Mit offenen Ohren gegen patriarchale Gewalt

„Walking Again in Fear“: Gewalt gegen Frauen im Stadtraum hörbar machen

Das feministische Theaterkollektiv Silent Labels feiert mit dem Audiowalk „Walking Again in Fear“ Premiere. Mit performativen Elementen thematisiert es dabei die Auseinandersetzung mit geschlechtsbasierter Gewalt im öffentlichen Raum.

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Von Autor/in Luisa Klink, Christian Batzlen

Dämmerung, eine Gruppe bewegt sich schweigend durch Stuttgart. Kopfhörer auf den Köpfen, Schritte im Gleichklang, Stadtgeräusche im Ohr. An einer Station sitzen vier Performerinnen dem Publikum gegenüber. Erst mit geschlossenen, dann mit gespreizten Beinen.

Ein späterer Moment zeigt die gleichen Körper mit männlichen Masken. Die Gesten verschieben den Blick: der öffentliche Raum wird zum Erfahrungsraum von Macht, Verletzbarkeit und Widerstand. Die Texte beruhen auf realen Erfahrungen der Performerinnen.

Szenen vom Audiowalk
Manspreading: breitbeinig auf der Bank und in der U-Bahn. Eine kleine Geste, die Anderen großen Platz wegnimmt. In Madrid wurde es in öffentlichen Bussen nun verboten.

Hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern

„Walking Again in Fear“ ist ein rund einstündiger Audiowalk mit Live-Performances. Die Besucherinnen und Besucher hören Stimmen, Klänge, Fakten und Erfahrungsberichte und treffen an mehreren Orten auf die Performerinnen.

Das Projekt versteht sich ausdrücklich nicht nur als Kunst, sondern als gesellschaftlicher Appell: hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern. Es sind patriarchale Strukturen, die unsere Gesellschaft toxisch werden lassen.

Wir wollen, dass sich Menschen das reinziehen und reflektieren, die das Privileg haben, sich frei zu bewegen. Nicht Frauen sollen ihren Alltag einschränken. Die Frage muss lauten: Warum passiert das, warum machen Männer sowas?

Machtunverhältnisse gefährden das Leben vieler FLINTA-Personen: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nonbinäre sowie Trans und Agender Personen. Laut Veranstalter*innen erlebt alle vier Minuten eine Frau oder weiblich gelesene Person in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner.

Szenen vom Audiowalk
Audiowalk durch Stuttgart: Teilnehmende begehen öffentliche Orte und erleben die Geschichten dort, wo sie spielen.

Die Gefahr lauert meist im nahen persönlichen Umfeld

Die Performance widerspricht einem gängigen Vorurteil: Gewalt geschieht selten durch den unbekannten Täter im Dunkeln, sondern häufig im Nahfeld durch vertraute Personen. Verharmlosende Begriffe wie „Beziehungstat“ oder „Eifersuchtsdrama“ werden problematisiert, die strukturelle Dimension rückt ins Zentrum.

Beziehungstat, Eifersuchtsdrama, aus Liebe töten… Können wir es nicht als das bezeichnen, was es ist: Femizid, Femizid.

73 Prozent der Betroffenen sind Frauen

Das BKA registrierte im letzten Jahr fast 257.000 Betroffene häuslicher Gewalt, so viele wie nie seit Beginn der Erfassung. Statistisch wird damit etwa alle zwei Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt durch Partner*in, Ex-Partner*in oder nahe Angehörige. Rund 73 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

Insgesamt stieg häusliche Gewalt in fünf Jahren um fast 14 Prozent. Fachleute rechnen mit einer hohen Dunkelziffer. Femizid ist kein eigener Straftatbestand; Tötungen an Frauen werden meist als Delikte im sozialen Nahraum erfasst.

Luise Leschik, Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma
v.l.n.r.: Luise Leschik (Gründerin des Theaterlabels Silent Ladies) und die Darstellerinnen Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma.

Sicherheitslage im öffentlichen Raum in Baden-Württemberg

Laut dem Magazin für Städte und Gemeinden, einem Organ des Gemeindetags, weist Baden-Württemberg knapp 5.000 Straftaten je 100.000 Einwohner aus. Das ist der zweitniedrigste Wert in 20 Jahren. Die Aufklärungsquote liegt bei 61,2 Prozent und ist gegenüber der vorherigen Erhebungen gestiegen.

Teilnehmende des Audiowalks
20 Teilnehmende trafen sich im Innenhof des lauschigen Hinterhofs, in dem seit über 50 Jahren das Studio Theater Stuttgart beheimatet ist. Es ist der Startpunkt des Audiowalks.

Diese Gesamtkennzahlen stehen den Befunden zu häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt gegenüber, die überwiegend im privaten Umfeld stattfindet und oft untererfasst bleibt.

Das Projekt markiert genau diesen Spannungsbogen zwischen objektiv hoher Sicherheit im öffentlichen Raum und Einschränkungen, die viele Frauen dennoch erleben.

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