Die Uraufführung von Claudio Monteverdis „L‘Orfeo” vor mehr als vierhundert Jahren gilt als eine der Geburtsstunden des Musiktheaters. Zugleich stellt die Oper eine selbstreflexive Frage: „Warum singen?“.
Der antike Sänger Orpheus tut es, weil er durch die Macht des Gesangs nicht nur seine Umwelt verzaubert, sondern auch die Mächte des Totenreichs damit überredet, seine verstorbene Frau Eurydike wieder ins Leben zurückzuführen, wenngleich die Geschichte nicht gut ausgeht.
Die Magie von Musik und Raum
Regisseur Markus Bothe und das Ensemble Il Gusto Barocco unter der Leitung von Jörg Halubek wagen eine Inszenierung, die Monteverdis Renaissance-Idee – die Wiederbelebung des antiken Theaters durch Musik – auf faszinierende Weise neu interpretiert.
Die Bühne, gestaltet von Robert Schweer, entführt das Publikum in eine Welt voller Anspielungen auf die Renaissance-Bildkunst. Das Ensemble Il Gusto Barocco spielt auf dem hochgefahrenen Orchestergraben und schafft so eine intime Atmosphäre mit dem Publikum.
Julian Prégardien überzeugt als Orfeo mit einer ergreifenden Darstellung. Bereits in den Tönen seines „Ohimé“ offenbart sich die Tragik der Figur. Seine Koloraturen sind keine bloßen Verzierungen, sondern Ausdruck seiner existenziellen Verzweiflung.
Ein Totenreich voller Symbolik
Die Unterwelt wurde als dreidimensionales Vanitasbild inszeniert: ein riesiger Totenschädel, eine Sanduhr und der Fährmann Caronte, gespielt von Nathanaël Tavernier, der mit seinem markanten Bass beeindruckte.
Das Totenreich ist eines der zerbrochenen Scherben, die das Licht der äußeren Welt reflektieren und das Bild des Sängers Orfeo nur noch gebrochen wiedergeben. In dieser irrwitzigen Finsternis verliert Orfeo Euridice zum zweiten Mal, als er sich nach ihr umdreht.
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Ein bitterschönes Ende
Das Finale der Inszenierung ist ebenso ergreifend wie vielschichtig. Apoll, dargestellt von Ilya Lapich, holt den trauernden Orfeo in den Himmel und macht ihn selbst zum Kunstwerk. Eingefasst in einen leeren Rahmen wird der Sänger zum Symbol für die untrennbare Verbindung von Kunst und Leid.
Der Schlusschor, gesungen vom Ensemble des Nationaltheaters Mannheim in perfekter madrigalesker Harmonie, feiert diese Idee: Ohne Leid keine Kunst. Leben, Liebe, Tod und Kunst als grandios vielschichtige, unsterbliche Verzahnung des Musiktheaters.
Mehr zur Monteverdi-Oper L'Orfeo
Zeitwort 24.02.1607: Claudio Monteverdis Oper "L'Orfeo" wird uraufgeführt
Es handelt sich nicht um die erste Oper der Musikgeschichte, aber vielen gilt sie als der Ursprung dieser Gattung.
Schwetzinger SWR Festspiele 2026 Monteverdis "L'Orfeo". Konzert mit dem Ensemble Contiuum
Continuum
Anna Schall (Zink, Blockflöte)
Liam Byrne (Gambe)
Bertram Burkert (E-Gitarre)
Goran Stevanovich (Akkordeon)
Elina Albach Orgel (Cembalo)
Claudio Monteverdi:
„L’Orfeo“, Favola in Musica, Instrumentale Bearbeitung des Ensembles Continuum
(Konzert vom 28. April 2026 im Mozartsaal)