Ein Kaffeehaus wird zur Partnerbörse
Die Bühne des Freiburger Theaters ist verwandelt in ein großes Kaffeehaus: Links eine lange Theke, von der ab und zu ein Kellner in Livree zur Bedienung aufbricht. Ein riesiger Lüster hängt vor der in gedecktem Grün gehaltenen Rückwand. Alte Eleganz, aber das Kaffeehaus steht hier nicht für eine vergangene europäisch-bürgerliche Kultur.
Regisseur Peter Carp sieht es vielmehr als Ort der neugierigen Begegnung: „Die Leute sind ja nicht nur zum Kaffeetrinken ins Kaffeehaus gegangen oder zum Diskutieren oder, um literarische Gespräche zu führen. Sie haben sich informiert, sie haben Zeitung gelesen. Aber die Kaffeehäuser in der damaligen Zeit waren auch Treffpunkte für erotische Kontakte.“
Um erotische Kontakte geht es tatsächlich in Jozef Kofflers sogenanntem Ballettoratorium „Alles durch M.O.W.“. M.O.W. ist nämlich eine Partnervermittlung, bei der man Kontaktanzeigen aufgeben und sich gleich im Cafe zum Gespräch oder mehr verabreden kann. Wofür die Abkürzung M.O.W. steht oder stehen könnte, bleibt übrigens ein Geheimnis.
Musik zwischen Arnold Schönberg, Avantgarde und Operette
Die 1930er-Jahre zeigen sich hier als Zeit des sexuellen Aufbruchs, des Ausprobierens, der Promiskuität, aber auch schon einer ironisch gebrochenen Körperlichkeit. Die Figuren haben keine Namen. Sie tragen Typenbezeichnungen: Da gibt es den „zartbesaiteten Herrn“, den „Herrenfahrer mit Siegfrid-Natur“ oder die „Rassenblondine“.
Die Musik Kofflers hält eine ungewöhnliche Balance. Sie steht in der Tradition der Zwölftonmusik: Arnold Schönberg war sein Vorbild, Alban Berg hatte er selbst in Wien kennengelernt. Später in Polen hatte er den im Grunde einzigen Lehrstuhl für Avantgardemusk inne.
Dabei ist der Charakter der Musik aber überraschend zugänglich, von Jazz und Operette geprägt. „Die Musik ist unglaublich vielschichtig und spannend: Sie tanzt, sie vereint auch ganz viele Stile“, schwärmt Dirigentin Friederike Scheunchen begeistert. „Wir haben Märsche, Fugen und choralartige Teile. Koffler hat da wirklich so einen ganz eigenen Stil-Mischmasch zusammengebaut, was total Spaß macht und einen vom Sitz reißt.“
Werke von Koffler und Vogel zeichnen das Lemberg zwischen den Kriegen
Weil zu dem Stück keine Partitur existiert, hat der Freiburger Komponist Johannes Schöllhorn den Klavierauszug abwechslungsreich instrumentiert mit Harfe, Akkordeon und Marimba. Im ersten Teil des Abends erklingen in einer Art Vorspiel zum Oratorium auch Stücke von ihm, die Józef Koffler gewidmet sind.
Dazu rezitieren Schauspieler, im Kaffeehaus sitzend, Gedichte der jüdischen Lyrikerin Debora Vogel. Sie lebte zur gleichen Zeit wie Józef Koffler in Lemberg und schrieb Texte von der Liebe als urbaner Ausdruck von Sehnsucht und Einsamkeit.
So entsteht das Porträt eines Zeitgeistes, der Poesie, Moderne und Ironie verbindet. Die Kulturregion, die damals noch unter dem Namen Galizien bekannt war, erscheint dabei als europäischer Raum, in dem sich viele Einflüsse verbinden konnten.
Erinnerungen an eine reiche europäische Kulturregion
Regisseur Peter Carp erinnert auch an die reiche Literatur, die in dieser Gegend entstanden ist: „Die Menschen waren meistens mehrsprachig, konnten also verschiedene Sprachen völlig fließend sprechen. Es gab eine starke Wissenschaftszene, gerade Naturwissenschaften, Mathematiker waren sehr stark in Lemberg.“ Nach dem Krieg, so Carp, sei die Gegend nur noch als Problemzone erlebt worden.
So kann man als neugieriger Theaterbesucher auch den ganzen Abend als Kontaktvermittlung begreifen zu einer jüdisch geprägten Kultur, die man ansonsten wahrscheinlich nie kennen gelernt hätte. Durch „Alles durch M.O.W.“ und natürlich auch durch den Intendanten Peter Carp, der zu der Freiburger Partnerstadt Lemberg schon länger eine besonderes Verhältnis hat und mit der Inszenierung seinen Abschied aus Freiburg feiert.
Es sei eine wichtige Aufgabe von Kulturinstitutionen, Werke wieder zugänglich zu machen, die in Vergessenheit zu geraten drohen, findet Carp:
„Unser Anliegen ist eigentlich, diesem interessanten kulturellen Leben, das es zu der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Lemberg gegeben hat, und das inzwischen vollkommen anders ist, aufgrund der ganzen grauenhaften Situationen und Katastrophen, die das 20. Jahrhundert für diese Gegend bereithielt, wieder Ausdruck zu geben.“
Musik in der Zeit des Nazi-Regimes
Jüdische Komponisten in der Diaspora Operette unterm Hakenkreuz: Wie die Nazis ein Genre zersetzten
Anfang des 20. Jahrhunderts boomt die Operette, dann kamen die Nazis. Jüdische Komponisten wie Paul Abraham und Emmerich Kálmán gelten nun als „entartet“.
26.1.1942 So entstand "Lili Marleen": Verschollenes Interview mit Lale Andersen aufgetaucht
26.1.1942 | Im Jahr 1939 hat Lale Andersen dieses Soldatenlied gesungen: Lili Marleen. Es wurde ein Mllionenseller und in viele Sprachen übersetzt.
Hier nun etwas Ungewöhnliches im Archivradio: Wir machen einen doppelten Zeitsprung, denn es gibt ein Interview von Lale Andersen vom 26. Januar 1942, in dem sie die Entstehung des Lieds erzählt. Das ist aber nie gesendet worden, sondern gehörte zum Bestand des Freiburger Instituts für Rundfunkwissenschaft.
Erst mehr als 40 Jahre später wurde die Aufnahme gefunden und geriet in die Hände von Stephan Krass, damals Kulturredakteur im Südwestfunk. Stephan Krass wollte die Aufnahme veröffentlichen und erzählte – ähnlich wie im Archivradio – vorher die Geschichte. Ob und wann sein Beitrag gesendet wurde, ist unklar, er wurde nicht archiviert. Aber er hat ihn aufbewahrt. Inzwischen ist er längst im Ruhestand und als er kürzlich bei sich aufräumte, fand er die Aufnahmen wieder.
Stephan Krass erinnert sich: „Für mich war dieses Interview mit Lale Andersen eher ein Zufallsfund. Ich war damals auf der Suche nach erhaltenen Archivbeständen des Freiburger Rundfunkinstituts, weil ich dessen Rolle in der Rundfunkpolitik der Nationalsozialisten beleuchten wollte. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich damals eine Gesprächsrunde zu dem Thema im "Forum im Zweiten" zusammengestellt und moderiert. Die Witwe von Prof. Roedemeyer lebte jedenfalls noch in Freiburg und ich habe sie interviewt. Einer der Teilnehmer war Arnulf Kutsch. Er hatte gerade über das Thema "Rundfunkwissenschaft im Dritten Reich. Geschichte des Instituts für Rundfunkwissenschaft der Universität Freiburg" promoviert.
Die Platte mit dem Lale-Andersen-Interview hat mir ein Winzer in Bickensohl übergeben. In den Kirchturm von Bickensohl im Kaiserstuhl waren ja mehrere Dokumente aus dem Archiv des Rundfunkinstituts ausgelagert worden. Irgendwie muss Lale Andersen dann den Weg zum Winzer gefunden haben. Nun ist sie jedenfalls im Archivradio angekommen, und da wird sie überleben.“
Das also ist die Geschichte einer Aufnahme, die zuerst 40 Jahre verschollen war, dann kurz auftauchte, dann weitere 40 Jahre verschütt ging und die Stephan Krass jetzt dem Archivradio zur Verfügung gestellt hat. Deshalb hören wir zunächst Stephan Krass, wie er in den 1980er-Jahren die Geschichte einer Aufnahme von 1942 erzählt – und dann das historische Interview mit Lale Andersen.
Danke an Christian Collet für den wertvollen Tipp!