Mit seinen gerade mal 24 Jahren ist Pedro Martins einer der jüngsten Kuratoren in der langen Geschichte des SWR NEWJazz Meeting, das in diesem Jahr bereits zum 50. Mal stattfindet. Der Gitarrist aus der Hauptstadt Brasilia ist Autodidakt. Er lernte das Instrument zu spielen, indem er seinem Vater über die Schulter schaute. Heute ist Martins einer der herausragenden Vertreter seines Instruments in der brasilianischen Szene, die an virtuosen Gitarristen nicht gerade arm ist.
SWR NEWJazz Meeting 2017 – Eindrücke von den Proben Jeder bringt seine Persönlichkeit ein
Das Treffen ist mehr als eine lockere Jam-Session, es versteht sich als Klanglabor in Sachen improvisierter Musik. Thomas Loewner hat die aktuellen Proben begleitet.
Sein 14 Jahre älterer Kollege Daniel Santiago, mit dem er jüngst eine Duo-CD aufgenommen hat, sagt über ihn: „Wenn ich an unsere Spieltechnik denke, muss ich klar feststellen, dass Pedro bei seinen Improvisationen viel beweglicher ist als ich. Das ist ja auch einer der Aspekte, die ihn so einmalig machen.“ 2015 hat Pedro Martins den Gitarrenwettbewerb des Montreux Jazz Festivals gewonnen. Unter den Juroren war auch Kurt Rosenwinkel, und der Amerikaner arbeitet seitdem eng mit Martins zusammen. So engagierte er ihn etwa für seine Band Caipi, wodurch Martins Gelegenheit bekam, weltweit Konzerte zu spielen und einem größeren Publikum bekannt zu werden.
Musikalisch auf einer Wellenlänge
Zum Line-up von Caipi gehören auch Bassist Frederico Heliodoro aus Belo Horizonte und der in Sao Paulo lebende Schlagzeuger Antonio Loureiro. Martins und die beiden kennen sich schon seit längerem. Heliodoro wurde von Daniel Santiago auf Pedro Martins aufmerksam gemacht. Er hörte ihn erstmals live in Rio de Janeiro spielen und nahm danach direkt Kontakt mit ihm auf. Schnell stellte sich heraus, dass sie musikalisch auf einer Wellenlänge sind: „Wir sind beide große Beatles-Fans. Von diesem Moment an begann unsere besondere Beziehung, die ich so liebe. Ich lerne eine Menge von Pedro und er ist ein klasse Typ“.
Als Martins die Gelegenheit bekam, eine Band für das SWR NEWJazz Meeting 2017 zusammen zu stellen, musste er deshalb auch nicht lange überlegen, mit wem er die Rhythmusgruppe besetzt: Frederico Heliodoro und Antonio Loureiro waren seine erste Wahl. Doch auch die anderen Mitspieler des Sextetts „The Spider’s Egg“ sind Wunschkandidaten des Gitarristen: Die Arbeit der Sängerin Genevieve Artadi aus Los Angeles verfolgt Pedro Martins schon seit mehreren Jahren – bekannt wurde sie als eine Hälfte des Duos Knower. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Keyboarder Louis Cole produziert sie eine elektrisierende Mischung aus Electro, Funk, Pop und Jazz, die auf ihre Weise einzigartig ist: Die Musik von Knower ist von manchmal überbordender Virtuosität und gleichzeitig sehr eingängig. Eine Mischung, die in dieser Stimmigkeit selten anzutreffen ist. Pedro Martins bezeichnet sich selbst als großen Fan von Artadi und wenn man ihr einige Tage bei den Proben zugesehen und -gehört hat, versteht man ihn: Ihre Intonation ist glasklar, sie hat ein fantastisches Timing und ist zudem eine großartige Songwriterin.
Jeder bringt eigene Kompositionen ein
Alle sechs Musiker des diesjährigen SWR NEWJazz Meetings haben übrigens Kompositionen beigesteuert, die drei Brasilianer genauso wie Genevieve Artadi und die beiden Saxophonisten David Binney aus New York und der in Köln lebende Sebastian Gille. Pedro Martins legt viel Wert darauf, dass jeder der Musiker seine Persönlichkeit in das Projekt einbringen kann. Dazu gehören für ihn nicht nur ihre instrumentalen Fähigkeiten, sondern auch ihre eigene Musik. So kommt es, dass beim NEWJazz Meeting 2017 eine deutlich größere musikalische Bandbreite zu hören ist als in vielen Jahren davor: brasilianische Einflüsse, Jazz, Funk, Pop und elektronische Sounds.
Für David Binney macht dies die Stärke des aktuellen Jahrgangs aus: „Was mir daran gefällt ist, dass es eine Balance gibt. Wir haben komplett durcharrangierte Stücke, die wie Pop-Songs funktionieren. Es gibt aber auch sehr offene Kompositionen, die viel Raum für Improvisation lasen.“ Die Herausforderung für die Musiker besteht darin, sich auf die unterschiedlichen Anforderungen einzustellen. Doch Sebastian Gille, ansonsten vorwiegend in einem Jazz-Umfeld unterwegs, ist begeistert von der offenen Probenatmosphäre. Sie hat schnell dafür gesorgt, dass das Eis zwischen den Musikern gebrochen ist. Spätestens nach dem zweiten Tag spürte er „wie jeder seinen Platz findet und wir immer mehr zusammen wachsen. Das ist eigentlich etwas, was es in der Realität so überhaupt gar nicht gibt.“
Pedro Martins freut sich deshalb auch schon auf die Reaktionen der Konzertbesucher, speziell derjenigen, die einzelne Musiker der Band schon aus anderen Kontexten kennen: „Die werden etwas erwarten, was sie vorher schon mal gehört haben. Aber es wird nicht so klingen, denn unsere Musik ist eine Mischung unterschiedlicher Perspektiven. Wie das am Ende klingen wird, wissen wir selbst noch nicht so genau.“