Tod und Verfall als universelles Thema
„Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“, heißt es schon in der Bibel – die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Lebens ist ein universelles menschliches Thema.
„Staub“ repräsentiert Tod und Zerfall
„Staub“ – so heißt das neue Stück des Theater-Performance Kollektivs O-Team, das im Stuttgarter Theater Rampe gezeigt wird. Es verbindet Objekt- und Musiktheater mit Performance und Bildender Kunst. Im Zentrum steht der Tod.
Das Bühnenbild ist ein einzelner Raum, der im Zerfall begriffen zu sein scheint. Fast zeitlupenartig löst sich wie durch Magie ein Stück Tapete von der Wand, sinkt ganz langsam herab.
Gips liegt zerbröselt auf dem Boden. Die Farbe an den Wänden ist verblichen, ein altes Waschbecken mit Warmwasserboiler sieht aus wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Überall Unrat, Spuren vergangenen Lebens.
Bühnenbild als visuelles Stillleben
Das Bühnenbild könnte ein Stillleben einer lange leer stehenden, vergessenen Wohnung sein. Doch gleich neben der klapprigen Eingangstür kauert fast unbeglich ein Mensch.
Performerin Antje Töpfner ist in gedeckte Farben gehüllt. Sie trägt eine Art Schlafanzug, darüber eine dicke Strickjacke, unten Wollsocken. Irgendwann steht sie auf und bewegt sich in einer fast meditativen Langsamkeit durch den Raum.
Sie legt sich auf eine Matratze, die der letzte Gegenstand in der unwohnlichen Behausung zu sein scheint, der noch benutzt wird. Das merkwürdige Licht einer kleinen Bettlampe lässt das Bühnenbild noch mehr wie ein Gemälde wirken.
Unsichtbare Mächte am Werk?
Dann löscht eine unsichtbare Macht das Licht. Der Zersetzungsprozess der Wohnung setzt sich währenddessen fort. Immer weiter lösen sich Tapetenstücke, begraben langsam das Bett unter sich, der Putz bekommt Risse. Eine Szenerie, die einen gefangen nimmt.
„Wir haben uns beschäftigt mit Zerfall und Tod. Und dann ist Staub das, was es am meisten vermutlich repräsentiert", meint O-Team Mitglied Nina Malotta.
Wir produzieren Staub mit allem, was wir tun. „Einfach nur durch unsere Körper und unser Dasein. Aber auch durch unsere Handlungen“, erklärt sie den Hintergrund des Stückes.
Performance spielt mit Langsamkeit
Antje Töpfner bleibt nicht allein auf der Bühne: Eine zweite Figur betritt den Raum. Auch Performer Marius Alsleben bewegt sich mit stoischer Ruhe durch den Staub und Schutt in dem Raum.
Er findet eine unwirklich modern und intakt wirkende E-Gitarre, die ihn während des ganzen Stückes begleitet. Die beiden erkunden stumm den Raum: Sie demontieren zum Beispiel den Siphon des Waschbeckens.
Jeder kennt es, wenn das Wasser nicht abfließt: Oft haben sich in der Rohrleitung über die Zeit Schmutz und Haare zu einer stinkenden Masse verklebt und verstopfen den Abfluss. Marius Alsleben zieht ein überlanges Knäuel aus dem Rohr.
Wie einen Schatz, ein Relikt aus der Vergangenheit hängen die beiden das Fundstück über einen Wäscheständer zum Trocknen auf.
Staub als Symbol für den Kreislauf des Lebens
Staub steht für Auflösung und Verfall – ist aber auch der Nährboden für das sich stetig erneuernde Leben, erklärt O-Team Mitglied Samuel Hof.
„Wir haben uns so ein bisschen beim Verlauf vom Stück auch orientiert an den Trauerphasen.", erklärt er. Die seien zwar auch umstritten, aber für ihr Projekt sehr interessant.
„Erstmal, dass man das Unglück oder Schlimme ignoriert, sich verweigert. Dann eine Rebellion und Wut und schließlich eine Akzeptanz, wenn es gut läuft. In der man dann Frieden finden kann“, schildert Hof.
Aus stoischer Ruhe wird ein Überlebenskampf
Immer mehr beschleunigt sich das Geschehen auf der Bühne. Die Figuren wirken zunehmend wie besessen und beginnen, sich mit den Fundstücken aus der Wohnung zu verkleiden, scheinen sich in wilde Fabelwesen zu verwandeln.
Die Szene gipfelt in einem Kampf, in dem die beiden scheinbar um ihr Leben ringen und dabei allen Staub in der Wohnung aufwirbeln und den Raum restlos in seine Einzelteile zerlegen.
Nichts ist ewig. Staub widersetzt sich der Vorstellung von Abgeschlossenheit und Kontrolle. Nicht nur wir zerfallen, auch unsere Lebenswelt und Kultur.
Der Verfall ist ja auch etwas, das uns auffordert, das Leben jetzt zu leben. Sonst könnten wir ja auch immer weiter alles aufschieben
In Kombination mit der immer eindringlicheren Musik fesselt dieser Überlebenskampf sehr. Am Ende steht das Akzeptieren und zum ersten Mal öffnet einer der Darsteller den Mund, um zu singen.
Eine sehr anrührende Szene, die deutlich macht, was das O-Team meint, wenn es sagt: Staub ist Verfall – aber auch Schönheit, Ruhe und Gelassenheit.