Die Bühne im Theaterhaus Stuttgart ist für die Performance „Angekommen“ fast gestaltet wie ein Wohnzimmer. Links ein bequemes Sofa, daneben ein Ohrensessel. Nach und nach füllt sich die Bühne mit Geschichtenerzähler*innen. Rechts wird auf mehreren Stühlen gemeinsam musiziert.
Da stehen zum Beispiel ein Akkordeon, ein Saxophon, unterschiedliche Trommeln und Lauten. Nicht nur musikalisch kommt hier eine bunte Mischung zusammen.
Geflüchtete erzählen von ihren Wurzeln
Im Zentrum des Programms – dem sogenannten „theatralischen Geschichten Abend“ – stehen sechs Menschen mit ganz individuellen Biografien. Da ist zum Bespiel Amidou an der Trommel:
Ich bin nicht nach Europa gekommen, weil ich wollte. Sondern weil ich musste. Nirgendwo ist es besser als zu Hause.
Amidou kommt aus Togo. 2013 entschied er sich, zu flüchten – er wurde politisch verfolgt. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Heute arbeitet er nach vielen Anstrengungen in der Pflege. Worüber er sehr dankbar ist. Warum er allerdings über eine lange Zeit nach seiner Ankunft nicht arbeiten durfte, begreift er bis heute nicht.
„Jemand, der fit und jung ist, und man erlaubt ihm nicht zu arbeiten, weil er keinen Aufenthalt hat. Deutschland braucht doch Leute zum Arbeiten“, wundert sich der 43-Jährige. So wie ihm gehe es vielen seiner Bekannten. Dabei erlebe er täglich in der Pflege, wie groß die Not ist, arbeitswillige Menschen zu finden.
Auch Kateryna, genannt Katja, aus dem Donbass in der Ukraine tritt ans das Mikrofon mitten auf der Bühne, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Bauingenieurin lebt heute mit ihrer Tochter in Deutschland. Ihr Mann muss weiter in der Ukraine bleiben.
„Glück ist nicht das, was man besitzt. Glück sind die Menschen, die bei dir waren. Die Erinnerungen, die dein Herz erwärmen. Ich lebe hier und jetzt. Niemand weiß, was morgen kommt“, spricht sie mit leicht zitternder Stimme in das Mikro. Nach ihrem Auftritt gibt es eine sehr anrührende Performance am Akkordeon.
Alle Geflüchteten leben heute in Plochingen
Und dann sind da noch vier Männer aus Syrien auf der Bühne. Aber ihre Geschichten sind auch ganz individuell. Was verbindet die Gruppe? Alle sechs leben heute in Plochingen nahe Stuttgart. Dass sie heute sagen können: „wir sind angekommen“, verdanken sie auch dem Lokalen Bündnis für Flüchtlinge.
Mediathek: Geflüchtet und was dann? 10 Jahre "Wir schaffen das"
Die Menschen, die sie hier aufgenommen haben, bezeichnen sie als ihre zweite Familie – so auch Abdoulhakim, genannt Hakim: „Wir wollten den Leuten zeigen, dass es Menschen gibt, die uns geholfen haben und wir sind so dankbar dafür“, der Einsatz der Familien vor Ort sei nicht umsonst gewesen.
Geflüchtete zwischen Erfolgen und Traumata
Der Syrer hat hier eine Ausbildung zum Zahntechniker gemacht. Und er will noch viel erreichen. Hakim erzählt auf der Bühne von seinen Wurzeln, seinen Wünschen und Träumen als Kind. Aber auch von traumatischen Erlebnissen.
Ein Mann auf dem viel zu kleinen Boot fragte mich: Kannst du schwimmen, Hakim? Ich sagte: ein bisschen. Und dann hat er mir seine Tochter gegeben, weil er und seine Frau nicht schwimmen konnten.
Moderiert wird der Abend von Ernst Konarek, dem Schauspieler, der hier auch Regie führt bei diesem ungewöhnlichen Stück. Für ihn haben die Geschichten eines gemein: „Die Leute sind in ihrer Not hergekommen und wurden aufgenommen“, erklärt der Schauspieler. Und sie hätten dabei alles bekommen, was sie brauchten.
Dazu gehört für Konarek auch Liebe, Zuneigung oder ein Mittagessen. „Und dann ist da etwas passiert, was ganz wichtig ist für Deutschland. Es sind vollwertige Staatsbürger geworden“, ist der Schauspieler überzeugt.
Aus Geflüchteten werden vollwertige Staatsbürger
Die Geflüchteten geben auf der Bühne sehr persönliche, traurige und schöne Einblicke in ihre Geschichten. Außerdem sind sie – zusammen mit neun anderen, die aktuell in Plochingen leben – Teil einer begleitenden Ausstellung des Fotografen Chris Meier. Die Porträts geben Einblick in ihre Biografien.
Sich hier so zu öffnen, war nicht leicht für die Beteiligten, erzählt Rafat. „Wir sind keine Schauspieler“, erklärt er. Es sei sehr schwierig gewesen, all die Gefühle auf die Bühne zu bringen. Aber er hofft, dass er mit diesem Auftritt zeigen kann, was alles möglich ist, wenn jemand an einen glaubt.
Musik und Dichtkunst prägen den Abend
Neben den Geschichten und der Musik spielt auch die Dichtung aus der jeweiligen Heimat eine Rolle. Da ist zum Beispiel Osama – Software-Ingenieur aus Damaskus. Auch wenn er betont, Deutschland sei sein neues Zuhause – Gedichte aus seiner Heimat sind für ihn eine Art Anker.
„In Damaskus habe ich ein Herz, und in den Straßen tausende Erinnerungen“, übersetzt er den syrischen Dichter und Diplomaten Nizar Qabbani.
Was sich hier alle auf der Bühne wünschen, fasst Hakim zusammen: „Wir wollen zeigen, dass Flüchtlinge etwas erreichen können, wenn sie ein bisschen Unterstützung haben. Weil, das ist alles schwierig, andere Sprache, andere Kultur. Das schafft man nicht alleine“, betont er.
Wenn man aber individuelle Hilfe bekommt, dann ist alles möglich: Das zeigen die Geschichten der sechs Angekommen auf der Bühne deutlich.
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