Queeres Leben sichtbar machen

Drag-Workshop in Mainz macht alle zur Queen

Schrill, schriller, am schrillsten: Chardonnay von Tain erklärt amüsant und locker, wie man im Glitzerfummel, High Heels und einer dicken Make-up-Schicht glänzen kann. Ob Frau oder Mann: Jeder hat das Zeug zur Drag Queen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Susanne Böhme

In immer mehr Städten finden große bunte Paraden statt, sogenannte „Pride Parades“. Dort feiern die queeren Communities das Leben, die Freiheit und den Zusammenhalt. Auch die Stadt Mainz verwandelt sich während des Christopher Street Day wieder in eine Partymeile.

Drum herum werden Workshops, Impro-Shows und Vorträge angeboten, die Einblicke in die LGBTQIA+-Szene geben, wie etwa ein Drag-Workshop mit Schminktipps, Begriffserklärungen rund um diese Kunstform sowie Einblicke in die Geschichte von Drag – so jetzt auch in Mainz.

Dragqueen mit blonder Perücke und strassbesetzter Sonnenbrille in New York.
Der Ursprung der Pride Parades liegt in New York. So protestierten 1969 Homosexuelle und andere queere Minderheiten gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street. Auch dieses Jahr nahmen Tausende an der „New York City Pride Parade 2025“ teil.

Vierstündige Verwandlung vom Lehrer zur Dragqueen

Workshopleiterin ist Drag Queen Chardonnay von Tain. Eigentlich heißt sie Alex Boepple und ist von Beruf Lehrer. Doch sie fasziniert die Verwandlung und der Schauwert, den sie als Chardonnay hat. So falle es ihr leichter, ein Statement gegen tradierte Geschlechterrollen und für eine offenere Gesellschaft zu setzen. Dass das queere Leben oft unsichtbar sei, findet von Tain schwierig.

Dragqueens in bunten Kleider, mit viel Make up und High Heels
Olivia Jones, mit bürgerlichem Namen Oliver Knöbel, hat als eine der ersten Drag Queens die schrillen Outfits und Perücken im deutschen Fernsehen bekannt gemacht.

Ungleichbehandlung bei der Kleiderwahl

Abseits der Bühne ist Alex Boepple mit dem Thema Drag über das Theaterspielen in Berührung gekommen, da er am Gymnasium unter anderem Darstellendes Spiel unterrichtet. Schon als Jugendlichen hat ihn die Ungleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei der Kleiderwahl gestört. Warum haben Frauen so viele Auswahlmöglichkeiten und Männer nicht?

Die meisten Frauen tragen im Alltag Hosen. Wenn Männer Röcke anziehen, ist das immer noch ein Riesending. Drag ist ein Hobby wie Handball spielen oder Malen.

Travestie und Tunte - Geschichte und Hintergründ von Drag
Chardonnay von Tain doziert nicht nur in der Schule, sondern auch beim Workshop. Die Schüler finden es toll: „Mir folgt die halbe Schule bei Social Media.“

Mit Make-up und Perücke erkennt ihn nicht mal mehr sein Handy

Für die Verwandlung vom Lehrer zur Drag Queen braucht Boepple bis zu vier Stunden, denn das dramatische Make-up und die künstlichen Locken bedürfen eines aufwendigen Stylings. Am Ende erkennt ihn nicht einmal mehr sein Handy:

Das funktioniert nicht mehr, wenn ich Make-up drauf habe. Das erkennt mein Gesicht nicht mehr.

Travestie und Tunte - Geschichte und Hintergründ von Drag
Teilnehmerin Lisa, die im Helferteam des CSD unterstützt, ist begeistert: „Vielleicht kommt der Tag, an dem auch ich mein Debüt gaben werde, wer weiß. Also Spaß macht's auf jeden Fall.“

Im Workshop wird geschminkt, gelacht und doziert

Rund 20 Teilnehmende haben sich für den Workshop bei Chardonnay von Tain angemeldet, um mehr über Drag Queens zu erfahren oder selbst zu einer zu werden. Schminkspiegel, Schwämmchen und Pinsel liegen auf den Tischen und warten auf ihren Einsatz. Doch bevor es wirklich losgehen kann, demonstriert Chardonnay den Schminkprozess erstmal anhand von Fotos vom eigenen Gesicht.

Man kann sich die Wangenknochen höher ziehen, man kann das Gesicht weicher machen, die Lippen größer, die Augen größer. Also man kann das ganze Gesicht verändern. Das finde ich total spannend, allein vom Handwerklichen.

Travestie und Tunte - Geschichte und Hintergründ von Drag
Teilnehmer Sven wünscht sich mehr solcher Veranstaltungen: „Für die Diversität in unserer Gesellschaft und dass es nicht nur schwarz und weiß gibt. Gibt viel mehr Farben im Leben.“

Ursprung des „Drag“ in der Antike?

Neben den Schminktipps gibt es auch einen Ausflug in die Kulturgeschichte. Schon in der Antike wurde der Rollentausch der Geschlechter praktiziert, erzählt Chardonnay von Tain. In der Renaissance gab es das Phänomen vor allem auf Theaterbühnen:

Frauen durften nicht auf die Bühne, denn Schauspiel war unmoralisch und anrüchig. Also mussten alle Rollen von Männern gespielt werden. Bei der Uraufführung von „Romeo und Julia“ war die Julia meist ein junger Mann, gern noch vor dem Stimmbruch.

Drag Queen, Transvestit, Tunte, alles gleich, oder etwa nicht?

Bis in die Gegenwart reicht von Tains Vortrag mit Beispielen von berühmten Drags. Drags können sowohl männlich als auch weiblich sein und präsentieren sich in einer festen Rolle singend, tanzend, lesend oder moderierend.

So wie Chardonnay von Tain, die regelmäßig mit einer Kollegin als Comedy-Duo auf der Bühne steht oder Lesungen zu queeren oder emanzipatorischen Themen hält.

Dazu gehört auch der Begriff Tunte: Laut von Tain sind das schwule Männer, die ihre Sexualität absichtlich übertrieben zur Schau stellen, um damit ein Statement zu setzen. Während „Tunte“ früher ein Schimpfwort war, nutzen Schwule es heute auch als Begriff zur Selbstermächtigung.

Dragqueens in bunten Kleider, mit viel Make up und High Heels
„Pride Parades“ finden rund um den Globus statt. Auch in Kanada beim „Toronto Pride Festival“ wurden dieses Jahr die Regenbogenfarben wieder stolz getragen.

Als Dragqueen im Einsatz für mehr Vielfalt

Welche Erfahrungen machen Dragqueens in Stuttgart, wie tolerant ist die Großstadt? Das weiß Rachel. Sie tritt als Drag-Künstlerin auf und setzt sich für Vielfalt ein. Sie will anderen Mut machen, sich zu ihrer eigenen Sexualität zu bekennen.

Stolz aufs Anderssein Christopher Street Day (CSD) – Was wird da eigentlich gefeiert?

28. Juni 1969: Nach einer Polizei-Razzia zeigt die LGBTQIA*-Community Widerstand gegen Gewalt und Diskriminierung. All das findet statt in der namensgebenden Christopher Street.

Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Luisa Sophie Klink
Autor/in
Susanne Böhme