Ein uneheliches Kind als Auslöser einer Familientragödie
Vor der Vergangenheit gibt es kein Entkommen. Irgendwann holt sie jeden in dieser Familientragödie ein, selbst wenn es sich ein oder zwei Generationen hinzieht.
In Janáčeks „Jenůfa“ ist der Auslöser die Schande eines unehelichen Kindes. Denn ein solches hat Jenůfa von Stewa empfangen – einem Dorfschönling und Trunkenbold. Ihre Mutter, die Küsterin, würde einer Ehe sogar ihren Segen geben, wenn Stewa nur den heimlich geborenen Jungen anerkennen würde. Aber Stewa will von Jenůfa nichts mehr wissen und verlobt sich mit einer Reicheren.
Da greift die Küsterin zum Äußersten: Als Jenůfa schläft, ertränkt sie das acht Tage alte Kind im Eisbach und opfert damit ihr eigenes Seelenheil dem Wohle der Tochter.
Die Vergangenheit der Küsterin wandelt sich zu einer realen Geisterstunde
Regisseurin Sonja Trebes konzentriert sich in ihrer Inszenierung weniger auf die Frage, wie es zu einem so grauenvollen Kindsmord kommen konnte, sondern sie fokussiert sich auf das generationenübergreifende Familiendrama. Dafür erzählt sie mit Videoprojektionen die Vorgeschichte der Küsterin, die erstaunliche Parallelen zu Jenůfas Schicksal aufweist.
Und dieser Blick in die Vergangenheit wandelt sich von der bloßen schrecklichen Erinnerung zu einer ganz realen Geisterstunde, wenn es eben nicht die alte Küsterin ist, die das Kind tötet, sondern ihr altes Ich, das Gespenst aus der Vergangenheit.
Wenn dann im letzten Akt diese lebendig gewordene Erinnerung sogar noch bei der Hochzeitsgesellschaft wie selbstverständlich das singt, was doch eigentlich die Zeilen der Schäferin wären, spürt man mit Schaudern den Wahnsinn, dem die Küsterin verfallen sein muss.
Verwischung der Altersgrenzen der Figuren führt zu Verwechslungen
Wie tief verwurzelt die Familientraumata bei der Familie Buryja sind (denn alle Protagonisten sind in diesem Stück irgendwie miteinander verwandt), das zeigt Sonja Trebes auch in der äußerlichen Gestaltung ihrer Figuren, indem sie die Altersgrenzen verwischt: Da sieht Stewa 30 Jahre jünger aus als sein Bruder Laca und die Großmutter Buryja deutlich jünger als ihre Tochter, die Küsterin.
Diese Entscheidung bringt zwar einerseits die Spannung des Familiendramas auf den Punkt, das sich über die Generationen hin erstreckt, führt aber leider auch zu Verwechslungsgefahren in den Videoprojektionen: Sehen wir hier Erinnerungen der jungen Küsterin oder halluziniert sie von einer schlimmen Zukunft?
Erst das Programmheft verrät, dass wir im Bild Stewas Onkel Toma sehen, den die Küsterin vor vielen Jahren geheiratet hatte und die sich beide in Aussehen und Benehmen aufs Haar gleichen.
Überzeugende Stimmen
Das kann zwar verwirrend sein, aber selbst wenn einem dieses oder ein ähnliches Puzzlestück fehlen sollte, den Effekt der Geisterstunde mildert es nicht – zumal die darstellerischen und musikalischen Leistungen aller Beteiligten wirklich bemerkenswert sind.
Winfrid Mikus singt einen anrührenden Laca, Jaesung Kim überzeugt als stimmkräftiger Stewa. Signe Heiberg brilliert als Jenůfa mit schöner, klarer Stimme genauso wie durch ihr mitleiderregend ausdrucksstarkes Spiel.
Zusätzlich mischt sich ihr Stimmklang wunderbar mit der von Gastsopranistin Kirsi Tiihonen, die die Seelenqualen der Küsterin Buryja so überzeugend in Musik und Gestik auszudrücken weiß, dass man ihr selbst einen Kindsmord unter diesen Umständen nicht anlasten mag.
Starke Leitung in drei sehenswerten Opernstunden
Es ist bemerkenswert, dass von all den Anstrengungen der Beteiligten absolut nichts zu spüren ist. Erst zum Schlussapplaus steht vielen trotz aller Freude über die gelungene Premiere deutlich ins Gesicht geschrieben, wie sehr sie dieser Abend selbst emotional mitgenommen hat. Eine wirklich starke Leistung des gesamten Teams und drei absolut sehenswerte Opernstunden.
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