Erinnerungskultur auf ungewöhnlicher Bühne

„Die Ermittlung“ im Landtag Stuttgart: Peter Weiss’ Stück über Auschwitz-Prozess

„Die Ermittlung“ von Peter Weiss machte 1965 bei ihrer Uraufführung Furore. Der Dramatiker verarbeitete darin den Frankfurter Auschwitz-Prozess, der die Welt mit dem ganzen Ausmaß der KZ-Grauen konfrontierte. Burkhard C. Kosminski inszeniert das Stück jetzt in Stuttgart. Kann ein Blick in die Geschichte helfen, der Sorge um die Demokratie heute zu begegnen?

Teilen

Stand

Von Autor/in Sophia Volkhardt

Nach fast zwei Jahrzehnten des Verdrängens und Schweigens holte der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 die Gräueltaten des Nationalsozialismus wieder in das öffentliche Bewusstsein. Die Urteile damals markierten einen Wendepunkt in der Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit.

Zum 60. Jahrestag erlebt das Theaterstück „Die Ermittlung“ nun eine außergewöhnliche Inszenierung: Zum ersten Mal wird es im baden-württembergischen Landtag in Stuttgart gespielt – also inmitten eines Ortes, an dem heute Demokratie gelebt wird.

Auschwitz-Prozess deckt Gräueltaten der Nazis auf

Der gebürtige Stuttgarter Fritz Bauer ist zu dieser Zeit hessischer Generalstaatsanwalt. Er gilt als maßgeblicher Initiator der Aufarbeitung der grauenhaften Geschehnisse in der „Todesfabrik“ Auschwitz. 360 Zeugen wurden vernommen, darunter 181 Überlebende von Auschwitz.

Das Ausmaß von Folter, Mord und völliger Entmenschlichung, das hier zur Sprache kam, erschütterte die BRD und die Welt. Viele Angeklagte gaben an, sie könnten sich nicht erinnern.

Peter Weiss und „Die Ermittlung“

Der Prozess hatte weitreichende gesellschaftliche Folgen. Peter Weiss, der spätere Dramatiker, war selbst als Zuschauer im Gerichtssaal anwesend. Viele junge Menschen der Nachkriegsgeneration erfuhren erstmals Dinge, über die Eltern und Großeltern geschwiegen hatten. Die einsetzende öffentliche Auseinandersetzung spielte später auch für die Studentenbewegung in der BRD eine entscheidende Rolle.

„Die Ermittlung“ fußt auf Protokollen des Auschwitz-Prozesses

Das dokumentarische Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss basiert auf den Protokollen des Prozesses. Es rückt das Verfahren in den Fokus und beleuchtet Opfer, Täter und gesellschaftliche Verhältnisse, darunter den Aufstieg der Nationalsozialisten

Weiss notierte nach seinen ersten Prozessbesuchen:

Zuerst dachte ich, dass sich die Ereignisse eigentlich nicht beschreiben ließen. Doch es sind Taten von Menschen begangen an Menschen auf dieser Erde – und ich fand schließlich Worte.

Theateraufführung
Das Stück „Die Ermittlung“ sorgte in den 1960er Jahren für Furore. Es wurde nach seiner Uraufführung auf zahlreichen Bühnen gezeigt. Hier am 23.10.1965 im Württembergischen Staatstheater in Stuttgart.

Kontroversen und Wirkung

Die Uraufführung 1965 im Rahmen einer Ring-Aufführung an fünfzehn Theatern, auch in der DDR und in London, löste kontroverse Reaktionen aus. Die „Schuldfrage“ war allgegenwärtig. Heute gilt „Die Ermittlung“ als eines der erfolgreichsten und meistgespielten Stücke der Gegenwart. Es wurde in den letzten Jahren mehrfach als szenische Lesung in deutschen Parlamenten gezeigt – jetzt auch in Stuttgart.

Bildungsarbeit gegen das Vergessen

Das Stück traf die deutsche Nachkriegsgesellschaft bis ins Mark. Heute wächst laut Studien die Sorge, dass das Wissen über den Holocaust und die Grauen der NS-Zeit unter jungen Menschen schwindet. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die ihr Wissen weitergeben können.

Der Stoff von „Die Ermittlung“ scheint damit aktueller und wichtiger denn je. Erst 2024 adaptierte Regisseur RP Kahl das Theaterstück für einen Kinofilm, in der ARD-Mediathek ist der Stoff als Serie in elf Episoden zu sehen.

Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart
Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart

Intendant Kosminski: Sorge um Demokratie und Werte

60 Jahre nach der Uraufführung inszeniert der Stuttgarter Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski „Die Ermittlung“ nun im Landtag und im Landgericht Stuttgart. Er sei besorgt um den Zustand der Demokratie, erklärt Kosminski im SWR-Interview:

Vor fünf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mal ‚Die Ermittlung‘ inszeniere. Aber ich bin der Meinung, dass wir aktuell eine Geschichtsvergessenheit erleben.

Texte wie die von Weiss seien wichtiger denn je: „Es braucht wieder Stücke, die berühren, die ein Geschichtsbewusstsein stärken – und die nur Sinn machen, wenn man sie mit Orten koppelt, die selbst geschichtliche Bedeutung tragen.“

Anklagebank
Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss: In der Inzenierung in Stuttgart spielt Gabriele Hintermaier die Richterin, Christiane Rossbach mimt die Verteidigerin und Sven Prietz der Ankläger.

Theater im Parlament

Kosminski sei auf Muhterem Aras, die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, zugegangen und habe gefragt, ob sie Interesse habe, den Landtag zu öffnen – auch im Sinne eines Demokratiediskurses. „Dass auch junge Menschen den Landtag erobern können“, so Kosminski.

Besonders spannend finde er es, Stücke aus der konventionellen Bühne herauszuführen und neue Formen zu suchen, wie man mit Erinnerungskultur umgehen könne.

Menschen in Landtagsgebäude
Im Zeugenstand: Burkhard C. Kosminskis Inszenierung des Theaterstücks „Die Ermittlung“ von Peter Weiss im Stuttgarter Landtag.

Kosminski selbst kannte den Text zu dem Stück nur aus dem Studium. Vor knapp zwei Jahren sei er wieder auf „Die Ermittlung“ gestoßen. „Wir hatten das Gefühl, eine Art Instinkt, dass sich die Demokratiekrise vielleicht weiterzieht und dass es sinnvoll ist, nochmal in die Geschichte reinzuhören“, meint Kosminski.

Das Stück entwickle eine eindrückliche Wirkung, lasse das Publikum nicht so schnell wieder los. Es zu inszenieren, sei eine Herausforderung, sagt der Schauspielintendant.

„Die Ermittlung" als inszenatorische Herausforderung

„Man kann ja nicht einfach Identifikationstheater machen“, erklärt Kosminski im SWR-Interview. Den Schauspieler*innen zu sagen: „Ihr spielt jetzt diese Rollen“ – das gehe nicht. Man könne sie nur bitten, ihre Persönlichkeit in die Rollen hineinzulegen und so den Opfern, aber auch den Tätern, eine Stimme zu geben.

Sie müssten hinter den Text treten und berichten; es dürfe nicht „kitschig“ werden, so der Theatermacher. Peter Weiss habe gesagt, er könne sich das Stück auch nicht in einem illusionistischen Bühnenbild vorstellen. Darum habe man im Landtag bewusst die Räumlichkeiten nicht angepasst.

Angeklagter an einem Tisch
Auf der Anklagebank: Bei dem ersten Auschwitz-Prozess, der in „Die Ermittlung“ verhandelt wird , stehen Verantwortliche vor Gericht, die für das Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie sorgten.

Die Kostüme sind aus der Zeit des Prozesses, aber ansonsten ist das quasi ganz nackt

Das normale Landtagslicht bleibt an. Die Schauspieler*innen treten so ohne zusätzliche Kniffe vor das Publikum und verhandeln allein mit dem Text. Die Herausforderung sei, dass es dokumentarisch bleibe und nicht bloß Theater werde. Gerade in dieser Nüchternheit könne der plastische Text eine besondere Wucht entfalten. So wirkten auch die Zeitzeugenberichte umso stärker.

Gebäude mit Schild davor
Der Landtag Baden-Württemberg von außen.

Zum ersten Mal als Theaterstück im Landesparlament

Das Interesse der Schulen sei groß, so Regisseur Kosminski. Das Stück wird für Schüler*innen ab der 10. Klasse empfohlen. Es sei ein Anlass, anders über Erinnerungskultur nachzudenken, und könne Geschichte auf neue Weise vermitteln. Auch das politische Klima, in dem das Stück in den 1960er-Jahren entstand, erschließe sich so.

„Die Ermittlung" in Stuttgart ist in zweifacher Hinsicht ein Novum: Zum ersten Mal werde das Stück in einem Landesparlament aufgeführt, nicht nur gelesen. Zudem öffnet der baden-württembergische Landtag erstmals seine Pforten als Bühne für das Theater.

20.12.1963 Der Frankfurter Auschwitz-Prozess beginnt

20.12.1963 | Am 20. Dezember 1963 beginnt der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess. Initiiert wurden die Prozesse vom Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Ziel war es, die Verantwortlichen im Vernichtungslager Auschwitz zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Prozess hatte auch eine starke politische Bedeutung: 1961 fand in Jerusalem der Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann statt, im Frühjahr 1963 hatte die DDR Bundeskanzleramtschef Hans Globke wegen seiner Nazivergangenheit verurteilt. Die Bundesrepublik war in der juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen somit ein Nachzügler.
Gleichzeitig stand die Öffentlichkeit den Prozessen gespalten gegenüber. Es gab ein großes Bedürfnis, nicht an die die NS-Zeit erinnert zu werden. Ein öffentlicher Prozess, der die Vergangenheit wieder aufwühlen würde, würde dem Ansehen Deutschlands schaden, so eine weit verbreitete Meinung.
Diesen Zwiespalt spiegelt der Kommentar von Werner Ernenputsch im zweiten Teil dieser Aufnahme. Zunächst zu hören ist aber die Live-Reportage vom Hessischen Rundfunk von der Prozesseröffnung im Frankfurter Römer.
Im Sitzungssaal des Frankfurter Stadtparlaments beginnt der Prozess gegen 22 Angeklagte. Vor Saalgeräuschen im Hintergrund eröffnet Richter Hans Hofmeyer den Prozess. Es werden Angaben zur Person der Angeklagten und der Geschworenen gemacht und Einzelheiten des Gerichtssaals beschrieben.
Von den Verhandlungstagen ab 1964 existieren zahlreiche Aufnahmen – einzelne davon im Archivradio, die meisten aber auf den Seiten des Fritz-Bauer-Instituts.