In immer mehr Städten finden große bunte Paraden statt, sogenannte „Pride Parades“. Dort feiern die queeren Communities das Leben, die Freiheit und den Zusammenhalt. Auch die Stadt Mainz verwandelt sich während des Christopher Street Day wieder in eine Partymeile.
Drum herum werden Workshops, Impro-Shows und Vorträge angeboten, die Einblicke in die LGBTQIA+-Szene geben, wie etwa ein Drag-Workshop mit Schminktipps, Begriffserklärungen rund um diese Kunstform sowie Einblicke in die Geschichte von Drag – so jetzt auch in Mainz.
Vierstündige Verwandlung vom Lehrer zur Dragqueen
Workshopleiterin ist Drag Queen Chardonnay von Tain. Eigentlich heißt sie Alex Boepple und ist von Beruf Lehrer. Doch sie fasziniert die Verwandlung und der Schauwert, den sie als Chardonnay hat. So falle es ihr leichter, ein Statement gegen tradierte Geschlechterrollen und für eine offenere Gesellschaft zu setzen. Dass das queere Leben oft unsichtbar sei, findet von Tain schwierig.
Ungleichbehandlung bei der Kleiderwahl
Abseits der Bühne ist Alex Boepple mit dem Thema Drag über das Theaterspielen in Berührung gekommen, da er am Gymnasium unter anderem Darstellendes Spiel unterrichtet. Schon als Jugendlichen hat ihn die Ungleichberechtigung zwischen Mann und Frau bei der Kleiderwahl gestört. Warum haben Frauen so viele Auswahlmöglichkeiten und Männer nicht?
Die meisten Frauen tragen im Alltag Hosen. Wenn Männer Röcke anziehen, ist das immer noch ein Riesending. Drag ist ein Hobby wie Handball spielen oder Malen.
Mit Make-up und Perücke erkennt ihn nicht mal mehr sein Handy
Für die Verwandlung vom Lehrer zur Drag Queen braucht Boepple bis zu vier Stunden, denn das dramatische Make-up und die künstlichen Locken bedürfen eines aufwendigen Stylings. Am Ende erkennt ihn nicht einmal mehr sein Handy:
Das funktioniert nicht mehr, wenn ich Make-up drauf habe. Das erkennt mein Gesicht nicht mehr.
Im Workshop wird geschminkt, gelacht und doziert
Rund 20 Teilnehmende haben sich für den Workshop bei Chardonnay von Tain angemeldet, um mehr über Drag Queens zu erfahren oder selbst zu einer zu werden. Schminkspiegel, Schwämmchen und Pinsel liegen auf den Tischen und warten auf ihren Einsatz. Doch bevor es wirklich losgehen kann, demonstriert Chardonnay den Schminkprozess erstmal anhand von Fotos vom eigenen Gesicht.
Man kann sich die Wangenknochen höher ziehen, man kann das Gesicht weicher machen, die Lippen größer, die Augen größer. Also man kann das ganze Gesicht verändern. Das finde ich total spannend, allein vom Handwerklichen.
Ursprung des „Drag“ in der Antike?
Neben den Schminktipps gibt es auch einen Ausflug in die Kulturgeschichte. Schon in der Antike wurde der Rollentausch der Geschlechter praktiziert, erzählt Chardonnay von Tain. In der Renaissance gab es das Phänomen vor allem auf Theaterbühnen:
Frauen durften nicht auf die Bühne, denn Schauspiel war unmoralisch und anrüchig. Also mussten alle Rollen von Männern gespielt werden. Bei der Uraufführung von „Romeo und Julia“ war die Julia meist ein junger Mann, gern noch vor dem Stimmbruch.
Drag Queen, Transvestit, Tunte, alles gleich, oder etwa nicht?
Bis in die Gegenwart reicht von Tains Vortrag mit Beispielen von berühmten Drags. Drags können sowohl männlich als auch weiblich sein und präsentieren sich in einer festen Rolle singend, tanzend, lesend oder moderierend.
Drag Queen Barbie Breakout kämpft für die Rechte queerer Menschen
So wie Chardonnay von Tain, die regelmäßig mit einer Kollegin als Comedy-Duo auf der Bühne steht oder Lesungen zu queeren oder emanzipatorischen Themen hält.
Dazu gehört auch der Begriff Tunte: Laut von Tain sind das schwule Männer, die ihre Sexualität absichtlich übertrieben zur Schau stellen, um damit ein Statement zu setzen. Während „Tunte“ früher ein Schimpfwort war, nutzen Schwule es heute auch als Begriff zur Selbstermächtigung.