War es ein Unfall oder Mord? Diese Frage stellt sich nach dem hinzugefügten Prolog zu Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ am Opernhaus Zürich.
Regisseur Dmitri Tcherniakov lässt seinen Paul erst einmal seine Sicht auf die Frau erklären. Eine reinrassige Männerfantasie körperlicher und geistiger Unterwerfung. Dann ist Marie tot. Vom Balkon gestürzt. Hat sie sich dem Unterwerfer entzogen, der nicht Liebe, sondern Macht will?
Eine Oper wie ein Hitchcock-Film
Mit dem Beginn der herabperlenden Akkordfolge landen wir auf der Straße und blicken auf die Hausfassade in Brügge. Durch die Fenster beobachten wir das Geschehen in Pauls Wohnung.
Das ist als Schaulust klassischer Voyeurismus, wie wir ihn aus Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“ kennen. Und noch einen anderen Hitchcock-Klassiker nimmt Korngolds Meisterwerk vorweg: „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“.
Kein Wunder, wurde Korngold nach seiner erzwungenen Emigration zum Erfinder der sinfonischen Filmmusik in Hollywood.
Zwischen Göre und Selbstermächtigungsfrau
Auf der Straße begegnet Paul einem Mädchen namens Marietta mit blond-grüner Punkfrisur. In ihr glaubt er seine verstorbene Marie wiederzuerkennen. Marietta wird zum seltsamen Objekt seiner Begierde. Paul versucht, sie der Verstorbenen anzugleichen.
Tcherniakov lässt Marietta als dreifache Männerfantasie in Erscheinung treten: als Göre, als Diva der rollschuhfahrenden Tingeltangel-Truppe und als rauchende Selbstermächtigungsfrau. Sie hält Paul schließlich den Spiegel seiner bigotten Verlogenheit vor, als er sich zur mittelalterlichen Kirchenprozession in den Straßen Brügges als Bischof kostümiert.
Seine Fetische – Haar und Kostüm der Toten – befördert sie zum Fenster hinaus, worauf der Rasende sie auf dem Tisch erwürgt und wieder zur toten Marie macht. Diesmal ist es wirklich ein Mord.
Ein Zwei-Personen-Geschlechterkampf
Dieses bizarr-surreale Spiel nach dem Motto „Nur über ihre Leiche“ inszeniert Tcherniakov als reine Kopfgeburt der Männerfantasie. Und das ist sie auch bei Korngold: Am Ende versucht ihn sein Freund Frank aus der Wohnung zu befreien, die als „Tote Stadt“ nichts anderes ist als sein unterbewusstes Gefängnis.
In diesem Sinne wird ein Kammerspiel inszeniert, ein Zwei-Personen-Geschlechterkampf, bei dem alle anderen Stichwortgeber sind. Konsequent singt der Prozessionschor nur hinter der Bühne, was seine klangmagische Wirkung verstärkt.
Traumbesetzung: Vida Miknevičiūtė und Eric Cutler
Vida Miknevičiūtė als Marietta und Eric Cutler als Paul sind ein Traumpaar in diesem Geschlechter-Alptraum. Miknevičiūtė kann drei Frauenfiguren mit einer Stimme jonglieren, frivol, geschmeidig und erschreckend.
Eric Cutler ist bravourös in einer der monströsesten Tenorpartien der Operngeschichte, die sich in die Höhen des Irrealen hinaufschraubt. Er verfügt nicht nur über enorme Kraftreserven, um das durchzustehen, sondern auch über die entsprechende Wandlungsfähigkeit vom Flehenden über das Bedrohliche bis hin zum Gewalttätigen.
Als Frank und Pierrot Fritz ist Björn Bürger ein standfester, immer lyrisch schöner Bariton.
Perfekt auf der Bühne, nicht im Orchestergraben
Auf der Bühne wird damit Korngolds Partitur perfekt umgesetzt. Das Problem befindet sich im Graben.
Lorenzo Viotti zwingt die Philharmonia Zürich zu einem pauschal undifferenzierten Dauer-Forte. An einigen Stellen ist es geradezu unfreundlich desinteressiert gegenüber den stimmlichen Anforderungen.
Bei der brillanten, mit harmonischen Raffinessen aufwartenden Partitur Korngolds richtet das immerhin keinen weiteren Schaden an. So lässt sich einmal mehr in Zürich diese grandiose Oper wieder entdecken.