Traumkarriere und Vorzeige-Ehefrau
Eine Party im schicken Haus von Sir Robert Chiltern. Der Mann hat sich zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt hochgearbeitet und gilt als absolut integer. So jedenfalls der schöne Schein.
Die oberflächliche, snobistische englische High Society vertreibt sich die Zeit mit belanglosem Tratsch. Verpackt in bonbonfarbene Kostüme mit Rüschen und großen Puffärmeln – auf den Köpfen überdimensionierte Perücken.
Sir Robert steckt in einem cremeweißen Frack. Seine Frau trägt ein kurzes gelbes Minikleid mit einer Schärpe drüber. Und Lord Goring, sein bester Freund und Müßiggänger, erscheint in einem hellblauen Lacklederanzug mit kurzen Hosen und weißen Socken.
Ein Korruptionsskandal beschmutzt die weiße Weste
Doch dann konfrontiert die intrigante Mrs. Cheveley – in giftigem Pink – den Hausherrn mit einem Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Sir Robert ist erpressbar, seine vermeintlich weiße Weste beschmutzt.
Sinnbildlich wälzt er sich im braunen Sand, der überall auf der Drehbühne liegt. Immer noch auf dem Boden liegend packt er dann seinen besten Freund Lord Goring an den Füßen.
Szenen voller Witz und Slapstick
Der Gestürzte wirft sich mit seinem Körper immer wieder nach vorne und versucht weg zu robben. Damit er nichts über die korrupten Verwicklungen seines Freundes hören muss. Eine der witzigsten Szenen im Stück.
Von oben herunter hängen lilafarbene Bänder, in denen sich das spielfreudige Ensemble passend zum Geschehen dauernd verheddert und auch munter darin herumturnt – oder schwingt, inklusive Tarzanschrei.
Gesellschaftskritik fällt insgesamt zu harmlos aus
Slapstick und Sprachwitz durchziehen diese gesellschaftskritische Komödie in der Inszenierung von Marco Štorman. Ein Dialog bleibt dabei besonders hängen: „Wenn es weniger Mitgefühl in der Welt gäbe, dann hätten wir auch weniger Probleme“, sagt Lord Goring darin voller Überzeugung zu seinem Vater.
Vielleicht die zynischste Stelle im Stück, jedenfalls mit Blick auf die aktuelle politische Situation zwischen Kriegen, Krisen und Demokratie-Müdigkeit. In der für manche vor allem Deals zählen, und Menschenleben nur noch wenig.
In einer Welt, in der es zum Beispiel millionenschwere Wetteinsätze an den Märkten gibt, kurz bevor US-Präsident Trump den Iran angreifen lässt. Da erscheint einem diese im viktorianischen Zeitalter verhaftete gesellschaftskritische Komödie mit ein paar Anspielungen auf frühere Korruptionsskandale in Österreich doch zu harmlos und aus der Zeit gefallen.
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Mit: Marcus Kiepe, Ulrich Noethen, Christian Redl, Wolfgang Kaven u. a.
Aus dem Englischen von Henning Thies
Komposition: Wolfgang Florey
Musik: Ludmilla Muster (Harfe)
Hörspielbearbeitung und Regie: Norbert Schaeffer
(Produktion: NDR/SWR 2004)