Ein Double um der Filmindustrie zu genügen
Die Schauspielerin Sibyl fürchtet ihre Konkurrenz. Schließlich, so beschreibt es die junge Protagonistin, habe sie nur einen Körper, könne jeweils nur an einem einzigen Ort sein. Die „virtuelle Konkurrenz“ stehe dagegen schon in den Startlöchern. Inflation, so formuliert sie es, betreffe eben auch den Körper.
Also fasst sie den Entschluss, ein digitales Abbild von sich erstellen zu lassen. Die digitale Sibyl soll die echte entlasten und als eine Art Stellvertreterin den Anforderungen der Filmindustrie standhalten.
Dorian Gray mit Sixpack und Botox
Hier kommt die Figur des Dorian Gray ins Spiel: Er ist das Vorbild für Sibyls Projekt. Blond, blauäugig, gebotoxt und ausgestattet mit einem Muskelanzug inclusive Sixpack verkörpert er eine Art Hypermenschen mit Heiligenschein, der immer jung und schön bleibt.
Schönheit sei schließlich das Einzige, das im digitalen Zeitalter zähle, sagt Beauty-Arzt Basil, der Sibyls Körper einscannt.
„Menschen auf der Straße pfeifen keiner ehrlichen Haut hinterher, sie liken nicht wie besessen Menschen mit Rückgrat“
Wenn der Avatar mehr Erfolg hat
Und tatsächlich wird Sibyls Klon, der wie alle Avatare in „Pretty Privilege“ deutlich attraktiver ist als das Original, bald sehr erfolgreich. So sehr, dass die echte Sibyl neidisch wird. Außerdem langweilt sie sich, weil sie keine eigenen Erfahrungen mehr macht.
Andere lassen ihre Avatare bewusst Erfahrungen durchleben, denen sie entgehen wollen. Wie Henry, der Panikattacken hat und stellvertretend sein digitales Abbild an Talkshows teilnehmen lässt.
Genau wie die digitale Sibyl wirkt er künstlich: Mit einem bleichen Gesicht, stechenden blauen Augen, überschminkten Augenbrauen und einem weit nach hinten gerutschten Haaransatz.
Überspitzt, ironisch, gelegentliche Längen
Überspitzter Humor und viel Ironie durchziehen das Stück, etwa wenn sich alle permanent die verrutschten Stirnfalten wieder geradeziehen. Das Ensemble agiert gut und passend überdreht. Die Frage nach der digitalen Präsenz und ihren Folgen wiederholt sich allerdings mehrfach, so hat die Inszenierung gelegentlich Längen.
Dennoch wirft Wilke Weermann wichtige existenzielle Fragen im medialen Zeitalter auf: mit Avataren, die am Ende des Stücks einfach selbständig im digitalen Raum weiter existieren.
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