Ein Mahnmal in Bronze vor der CDU-Zentrale
Seit dem Morgen des 2. Dezember steht eine lebensgroße Bronzestatue des ermordeten CDU-Politikers Walter Lübcke in unmittelbarer Nähe des Konrad-Adenauer-Hauses in Berlin. Aufgestellt wurde sie vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), bekannt für provokative politische Kunstaktionen.
Die Statue trägt die Inschrift: „Walter Lübcke, CDU, ermordet von einem Anhänger der AfD. Die Tat traf nicht den Menschen allein, sie trifft das ganze Land, ein Verbrechen an uns allen.“
Der Journalist Vladimir Balzer, der die Installation vor Ort gesehen hat, beschreibt die Wirkung im Gespräch mit SWR Kultur so: „Die Skulptur fällt nicht sofort ins Auge. Aber wenn man vor dem Haupteingang steht, kann man sie eigentlich nicht übersehen.“ Im Vergleich zur Massivität des Gebäudes gehe sie jedoch „erst einmal ein bisschen unter“.
Die Botschaft: Erinnerung an die Brandmauer
In einem begleitenden Video erklärt das ZPS, was es mit der Aktion erreichen möchte. Darin heißt es: „Täglich werden CDU-Mitglieder an ihrem Parteifreund vorbeigehen und sich an ihm messen.“ Der Mord an Lübcke, begangen von einem Rechtsextremen mit nachgewiesenen Kontakten zur AfD, soll der CDU als Mahnung dienen, ihre Abgrenzung zur AfD nicht zu verwässern.
Das teilweise KI-unterstützte Begeitvideo zur Aktion des ZPS:
Balzer ordnet ein: „Es geht um die Brandmauer der CDU zur AfD. Die Debatte darüber, inwieweit sie schon durchlöchert ist, wird seit Jahren geführt.“ Vor allem mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen – etwa in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr – setze das ZPS ein politisches Signal. Die Gruppe glaube, dass die CDU bereit sei zu politischen Bündnissen mit der AfD und wolle „wachrütteln“, sagt Balzer.
Ästhetik der Provokation
Die Statue zeigt Walter Lübcke in Bronze, lebensgroß und stilisiert. Balzer beschreibt sie als „kitsch pur“, eine Figur „wie aus dem sozialistischen Realismus, wie ein Großväterchen, das für sein Volk da ist“. Diese überhöhte Darstellung gehöre zur typischen Ästhetik des ZPS: überzogen, pathetisch, bewusst irritierend.
Auch im dazugehörigen Video setzt die Gruppe auf Inszenierung. Balzer: „Sie nutzen sogar KI. In ihrem neuesten Video bricht Kanzler Merz als KI-Figur vor dem Lübcke-Mahnmal in Tränen aus.“ Die Aktion reiht sich ein in frühere Projekte wie das Miniatur-Holocaust-Mahnmal vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke oder Störaktionen beim Sommerinterview mit Alice Weidel.
Genehmigt – und politisch aufgeladen
Die Statue wurde vom Bezirksamt Berlin-Mitte für zunächst ein Jahr genehmigt, mit Option auf Verlängerung. „Kunst im öffentlichen Raum“, erläutert Balzer, „dafür gibt es klare Regeln. Die CDU hat kaum rechtliche Handhabe, dagegen vorzugehen.“
Die grüne Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger, die die Genehmigung erteilte, äußert sich deutlich politisch und kritisiert den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Die Abgrenzung zur AfD sei für sie ein zentrales Anliegen: „Wir kämpfen um die Demokratie und wir kämpfen darum, dass die CDU das Gefühl dafür, wo sie sich von der AfD zu unterscheiden hat, nicht verliert.“
Kunst als Intervention
Die CDU wiederum reagiert kritisch und spricht von einer „unaufrichtigen Instrumentalisierung von Walter Lübcke durch linke Aktivisten“. Der Kampf gegen politischen Extremismus sei „eine Aufgabe aller Demokraten“, heißt es aus dem Konrad-Adenauer-Haus.
Ob die provokante Aktion die Debatte innerhalb der CDU beeinflussen kann, bleibt offen. Balzer betont: „Es ist Kunst. Das wird weder die AfD aufhalten noch die CDU wirklich über die Brandmauer ernsthaft reflektieren lassen.“ Doch das Mahnmal wird vermutlich über Jahre sichtbar bleiben – als Erinnerung an einen Politiker, der Opfer rechtsextremer Gewalt wurde, und als Anstoß, über demokratische Verantwortung neu nachzudenken.