honorar über "pauschal 2.490 Euro" zustimmen, da ein Interviewtermin für ihn mit dem Ausfall seiner laufenden Arbeit verbunden sei. Das hat der SWR abgelehnt. Schriftlich teilt der Prediger mit, seine Beiträge bewegten sich im Rahmen des Grundgesetzes. Er lehne Gewalt und Extremismus ab. Wörtlich heißt es: "Meine Arbeit zielt auf Orientierung, Verantwortung und gesetzestreues Verhalten ab. Jede Form von Radikalisierung lehne ich ab."

Die rechtliche Gleichberechtigung von Mann und Frau sei für ihn selbstverständlich. Hinsichtlich dessen Nähe zu anderen Predigern teilt er mit, das Teilen einzelner Inhalte bedeute weder eine organisatorische Verbindung, noch eine vollständige inhaltliche Übereinstimmung mit den genannten Personen. Der Begriff "politischer Salafismus" sei für ihn ein "behördliches Konstrukt". Er selbst betreibe lediglich religiöse Bildungsarbeit.

Mit dem Verein in Koblenz und dessen Moschee sei er weder "institutionell, organisatorisch oder leitend" verbunden. Er bete dort lediglich gelegentlich und halte "auf Anfrage" religiöse Vorträge. In seinem WhatsApp-Kanal wirbt Najjar für die Koblenzer Moschee. Er bittet etwa um Geldspenden oder Einrichtungsgegenstände. Der Verein selbst hat auf telefonische und schriftliche Kontaktversuche des SWR nicht reagiert.

Herausforderung salafistische Influencer  

Verfassungsschützer zeigen sich über die Aktivitäten von "Islamkenntnis" besorgt. Die entsprechende hessische Behörde teilte dem SWR mit, man sehe deren "zunehmende Reichweite […] äußerst kritisch". Der rheinland-pfälzische Verfassungsschutz schreibt: "Sollten dann Projekte wie 'Islamkenntnis' ihre Inhalte in Moscheen verbreiten, können Jugendliche so noch intensiver in Kontakt mit ihren salafistischen Botschaften kommen."

Laut der rheinland-pfälzischen Beratungsstelle "Salam" gegen islamistische Radikalisierung, die beim Landesjugendamt angesiedelt ist, spielen soziale Medien eine zentrale Rolle bei Radikalisierungsverläufen. Nicht nur Influencer verbreiteten entsprechende Inhalte.

Die Beratungsanfragen hätten in den vergangenen drei Jahren zugenommen. Man habe es bereits mit 14- bis 16-Jährigen zu tun, die man von Sicherheitsbehörden im Zuge "digitaler Strafermittlungsarbeiten" zugewiesen bekomme. Jugendliche suchten nach positiver Resonanz, die im "analogen Leben" nicht erreicht werde.

Das Projekt "Power Islam" versucht, religiösem Extremismus etwas entgegenzusetzen.
Das Projekt "Power Islam" versucht, religiösem Extremismus etwas entgegenzusetzen.

Projekt "Power-Islam" gegen religiösen Extremismus

Das Projekt "Power Islam" aus Ingelheim will salafistischen Inhalten im Netz eigene und zwar positive Botschaften des Islam entgegensetzen. Dazu gehören auch mit KI produzierte religiöse Pop-Lieder zum Ramadan. "Diejenigen, die Musik verdammen, das sind in unseren Augen Menschen, die eine wichtige Säule der islamischen Kultur einfach weghaben wollen", sagt Projekt-Mitbegründer Mustafa Cimşit.

Laut seiner Kollegin Misbah Arshad sorgen Aussagen salafistischer Influencer inzwischen in vielen muslimischen Familien für Diskussionen. Kinder fühlten sich plötzlich berechtigt, die Glaubensgrundsätze der eigenen Mutter in Frage zu stellen. "Da können auch Familien darunter zerbrechen", sagt die Pädagogin. Gerade jetzt, zum Ramadan, wolle man daher den Content für Social Media noch verstärken. Denn dann seien Muslime noch empfänglicher, über ihre Religion nachzudenken.

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