Das Publikum sitzt im Bus
Die Türen gehen auf und dick eingepackt steigt das Publikum an einem regnerischen, frostigen Herbstabend ein – in einen Bus. Lokstoff! Das Theater im öffentlichen Raum entführt mit dem Stück „Nachtschicht“ auf eine Reise durch das nächtliche Stuttgart und Umgebung.
Mal guckt das Publikum durch die nassen und leicht beschlagenen Scheiben, mal verwandelt sich der Bus selbst in eine Theaterbühne.
Bunter Trip durch das düstere Stuttgart
Helden spielen in diesem Stück die zentrale Rolle – am Stuttgarter Schlossplatz geht es los – hier stehen zwei, etwas abgehalftert wirkende Helden vor dem Bus, Herakles und Batman. Sie musizieren, plaudern gemeinsam – über die Helden, die Kinderaugen zum Strahlen bringen, aber eigentlich taugen sie nicht wirklich als Vorbild.
Dann lassen wir die beiden erschöpft wirkenden Helden zurück und es geht los, auf einen bunten Trip durch das nächtlich düstere Stuttgart.
Helden der Gegenwart
Von außen mutet der vermeintliche Linienbus mit der Anzeige „Lokstoff – Nachtschicht“ über der Frontscheibe und den Fahrgästen mit blau leuchtenden Kopfhörern sicher eigentümlich an.
Zumal wir ja auch von den beiden Helden begleitet werden, die an verschiedenen Stationen immer wieder auftauchen, draußen im öffentlichen Raum agieren und oft auch auf Menschen auf der Straße regieren müssen.
Während Batman und Herakles draußen jammern, über das Alter, das an ihnen nagt, ihre schwindende Bedeutung und die damit verbundene Identitätskrise, stoppt der Bus an mehreren Haltestellen und die wahren Helden der Gegenwart steigen ein und erzählen von ihrem Leben.
Alltagsheldinnen erhalten Sichtbarkeit
Alltagsheldinnen wie Casjupea, die am Klinikum Stuttgart pflegende Angehörige versorgt. Auch Patrizia steigt zu uns in den Nachtschicht Bus. Sie betreut in einer Wohngruppe Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern wohnen können.
Und ein paar Kilometer weiter öffnet sich die Türe für Zohra. Sie ist 2013 aus Afghanistan nach Deutschland geflohen, in ihrer Heimat durfte sie wegen der Taliban nicht mehr zur Schule gehen – dank viel harter Arbeit hat sie heute einen Kosmetiksalon. Sie will ein Vorbild sein und zeigen, was Geflüchtete leisten können.
Menschen, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde
Es ist eine eindrückliche und nachdenklich stimmende Tour, die wir gemeinsam in dem Bus zurücklegen – vorbei an ganz unterschiedlichen Orten der Stadt, an denen man oft vorbeischaut – dem Stuttgarter Hafen oder wir schlängeln uns durch parkende LKW mit schlafenden Fahrern am Großmarkt.
Überall Menschen, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Manchmal bleiben wir auch im Verkehr hängen und Busfahrer Andi muss in seiner ungewöhnlichen Nachtschicht einen aufgebrachten Autofahrer beschwichtigen.
Stuttgart von einer ganz anderen Seite
Am Ende steigen alle aus, reden aber noch angeregt miteinander. Ein Trip, der auch Stuttgarterinnen und Stuttgartern die Stadt noch einmal von einer ganz anderen Seite zeigt. Tourguide Kathrin Hildebrand wünscht sich:
„Was ich glaube, was ganz wichtig ist, ist Zuversicht. Die Menschen sind eigentlich gut. Und wenn wir zuversichtlich bleiben und jeder im Kleinen ein bisschen was macht, ist glaube ich schon ganz viel getan.“
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