Neun Oscars für Bertoluccis Kinoklassiker
Die Musik zu diesem Film hat jeder schon mal gehört: Ausgerechnet von einem Japaner, von Ryushi Sakamoto, stammen die für unsere westlichen Ohren ur-chinesischen Töne.
Der Komponist bekam dafür 1987 einen Oscar – dies war nur einer von insgesamt neun Oscars, unter anderem für den „Besten Film“ und die „Beste Regie“, die Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser" zu einem der erfolgreichsten Filme überhaupt machten.
Hollywoods Eintrittskarte in die Verbotene Stadt
Auch in anderer Hinsicht war dieser Film ein Meilenstein: Die erste gemeinsame Produktion zwischen einem Hollywood-Studio und dem damals noch ganz und gar kommunistischen China, knapp 15 Jahre nach der Annäherung der beiden Welten durch die berühmte Peking-Reise von US-Präsident Richard Nixon.
Erstmals war es einen westlichen Team gestattet, in der damals tatsächlich noch vollkommen abgeschlossenen „Verbotenen Stadt" in Peking, dem berühmten jahrhundertealten Kaiserpalast, zu drehen.
Vom Kaiserreich zur Weltmacht
Der Film von Bertolucci umfasst ein ganzes Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert des chinesischen Aufstiegs: aus einem zerrütteten, dekadenten und erniedrigten Kaiserreich hin zur kommenden Weltmacht des 21. Jahrhunderts.
Dieser Weg war mit Blut und Tränen gepflastert: Auf die Revolution 1911 folgte kurz eine Republik, ab 1934 die extrem brutale japanische Besatzung, dann ein Bürgerkrieg, den die chinesischen Kommunisten unter Mao gewannen, und der die Spaltung in die kommunistische Volksrepublik und das US-hörige Taiwan zur Folge hatte.
Der ehemalige Kindkaiser ist nur Spielball im Kampf um die Macht
Der Regisseur erzählt anhand des symbolisch signifikanten, aber historisch unwichtigen letzten chinesischen Kaisers Pu Yi, der nur als Kind regierte, sehr elegante und emotionale von den Irrungen und Wirrungen der chinesischen Geschichte im 20 Jahrhundert.
Wie ein Schlafwandler, wie ein absurder Fremdkörper, driftet dieser ehemalige Kindkaiser in Bertoluccis Film durch das China des 20. Jahrhunderts. Er ist für nur Spielball und Objekt im Machtkampf, zugleich aber auch eine Projektionsfläche: die alten Monarchisten wollen ihn genauso benutzen, wie die Japaner, wie die Militärdiktatur um Chiang Kai-tschek, wie die Kommunisten unter Mao.
Schnellkurs in chinesischer Geschichte
Dieser Film erzählt von der Faszination des Westens für das Reich der Mitte. Es ist aber auch der Film des historischen Moments, in dem China sich dem Westen gegenüber öffnet, aber immer noch verschlossen ist. Der Westen wusste 1987 fast nichts von Chinas Anschauungen, sondern nur das, was in mehr oder weniger ideologisch gefärbten Büchern und in veralteten Geschichtswerken stand.
Erst mit dem Goldenen Bären für „Das rote Kornfeld" wird chinesisches Kino wahrnehmbar
Knapp zwei Jahre später gewann mit „Das rote Kornfeld" der erste Film aus China den Goldenen Bären des Filmfestivals Berlin Welt. Ein halbes Jahr danach kam es zur blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens – ein traumatisches Ereignis in der chinesischen Geschichte, das zugleich zum Moment des Aufbruchs wurde für Reformen und Öffnungspolitik durch Deng Xsiaoping.
Noch ein paar Monate später endete mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sehr plötzlich der Kalte Krieg und damit jedes Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus.
Trailer „Der letzte Kaiser“, ab 1.7. wieder im Kino
Hoffnung und Bedrohung für den Westen
Wenn „Der letzte Kaiser" jetzt wieder im Kino gezeigt wird, dann kann uns dieser Film helfen, wie damals Distanz zu gewinnen zu aktuellen Debatten und ideologischen Vereinfachungen.
Auf der Leinwand sehen wir: China ist viel spannender und viel facettenreicher, als alle scheinbar klaren Thesen über das Land - als große Hoffnung für das 21. Jahrhundert oder als große Bedrohung für den Westen. China ist beides. Und vielleicht auch nichts von all dem.
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