Politisches Theater in Hamburg

„Prozess gegen Deutschland“: Milo Rau bringt ein AfD-Verbotsverfahren auf die Bühne

Mit „Prozess gegen Deutschland“ bringt Milo Rau ein AfD-Verbotsverfahren auf die Bühne des Thalia Theaters. Im Gespräch erklärt er, warum Theater zum Ort politischer Prüfung werden muss.

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Ein Prozess als Theater – und Theater als politischer Denkraum

Kann ein Theaterabend politische Realität verhandeln? Der Schweizer Regisseur und Theatermacher Milo Rau sagt: ja. Mit Prozess gegen Deutschland, das am Thalia Theater Hamburg Premiere feiert, bringt der Regisseur ein AfD-Verbotsverfahren auf die Bühne — nicht als klassische Inszenierung, sondern als theatrales Untersuchungsformat.

„Alle Menschen auf der Bühne sind real“, sagt Rau im Gespräch mit SWR Kultur. Juristinnen, Anwälte, Expertinnen und eine Jury diskutieren reale Argumente, wägen Positionen ab und gelangen am Ende zu einem Urteil. Das Theater wird zum Experimentierraum politischer Möglichkeiten.

Milo Rau auf der Bühne des Thalia Theaters
Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau arbeitet seit Jahren mit dokumentarischen Prozessformaten: In Inszenierungen über Pussy Riot oder den Kongo-Konflikt machte er das Theater bereits zum politischen Verhandlungsraum.

Warum Milo Rau politische Prozesse inszeniert

Rau arbeitet seit Jahren mit Prozessformaten — von Russland bis in den Ostkongo. Ausgangspunkt sei stets eine Leerstelle der Wirklichkeit.

„Es scheint seit zehn Jahren nicht möglich zu sein, dieses Parteiverbot auf eine juristische Verhandlungsebene zu bringen“, sagt er. Genau dort setze das Theater an: Es stelle Fragen, die gesellschaftlich existieren, institutionell aber nicht verhandelt werden.

Die Bühne wird so zu einem Ort, an dem demokratische Verfahren modellhaft sichtbar werden — nicht als Ersatz der Realität, sondern als Denkversuch.

Demokratie im Stress: Rau über Polarisierung und politische Lager

Das Projekt versteht Rau auch als Diagnose der Gegenwart. Europa befinde sich in einer Phase zunehmender politischer Radikalisierung.

„Die große Krankheit der Demokratie ist, dass wir in Polarisierung und Extremismen verfallen“, sagt er. In vielen Ländern gewännen Parteien an Einfluss, die demokratische Institutionen grundsätzlich infrage stellten.

Das Theater soll deshalb kein moralisches Urteil liefern, sondern Konfrontation ermöglichen. Auf der Bühne begegnen sich bewusst gegensätzliche Positionen — Befürworter und Gegner eines Verbots gleichermaßen.

Richterin Herta Däubler-Gmelin
Die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin übernimmt in der Inszenierung den Richtersitz – und bringt juristische Erfahrung aus der realen Politik in Milo Raus theatrales Verhandlungsformat ein.

Gegen die Meinungsblasen: Zuhören als radikale Praxis

Für Rau liegt die eigentliche Krise weniger im Streit als im Abbruch des Gesprächs. Menschen bewegten sich zunehmend in abgeschlossenen Meinungsmilieus.

„Ich will die Menschen aus ihren Meinungs-Bubbles herauslocken“, sagt er. Gerade das Theater könne Räume öffnen, in denen Argumente ausgesprochen werden dürfen, die anderswo sofort abgebrochen würden.

Talkshows, soziale Medien oder politische Debatten folgten oft festen Rollenmustern. Die Bühne hingegen ermögliche ein langsameres Denken.

Warum auf der Bühne mehr gesagt werden darf

Rau verteidigt ausdrücklich die Zumutung solcher Formate. Theater müsse auch unbequeme Stimmen aushalten.

„Ich will Richard III. ungern bei mir zu Hause haben – aber auf der Bühne will ich ihn haben“, sagt er. Kunst sei der Ort, an dem gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden dürfen, ohne sofort entschieden werden zu müssen.

Gerade darin liege ihre demokratische Funktion: im gemeinsamen Aushalten von Widerspruch.

Prozess gegen Deutschland - Eröffnung: Auftaktplädoyers & Eröffnungsreden

Die Frage nach dem AfD-Verbot

Persönlich bezieht Rau dennoch Position. Grundlage seiner Einschätzung seien öffentlich zugängliche Untersuchungen etwa des Verfassungsschutzes.

„Man sollte das wagen“, sagt er über ein mögliches Verbotsverfahren der AfD. Entscheidend sei weniger das Ergebnis als der Prozess selbst — die juristische Klärung, ob demokratische Grenzen überschritten wurden.

Freiheit, so seine Überzeugung, brauche auch Regeln. „Es gibt überall eine Grenze, wo sich ein Raum der Freiheit in etwas anderes verwandelt.“

Theater als Labor der Demokratie

Am Ende versteht Rau sein Projekt nicht als politisches Statement, sondern als gesellschaftliches Experiment. Das Theater werde zum Labor, in dem demokratische Verfahren sichtbar, überprüfbar und diskutierbar werden.

Nicht Einigkeit sei das Ziel, sondern Erkenntnis. Oder, wie Rau es formuliert: Fragen zu stellen, die außerhalb der Kunst oft keinen Raum mehr finden.

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Martin Gramlich
Interview mit
Milo Rau