Knapp 100 Länder sind 2026 bei der Biennale dabei, die Kunstschau in Venedig wird auch gerne als „Kunst-Olympiade“ bezeichnet. Sie gilt als eine der wichtigsten, ältesten und renommiertesten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst in der Welt.
Umso bitterer, dass in diesem Jahr noch vor der Eröffnung vor allem zwei Länder alle Aufmerksamkeit absorbierten: Russland und Israel. Deren umstrittene Teilnahme führte schließlich dazu, dass die große Eröffnungsfeier am Wochenende ausfiel, stattdessen demonstrierten Aktivistinnen wie Pussy Riot vor dem russischen Pavillon.
61. Biennale in Venedig eröffnet Kunstschau im Krisenmodus
Nach den Streitigkeiten über die Teilnahme Russlands und Israels an der 61. Biennale eröffnet die Kunstschau ohne Feier und ohne Jury. Der Auftakt ist geprägt von Protesten und po…
Auch die internationale Jury trat in der Folge geschlossen zurück. Ein Eklat schon vor dem offiziellen Start. „Die Preise kann man in diesem Jahr vergessen“, meint Elke Buhr, Chefredakteuerin des Kunstmagazins Monopol im Interview mit SWR Kultur.
Sie schildert ihre Eindrücke aus Venedig. Auch wenn auf den ersten Blick die Kunst bei all dem Ausnahmezustand eher in den Hintergrund geriet und die Biennale einmal mehr als Bühne für globale Konflikte herhalten musste, betont Buhr: „Die Kunst ist da und die Kunst kann auch nicht zerstört werden, selbst nicht durch so eine Politisierung.“
Forum Vereinte Kunstnationen? – Die Biennale Venedig zwischen Kunst und Politik
Um den russischen Pavillon bei der Biennale gibt es seit Wochen Streit. Politische Debatten gehören seit jeher zu der Ausstellung. Wird die Kunst in diesem Jahr davon völlig überlagert? Sind Kunst und Nationalismus noch irgendwie vereinbar?
Großer Andrang zum Start
Die 61. Kunstbiennale in Venedig (9. Mai bis 22. November 2026) steht in diesem Jahr unter dem Motto „In Minor Keys“, also übersetzt „in Moll“. Die Schau sollte Entschleunigung bieten in einer „lauten und oft chaotischen Welt“, hieß es vorab über das Konzept der Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh, die 2025 überraschend verstarb.
Bisher war der Soundtrack der Kunstschau aber eher laut. Das Konzept, in der globalen Krisenstimmung auf die melancholischen, sanften Töne zu setzten, ist bisher nicht aufgegangen.
Dem Publikumsinteresse haben die Kontroversen zuvor auf jeden Fall nicht geschadet. Im Gegenteil: Nach Angaben der Veranstalter*innen besuchten knapp zehn Prozent mehr Menschen am Eröffnungstag die Schau als vor zwei Jahren.
Von besonderem Interesse – zumindest wenn man nach der Schlange vor dem Einlass geht – ist der österreichische Pavillon der Künstlerin Florentina Holzinger. Zu sehen, so Buhr, starke Performances: Nackte Frauen brettern auf einem Jet-Ski im Kreis, oder tauchen in einem Wasserbecken neben mobilen Toilettenkabinen.
Besucher*innen werden aufgefordert, die Toiletten zu benutzen, sozusagen etwas für die Kunst zu spenden. Die Erzählung: Die Ausscheidungen werden dann in einer Mini-Kläranlage aufbereitet und wieder in den Kreislauf im Becken mit den Performerinnen eingespielt. Laut Buhr „eine tolle Metapher“ für das Überleben in einer zerbröckelnden Welt.
Der Titel: „Seaworld Venice“, ein Wasser-Themenpark der etwas anderen Art.
Florentina Holzinger überzeugt mit provokanten Performances
Am Eingang des Pavillons hängt eine Performerin kopfüber in einer riesigen Glocke. Sozusagen ein menschlicher Glockenklöppel. Stündlich schwingt sie in der Glocke und erinnert an die verstreichende Zeit.
Holzinger, deren Performances immer wieder für mediale Diskussionen sorgen, ist es wieder gelungen, mit ihrem Auftritt auf der Biennale zu überraschen und kalkuliert zu schockieren. Laut, unerschrocken und bildstark bleibt dabei ihr Motto. Spektakulär, befindet Elke Buhr.
Deutsch-Deutsche Geschichte im deutschen Pavillon
Auch der deutsche Pavillon überzeugt Buhr. Spektakulär sei auch hier die Kunst, aber auf eine leisere Art. Die Arbeiten der Künstlerinnen Sung Tieu und der 2026 verstorbenen Henrike Naumann setzen sich mit der deutsch-deutschen Geschichte, DDR-Erinnerungen und Migration auseinander. „Ruin“, so der Titel.
Auch die sozusagen belastete Architektur des Pavillons selbst spielt eine Rolle. Die neoklassizistische Fassade, die während der Zeit des Faschismus umgebaut wurde, gestaltet Sung Tieu als „Trompe l’oeil“ in Plattenbau-Optik um. Zu sehen ist jetzt die Geflüchtetenunterkunft in Berlin, in der sie als Kind als Asylsuchende aus Vietnam untergebracht war.
Innen thematisiert die Künstlerin auch die Einwanderungsgeschichte ihrer Mutter. Naumann installierte unterschiedliche Devotionalien aus den 1990er Jahren, sozusagen die Zeit der „westlichen Übernahme“ der DDR, erklärt Elke Buhr. Die Positionen, kuratiert von Kathleen Reinhardt, seien eine Art Zwiegespräch.
Zwei bisher unterrepräsentierte Perspektiven auf die deutsche Geschichte: Ostdeutsch und migrantisch. Ein sehr persönlicher politischer Raum. Die Positionen gehen der Frage nach, woher totalitäres Handeln kommt, woher Fremdenfeindlichkeit.
Identität und Erinnerungskultur als zentrale Themen
Identität, soziale Ordnung, Erinnerungskultur und Krieg spielen auch in anderen Pavillons eine Rolle. Da ist zum Beispiel der Pavillon von Großbritannien. Die Künstlerin Lubaina Himid beschäftigt sich in ihren Arbeiten oft mit dem Einfluss Schwarzer Einwanderer*innen.
Großformatige Gemälde verhandeln das Gefühl von Zugehörigkeit, der (Nicht-)Akzeptanz und Heimat. An den Wänden finden sich zusätzlich Fragen, die den Themenkomplex philosophisch vertiefen.
Zum ersten Mal dabei ist in diesem Jahr Somalia. Die Arbeiten der ausgestellten Künstlerinnen Ayan Farah, Asmaa Jama und Warsan Shire greifen eine somalische Gedichtsform auf. Sie verbinden Poesie mit Klang, arbeiten mit Textilien und Installationen. Themen auch hier die Erinnerungskultur und Identität.
Vorab gab es an der Auswahl bereits Kritik, unter anderem, weil alle drei Künstlerinnen nicht in Somalia, sondern im Ausland leben.
Im US-amerikanischen Pavillon sind Skulpturen des bisher eher unbekannten Alma Allen zu sehen. Während andere Länder schon lange verkündet hatten, wer sie in ihrem Pavillon auf der Biennale vertreten würde, ließ sich die USA lange Zeit. Für viele Kritiker ist Alma Allen eine bewusst „unpolitische“ Wahl und damit Provokation gegen den US-amerikanischen Kulturbetrieb.
Der Künstler selbst erklärte, er wisse nicht, warum er ausgewählt wurde oder wer ihn ausgewählt habe. Sehr verwirrend sei das alles.
Apropos Provokation: Die Beiträge aus Russland und Israel beurteilt Elke Buhr kritisch. In den russischen Pavillon habe man einfach nur Blumen gestellt. Dazu Musikprogramm mit DJs und gratis Alkohol. Nur wenige Menschen habe das gelockt, so Buhr.
Auch im Pavillon von Israel betont unpolitisches Programm: Ein Wasserbecken, in das bedächtig Wasser tropft. Ein Tiefkühler, in dem eine Rose vereist. Auch hier spüre man „den Elefant im Raum“.
„Man merkt eben, dass in solchen Situationen offensichtlich gute Kunst irgendwie nicht gelingt.“
Pavillions, um die zuvor also viel Aufregung herrschte, entpuppen sich vor Ort – zumindest mit Blick auf die Kunst – als belanglos. Die Preise sollen am Ende per Publikumsvoting vergeben werden.
Da sich aber viele der Kunstschaffenden aus Protest nicht wählen lassen wollen, wird die Vergabe der Goldenen Löwen in diesem Jahr wenig repräsentativ. Schade sei das, so Buhr, sie hätte gerne einen Preis an Florentina Holzinger vergeben.