Beeindruckendes Bild- und Soundspektakel in Worms

Besser als „Game of Thrones“: Nibelungenfestspiele mit „Die Hunnenkönigin“

Festspielintendant Nico Hofmann hatte es prophezeit: „Die Hunnenkönigin“ von Oliver Lansley und James Seager habe „Game of Thrones“-Potenzial. Doch das neue Bühnenstück der Nibelungenfestspiele ist sogar noch besser.

Teilen

Stand

Von Autor/in Mareike Gries

Der erste große Soundtrack der Nibelungenfestspiele

„All in“, totaler Einsatz, so muss man sich vermutlich die Grundhaltung der Briten Oliver Lansley und James Seager für ihre Worms-Premiere vorstellen. Lansley hat den Text zur Uraufführung „Die Hunnenkönigin“ geschrieben. Gemeinsam haben sie das Stück inszeniert.

Maria Dragus (Mitte) als Kriemhild am Burgunderhof
Verschachert an den Burgunderhof: Maria Dragus (Mitte) als Kriemhild in „Die Hunnenkönigin“ von Oliver Lansley. Nibelungenfestspiele | David Baltzer

Einer der Regie-Kunstgriffe: Der Theaterabend hat einen veritablen Soundtrack, komponiert und live performt unter anderem von Popmusikerin Alice Merton. Wie es sich für einen Soundtrack gehört, wird der als Album herausgebracht, zum ersten Mal in der knapp 25-jährigen Geschichte der modernen Nibelungenfestspiele. Die Musik illustriert und untermauert die Handlung auf der großen Freilichtbühne in Worms.

Kriemhild und die Welt als Schachbrett

Im Zentrum: Kriemhild von Burgund. Von ihrem Bruder, dem machtbesessenen und zugleich phlegmatischen König Gunther, wird sie an Hunnenkönig Etzel verschachert. Entgegen Kriemhilds Vorurteil und der gängigen Darstellung entpuppt der sich jedoch als durchaus zivilisierter, fast feinfühliger Zeitgenosse. Und trotzdem trauert Kriemhild ihrem vor Jahren ermordeten Mann Siegfried nach. Noch immer spricht sie mit ihm.

Maria Dragus als Kriemhild und Aram Tafreshian als Etzel
Kriemhild (Maria Dragus) wird zwangsverheiratet mit König Etzel (Aram Tafreshian), der sich als erstaunlich zivilisiert erweist. Nibelungenfestspiele | David Baltzer

„Ich bin es so satt, mir vorschreiben zu lassen, was ich zu fühlen habe“, reflektiert sie einmal, „von Männern, für die die Welt nur ein Schachbrett ist, auf dem sie die Figuren opfern, wie sie Lust haben. Sag mir, Siegfried, was soll ich mit diesem Leben anfangen, in dem Du mich zurückgelassen hast?“

Einen so unverstellten, schlichten Ton gab es noch nie bei den Nibelungenfestspielen. Das liegt auch an dem durchweg starken Ensemble rund um Schauspielerin Maria Dragus als Kriemhild. Die 32-Jährige kann bereits auf eine beeindruckende Vita als Film- und Fernsehschauspielerin zurückblicken.

Maria Dragus als Kriemhild und Jeannette Hain als Königinmutter Ute
Schauspielerin Maria Dragus als Kriemhild steht erstmals auf einer Theaterbühne. Auch Jeannette Hain als Königinmutter Ute ist dort sonst nur selten zu sehen. Nibelungenfestspiele | David Baltzer

Oliver Lansley gelingt Textvorlage ohne Pathos

Die Titelrolle in „Die Hunnenkönigin“ ist die erste Theaterrolle von Maria Dragus. Ihre Kriemhild zeigt anfangs trügerische Naivität und Verletzlichkeit, die sich im Laufe des Abends in verzweifelte Raserei verwandelt.

Vor allem aber befreit der ungekünstelte Stücktext des Engländers Oliver Lansley den Sagenstoff vom Pathos. So auch bei Kriemhilds Mutter Ute, bemerkenswert gespielt von Filmstar Jeanette Hain, die für die Festspiele ebenfalls einen seltenen Abstecher zum Theater macht.

Jeannette Hain als Königinmutter Ute
Jeanette Hain als Königinmutter Ute – neben Kriemhild die zweite große Frauenrolle in „Die Hunnenkönigin“. Nibelungenfestspiele | David Baltzer

Sie reflektiert ihre Rolle als Mutter, die ihren Kindern „nichts als Glück“ wünscht. „Irgendwann sind sie nicht mehr diese hilflosen, kleinen, rosa Bündel, die man einst im Arm gewiegt hat. Sie werden zu Menschen. Und ehe man sich’s versieht, findet man sich auf der Reise des Lebens auf dem Rücksitz wieder.“

„Die Hunnenkönigin“: live besser als „Game of Thrones“

Festspielintendant Nico Hofmann, prägender Kopf der Filmwelt, hatte vor den Festspielen angedeutet, die diesjährige Inszenierung biete vielleicht sogar Anklänge an die Erfolgsserie „Game of Thrones“. Doch „Die Hunnenkönigin“ ist dank ihrer Live-Momente sogar besser.

Jeanette Hain, Aram Tafreshian und Mareike Villnow im Stück "Die Hunnenkönigin"
Auch die Szenerie erinnert mitunter an „Game of Thrones“: Jeanette Hain, Aram Tafreshian und Mareike Villnow in „Die Hunnenkönigin“. Nibelungenfestspiele | David Baltzer

Das britische Theaterteam ist bekannt für spektakuläre Vorstellungen, bei denen Tanz, Komik, Figurenspiel und Illusion zum Tragen kommen. An diesen eindrucksvollen Mitteln haben sie auch in Worms nicht gespart. Zur Musik von Alice Merton gibt es höfische Crossover-Tänze. Pferde und Hirsche werden zum Leben erweckt und wieder getötet.

Ein güldener Siegfried ist wie durch Zauberei einerseits sichtbar und gleichzeitig unsichtbar. Schließlich schneit es sogar, ganz im Sinne des berühmten „Game of Thrones“-Zitats „Winter is coming“.

Das Publikum ist im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert. „All in“, das bedeutet immer ein Wagnis. Es hat sich gelohnt.

Stückeinführung: „Die Hunnenkönigin“ in Worms

Stückeinführung "DIE HUNNENKÖNIGIN" von Oliver Lansley

Worms

"No Roots" trifft auf "Die Hunnenkönigin" Alice Merton bei den Nibelungen-Festspielen in Worms: eine "Alternative-Rock-Pop"-Mischung

Alice Merton sorgt für Musik bei den Nibelungen-Festspielen in Worms. Im Interview erzählt die Musikerin, wie das Stück "Die Hunnenkönigin" klingt und von ihrem aktuellen Album.

SWR1 Rheinland-Pfalz SWR1 Rheinland-Pfalz

Mainz

Von „Winnetou“ bis zu den Nibelungen-Festspielen Zum Tod von Mario Adorf: Der feinsinnige Schurke des deutschen Kinos

Mehr als 200 Rollen hat Mario Adorf gespielt, er war eins der prägendsten Gesichter der deutschen Film- und Fernsehgeschichte. Nun ist der Schauspieler mit 95 Jahren gestorben.