Klassiker der Kinogeschichte wiederentdeckt

Remake: Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser“ in 4K

Der Monumentalfilm von 1987 bietet in knapp drei Stunden einen Schnellkurs in chinesischer Geschichte. Er zeigte in einem historischen Moment des Umbruchs erstmals spektakuläre Bilder der „Verbotenen Stadt“ und ein Reich, das viel spannender und facettenreicher ist, als der Westen glaubte.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Neun Oscars für Bertoluccis Kinoklassiker

Die Musik zu diesem Film hat jeder schon mal gehört: Ausgerechnet von einem Japaner, von Ryushi Sakamoto, stammen die für unsere westlichen Ohren ur-chinesischen Töne.

Der Komponist bekam dafür 1987 einen Oscar – dies war nur einer von insgesamt neun Oscars, unter anderem für den „Besten Film“ und die „Beste Regie“, die Bernardo Bertoluccis „Der letzte Kaiser" zu einem der erfolgreichsten Filme überhaupt machten. 

„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Bertoluccis Film erzählt von dem ehemaligen Kindkaiser Pu Yi. Der wird 1908 auf Befehl der Witwe des Kaisers in die verbotene Stadt gebracht. Wie ein Schlafwandler und absurder Fremdkörper driftet er in Bertoluccis Film durch das China zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bild in Detailansicht öffnen
„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Das Kind wird zum Kaiser gekrönt und wächst von der Außenwelt abgeschirmt in einem goldenen Käfig auf. Bild in Detailansicht öffnen
„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
1500 Diener stehen ihm stets zur Verfügung. Sie verfolgen jeden seiner Schritte und werden für Untaten an seiner Stelle bestraft. Bild in Detailansicht öffnen
„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Außerhalb der verbotenen Stadt entmachtet die Revolution den Kaiser, aber innerhalb der Palastmauern bleibt alles beim Alten. Bild in Detailansicht öffnen
„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Mit 18 Jahren betritt Pu Yi zum ersten Mal die Außenwelt. Bild in Detailansicht öffnen
„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Als Soldaten in die verbotene Stadt eindringen, flüchtet er in die japanische Botschaft. Bild in Detailansicht öffnen

 Hollywoods Eintrittskarte in die Verbotene Stadt

Auch in anderer Hinsicht war dieser Film ein Meilenstein: Die erste gemeinsame Produktion zwischen einem Hollywood-Studio und dem damals noch ganz und gar kommunistischen China, knapp 15 Jahre nach der Annäherung der beiden Welten durch die berühmte Peking-Reise von US-Präsident Richard Nixon.

Erstmals war es einen westlichen Team gestattet, in der damals tatsächlich noch vollkommen abgeschlossenen „Verbotenen Stadt" in Peking, dem berühmten jahrhundertealten Kaiserpalast, zu drehen.

„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
1500 Diener stehen Pu Yi, dem letzten chinesischen Kaiser, zur Verfügung. Sie verfolgen jeden seiner Schritte und werden für Untaten an seiner Stelle bestraft.

Vom Kaiserreich zur Weltmacht

Der Film von Bertolucci umfasst ein ganzes Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert des chinesischen Aufstiegs: aus einem zerrütteten, dekadenten und erniedrigten Kaiserreich hin zur kommenden Weltmacht des 21. Jahrhunderts.

Dieser Weg war mit Blut und Tränen gepflastert: Auf die Revolution 1911 folgte kurz eine Republik, ab 1934 die extrem brutale japanische Besatzung, dann ein Bürgerkrieg, den die chinesischen Kommunisten unter Mao gewannen, und der die Spaltung in die kommunistische Volksrepublik und das US-hörige Taiwan zur Folge hatte. 

Der ehemalige Kindkaiser ist nur Spielball im Kampf um die Macht

Der Regisseur erzählt anhand des symbolisch signifikanten, aber historisch unwichtigen letzten chinesischen Kaisers Pu Yi, der nur als Kind regierte, sehr elegante und emotionale von den Irrungen und Wirrungen der chinesischen Geschichte im 20 Jahrhundert.

„Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci
Außerhalb der verbotenen Stadt entmachtet die Revolution den Kaiser, aber innerhalb der Palastmauern bleibt alles beim Alten.

Wie ein Schlafwandler, wie ein absurder Fremdkörper, driftet dieser ehemalige Kindkaiser in Bertoluccis Film durch das China des 20. Jahrhunderts. Er ist für nur Spielball und Objekt im Machtkampf, zugleich aber auch eine Projektionsfläche: die alten Monarchisten wollen ihn genauso benutzen, wie die Japaner, wie die Militärdiktatur um Chiang Kai-tschek, wie die Kommunisten unter Mao. 

Schnellkurs in chinesischer Geschichte

 Dieser Film erzählt von der Faszination des Westens für das Reich der Mitte. Es ist aber auch der Film des historischen Moments, in dem China sich dem Westen gegenüber öffnet, aber immer noch verschlossen ist. Der Westen wusste 1987 fast nichts von Chinas Anschauungen, sondern nur das, was in mehr oder weniger ideologisch gefärbten Büchern und in veralteten Geschichtswerken stand. 

Erst mit dem Goldenen Bären für „Das rote Kornfeld" wird chinesisches Kino wahrnehmbar

Knapp zwei Jahre später gewann mit „Das rote Kornfeld" der erste Film aus China den Goldenen Bären des Filmfestivals Berlin Welt. Ein halbes Jahr danach kam es zur blutigen Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens – ein traumatisches Ereignis in der chinesischen Geschichte, das zugleich zum Moment des Aufbruchs wurde für Reformen und Öffnungspolitik durch Deng Xsiaoping.

Noch ein paar Monate später endete mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sehr plötzlich der Kalte Krieg und damit jedes Gegenmodell zum westlichen Kapitalismus. 

 Trailer „Der letzte Kaiser“, ab 1.7. wieder im Kino

DER LETZTE KAISER | Zurück im Kino! | Trailer Deutsch | Best of Cinema

Hoffnung und Bedrohung für den Westen

Wenn „Der letzte Kaiser" jetzt wieder im Kino gezeigt wird, dann kann uns dieser Film helfen, wie damals Distanz zu gewinnen zu aktuellen Debatten und ideologischen Vereinfachungen.

Auf der Leinwand sehen wir: China ist viel spannender und viel facettenreicher, als alle scheinbar klaren Thesen über das Land - als große Hoffnung für das 21. Jahrhundert oder als große Bedrohung für den Westen. China ist beides. Und vielleicht auch nichts von all dem.

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Rüdiger Suchsland