Helikopter lässt Glocke in den Bodensee stürzen
Es sind Hunderte, die gekommen sind, um Florentina Holzingers Performance „Étude“ am Bregenzer Seeufer zu sehen. Doch die Performance lässt zunächst auf sich warten.
Dann taucht ein Helikopter auf. Am Ende der Bucht holt er eine riesige Glocke von der Seebühne der Bregenzer Festspiele ab, die an einem langen Seil hängt. Der Helikopter lässt die Glocke über dem Bodensee schwingen und ins Wasser stürzen, dicht neben einem Ponton mit einem Kran, an dessen Ausleger Seile ins Wasser hängen.
Wilde Gesten einer nackten Dirigentin
Leises Trommeln ist zu hören, das lauter wird. Auf dem Ponton dirigiert eine nackte Frau mit wilden Gesten die Perkussionistinnen am Ufer.
Plötzlich zieht der Kran an den Seilen einen großen verzierten Metallring aus dem Wasser – wie ein Radleuchter in einer Kirche. Daran hängen sechs nackte weibliche Körper, an den Hüften aufgehängt.
Performance in schwindelnder Höhe
Sie baumeln wie leblos. Doch mit sphärischen Klängen beginnen sie, sich aufzurichten. Minutenlang vollziehen sie eine langsame Choreographie, wie ein menschliches Windspiel, während der Kran sie in schwindelnde Höhe zieht und wieder senkt.
Auf einmal hakt ein Seil, ein Begleitboot muss helfen, damit am Seil unter den Tanzenden plötzlich die Glocke wieder aus dem Bodensee auftauchen kann.
Die Glocke als wiederkehrendes Motiv
Florentina Holzinger hat sich als nackter menschlicher Klöppel in der Glocke unter Wasser festgemacht. In der Luft am Kran beginnt sie, die Glocke zum Klingen zu bringen. Die alten Legenden vom Bodensee faszinieren die Performerin, wie sie betont, etwa die von im See ruhenden Schiffen oder vom Teufel, der eine Glocke in den See geworfen hat. Und so haben diese Legenden um die Glocken auch Einzug in Holzingers Performance gefunden.
Glockenschlag als Warnsymbol
Mit ihrem menschlichen Glockenschlag, der für Schmerz und verrinnende Zeit steht, und den sie als ein Warnsymbol an die Menschheit verstanden haben will, hatte Florentina Holzinger auch die Biennale in Venedig eröffnet.
In Bregenz endet die Performance nach 40 Minuten mit einem wilden Wirbel Holzingers auf einem hängenden Metallblech. Und der Applaus zieht sich das ganze Bregenzer Ufer entlang. Viele sind begeistert.
Strenge Auflagen wegen Trinkwasserqualität
Auf Extremes wie Urin oder Blut, das sie in anderen Performances zeigt, muss Florentina Holzinger am Bodensee verzichten. Für den Trinkwasserspeicher gelten strenge Auflagen.
So ist von dem, was sie normalerweise anprangert - Ausbeutung menschlicher Körper, Overtourism, Vermüllung der Umwelt, Bedrohung durch den Klimawandel - in dieser Performance nicht viel zu sehen.
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Dennoch sei die Kunst weiterhin präsent, sagt Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr, die selbst vor Ort ist, im Gespräch mit SWR KULTUR: „Die Kunst ist da und die Kunst kann auch nicht zerstört werden, selbst nicht durch so eine Politisierung.“
Besonders viel Aufmerksamkeit zog am Eröffnungstag der österreichische Pavillon mit der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger auf sich, deren spektakuläre Inszenierung laut Buhr „eine tolle Metapher“ für das Überleben in einer bröckelnden Welt sei.
Auch der deutsche Pavillon mit Arbeiten von Tsung Thieu und Henrike Naumann überzeugte durch seine Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Migration. Über die Beiträge aus Russland und Israel urteilte Buhr dagegen kritisch: „Man merkt eben, dass in solchen Situationen offensichtlich gute Kunst irgendwie nicht gelingt.“
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