Ein altes Paar besucht ein Museum antiker Skulpturen. Es sind fragmentierte Marmorkörper: Arme, Hände oder Köpfe fehlen, Torsi nackter, unbewehrter Körperlichkeit. Sie sitzt im Rollstuhl und wird von ihrem Mann im Zeitlupentempo durch den Raum geschoben, beobachtet von einem Herrn im perfekt sitzenden weißen Anzug.
Es ist Odysseus, wie sich später zeigen wird. In einem Zukunftsbild begegnet er sich selbst und seiner Frau Penelope als Bild der Fürsorge und Zugewandtheit des Alters. So erzählt Regisseurin Andrea Breth zum Orchestervorspiel ihre Geschichte von Gabriel Faurés singulärer Oper „Pénélope“ bei den Münchner Opernfestspielen im Prinzregententheater.
Stein gewordene Erinnerung
Die Welt der Antike ist hier Stein gewordene Erinnerung dieser Skulpturen. Die Insel Ithaka, auf der Penelope die Rückkehr ihres Gatten Odysseus nach Trojanischem Krieg und anschließender Irrfahrt erwartet, ist einer von rechts nach links sich hereinschiebenden, klaustrophobischen Zimmerflucht gewichen.
Das ist so traumwandlerisch schön gelungen, dass das technische Team als erstes beim großen Applausvorhang zu Recht gefeiert wird.
Susanna Mälkki gestaltet Faurés subtile Musik aus
Diese Zimmerkästen scheinen nicht enden zu wollen, bewegen sich so langsam, wie sich die Zeit der wartenden Penelope ins Unendliche dehnt. Für diesen Zustand der im Salon eingeschlossenen Weiblichkeit kennt der Franzose einen Ausdruck: „ennui“.
Mit Langeweile wäre er sicher nicht korrekt wiedergeben, denn langweilig ist die subtile Musik Faurés keineswegs. Das lange Warten seiner Titelheldin vergeht in getragenem Tempo und exquisiter Formung der Stille, bei der jede harmonische Rückung wie eine kleine Sensation und Überraschung in diesem Zustand der Dauer wirkt.
Mit ungeheurer Präzision gestaltet Susanna Mälkki am Pult des Bayerischen Staatsorchesters diese musiktheatralische Meditation über die Dauer, bevor sie explodiert mit der Rückkehr des Odysseus und der Abschlachtung der Penelope belagernden, bedrängenden und erpressenden Freier.
Andrea Breth inszeniert bewusst nüchterne Bilder
Die Oper trägt zu Recht den Titel der Heldin „Pénélope“. Es ist letztlich ein innerer Monolog, bei dem alle anderen Figuren wie Erscheinungen des seelischen Zustands der wartenden Frau auftauchen und verschwinden. Selbst Odysseus, der am Ende körperliche Wirklichkeit wird.
Andrea Breth schließt ihre Penelope nicht nur in diesem antiken Seelenmuseum ein, sondern in den von Raimund Orfeo Voigt gestalteten Installationsräumen dieser nicht enden wollenden Zimmerreihung. Nüchterne Zimmer mit Waschbecken als Zeichen eines häuslich bestimmten Frauseins.
In der Tat: Darin erstarren die Figuren zu lebendig gewordenen Skulpturen ihrer eigenen Erinnerungen. Es sind existenzielle Bildfindungen für ein Musiktheater, das wenig Handlung kennt, dafür aber Zustände zerbrechlicher Körperlichkeit. Es ist das Leitbild von Breths bewusst rätselhafter, letztlich nicht endgültig auszudeutender Interpretation.
Es bleibt ein Geheimnis, warum hier gewartet wird, wie die Mägde sich nach den Freiern sehnen, vor denen sich Pénélope geradezu ekelt.
Das sind Erscheinungen wie aus der Bildwelt des belgischen Surrealismus, mit ihren unvermutet auftauchenden unheimlichen Herren in Hut und Anzug und aus der der belgischen Filmemacherin Chantal Akerman. Vieles der rätselhaften Alltagsrituale der einsamen Frau in Akermans Film „Jeanne Dielmann“ ist sichtbare Anregung und Übertragung für Breths Vision dieser weiblichen Innerlichkeit.
Stimmächtige Victoria Karkacheva in der Hauptrolle
Verkörpert wird sie von der grandiosen Victoria Karkacheva als Pénélope. Sie verbindet heroische Stimmmacht mit zerbrechlicher Empfindsamkeit. Einen minimalen Wermutstropfen gibt es bei dieser fabelhaften Verkörperung: Das ist ihre Text-Unverständlichkeit über weite Strecken, bei einer Komposition, die nun ausgerechnet jedes Wort des Textes hör- und verstehbar machen möchte.
Brandon Jovanovich als Ulysse (Odysseus) gleicht das aus. Ein heldischer Tenor, der sich aber ganz im Lyrischen eingenistet hat. Rinat Shaham singt Euryclée (Erykleia), die Amme des Ulysse, die den Zurückgekehrten als Einzige an seinem Muttermal erkennt. Sie tritt als eine dunkel tönende Schutzgöttin der standhaft Wartenden in Erscheinung.
Mit einem wunderbar warmen, tiefensicheren Bariton gestaltet der junge Thomas Mole den Hirten Eumée (Eumaios), der Pénélope mit orakelhafter Stimme die Rückkehr ihres Mannes versichert und Säule ihrer Standfestigkeit ist. Das Ensemble der Mägde und Freier exzellent besetzt, das Vokalensemble „LauschWerk“ ein fabelhafter Kammerchor für Faurés vokale Klangmalerei.
Andrea Breth gelingt meisterhafte Inszenierung
Für die Freier wird das Zimmerlabyrinth zu einem unerwarteten Wartezimmer des Todes. Am Ende hängen sie in ihren Anzügen an den Schlachterhaken, wie das von ihnen zur erzwungenen Hochzeitsfeier mit Pénélope bei den Hirten erpresste Fleisch.
Nach der Wiederherstellung des Rechts der bedrängten Frau feiert das wieder vereinte Paar. Nicht die eheliche Treue feiern sie, sondern das Leben. Und es wird so ewig dauern, wie das Warten aufeinander, sich gegen unendlich dehnend, kein Tod nirgends.
In langsamer Erstarrung nähern sich die Hände von Pénélope und Ulysse, ohne sich noch berührt zu haben, wenn der Vorhang über dem Schlussakkord heruntergeht. „Edle Einfalt, stille Größe“ mag dieser skulpturale Moment sein. Er ist aber mehr als das. Er ist ein zutiefst berührendes, wie die Musik Faurés still machendes Bild der menschlichen Fürsorge und Zugewandtheit.
Wir brauchen das in unseren empathielosen Tagen dringender denn je. Der C-Dur-Rausch des hymnischen, Zeus feiernden Schlusses ist da nur eine Fassade, hinter deren innerliche Wahrheit Andrea Breth in einer meisterhaft gekonnten Inszenierung blickt.