Oper am Nationaltheater Mannheim

Donizettis modernes Psycho- und Familiendrama „Lucrezia Borgia“

Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia” ist nach wie vor ein unterschätztes Werk. Zu selten gespielt, gebührt nun dem Nationaltheater Mannheim die Ehre, die Oper auf die Bühne zu bringen.

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Von Autor/in Bernd Künzig

Eine Orgie voller Intrigen

Das Melodram „Lucrezia Borgia“ aus dem finsteren Winkel eines Rachedramas mit Gift und Tod um ein fast inzestuöses Verhältnis ist nicht einfach umzusetzen. Lucrezia Borgia eilt ihr schlechter Ruf voraus, als machtgeile Tochter des Papstes Gegner beseitigt und den sadistischen Herzog von Ferrara geheiratet zu haben. Sie hat einen unehelichen Sohn Gennaro, der sich beim venezianischen Karneval in die eigene Mutter verliebt, ohne es zu wissen.

Lucrezia (Estelle Kruger) und Gennaro (Sung Min Song)
Sohn Gennaro beleidigt seine Mutter Borgia , in dem er das „B“ von ihrem Namenschild entfernt ... Im Bild: Lucrezia (Estelle Kruger) und Gennaro (Sung Min Song).

Für den Sohn Gennaro ist Lucrezia Borgia nach ihrer Enthüllung das Monster, das er beleidigt, in dem er das „B“ von ihrem Namenschild weghaut und sie mit der Orgia als babylonische Hure demütigt. Lucrezia schwört Rache, ebenso wie der eifersüchtige vierte Gatte Alfonso, der Gennaro vergiften lässt.

Lucrezia rettet den Sohn mit einem Gegengift und versucht ihn vergeblich zur Flucht zu bewegen. Auf der Orgie werden die Freunde mitsamt dem nicht geflohenen Gennaro von ihr vergiftet und im Todesdrama offenbart sich Lucrezia als liebende, vernichtende Mutter. So ist es im Prolog der Oper vorhergesagt: Lucrezia ist der Tod.

Lucrezia (Estelle Kruger)
Lucrezia (Estelle Kruger)

Medienkritisches „BühnenBILD“

Regisseurin Rahel Thiel interessiert an diesem Totentanz vor allem aber die Basis der üblen Nachrede. Die Bühne von Fabian Wendling ist eine dreidimensionale Wandzeitung. Die Farbgebung in Schwarz, Weiß und Rot entspricht ganz einem äußerst populären Blatt, das gerne Gerüchte und abgründige Sensationen ins Bild setzt.

Opernchor, Lucrezia (Estelle Kruger)
Opernchor, Lucrezia (Estelle Kruger).

Die Szene ist absichtsvoll unschön, wie es die Vorlage mit der beschmutzenden Druckerschwärze auch ist. Das Spiel, aus dem Namen Borgia die Orgia abzuleiten, wird zu einer etwas aufdringlichen skulpturalen Buchstabensuppe, bei dem die Lettern auch schon mal zum Podest für den selbstsüchtigen Herzog von Ferrara dienen.

Wenn die Orgie von Gennaros Freunden im letzten Akt abgeht, ist es doch eher ein züchtiges Besäufnis. Und so verharren die von Donizetti komponierten Explosionen, das bedingungslose Lieben wie das kompromisslose Morden in einer seltsamen Statik. Geradezu widerspenstig zur Dynamik der Musik wird eine Prügelei in etwas unbeholfener Zeitlupe umgesetzt.

Enttäuschende Tempi

Ebenso ungreifbar bleibt Lucrezia als Frau und Mutter. Das ist vor allem erstaunlich, weil Donizettis Oper außer der Titelfigur nur männliches Personal kennt, selbst der junge Orsini ist eine Hosenrolle, schön gesungen von Shachar Lavi.

Dass sich wenig entwickelt, liegt an den zumeist irritierend langsamen Tempi des Dirigenten Roberto Rizzi Brignoli, seinen überdehnten Pausen und den überpointierten Rubati, da klappert es dann. Das mangelnde Gespür für die federnde Rhythmik, lässt die Entwicklung vom Karneval zum Danse macabre im Sand verlaufen.

Potential nicht ausgeschöpft

Gesungen wird ordentlich, Bartosz Urbanowicz zum Beispiel ist als Alfonso ein herzoglicher Machtkerl. Gennaro ist bei Sung Min Song ein strahlender Tenor, der gegen die Mutter zu oft ansingt. Estelle Kruger ist als erwachsener Sopran passgenau als Lucrezia besetzt. Vieles ist einfühlsam geschmeidig, manches aber auch unsicher in der exakten Tonhöhe.

Lucrezia (Estelle Kruger), Gennaro (Sung Min Song)
Lucrezia (Estelle Kruger), Gennaro (Sung Min Song).

Darstellerisch hat Estelle Kruger aber mehr Potential, um am Schluss mit dem toten Sohn im Arm bloß das Pieta-Klischee zu verkörpern und die Schluss-Cabaletta dann als virtuoses Rampenspiel vor dem fallenden Vorhang zu zelebrieren. Es ist schön, Donizettis „Lucrezia Borgia“ erleben zu können. Aber die Oper hat mehr Potential.