Ein Angriff mit einer Machete; eine Frau, die sich vielleicht in den Rhein stürzen will; ein randalierender Gast in einem Club. Was sich für uns wie Ausnahmezustand anhört, ist für die Polizistinnen und Polizisten der Doku-Serie „Nachtstreife“ Arbeitsalltag.
Warum es so reizvoll ist, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, erklärt Joan Bleicher, Professorin am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg.
Tradition des Reality TV: Der Reiz der echten Fälle
Die „Nachtstreife“ sieht Joan Bleicher in einer langen Tradition des Reality TV. Wo anfangs noch ein Kommissar an einem Schreibtisch saß und die neuesten Fälle erläuterte, sind die Kameras heute nah dran an den Polizistinnen und Polizisten. Man kann ihnen im wahrsten Sinn des Wortes über die Schulter schauen.
Auch der Boom der True-Crime-Serien und Podcasts zeigt: Echte Kriminalfälle faszinieren. Durch die Doku-Serie gewinne das Publikum zusätzlich Einblick in Bereiche, von denen die Öffentlichkeit normalerweise ausgeschlossen ist, so Joan Bleicher. Zugleich vermitteln die Formate ein positives Gefühl: Konflikte werden schnell gelöst.
Polizist oder Polizistin – das ist zudem für viele Kinder ein Berufswunsch. Die Realität sieht natürlich nochmal anders aus, aber auch dieser alte Traum spielt bei dem Erfolg der Serie eine Rolle. Zumal sie nur die spannenden Seiten des Berufs zeigt: Die Arbeit mit den Menschen. Verwaltungstätigkeiten oder langweiligen Leerlauf gibt es nicht.
Kein Kommentar – mehr Authentizität
Dass die „Nachtstreife“ ohne einordnenden Kommentar auskommt, bezeichnet Joan Bleicher als eine Form der Authentisierung: Interviewsequenzen bestätigen und erläutern das, was wir gerade gesehen haben. Ganz im Gegensatz zu fiktionalen Formaten, die bewusst mit Verrätselung und Bedrohungsszenarien arbeiten.
Dabei folgt auch die „Nachtstreife“ einer Dramaturgie: Mitten in einer spannenden Szene erfolgt ein Schnitt, zwischendurch gibt es zur Beruhigung entspannende Luftaufnahmen. Man sieht eine realitätsnahe Variante von Strukturen, die wir aus fiktionalen Krimis kennen. Die Handlungsabfolge entspricht dem Spielfilm, aber: „Der Reiz liegt in dem Versprechen: Das ist eine Dokumentarfilmreihe, es sind echte Fälle.“
Die Doku-Serie als Werbung für den Polizei-Beruf?
Kritiker bemängeln, dass der „Nachtstreife“ die kritische Einordnung fehle. Die Protagonistinnen und Protagonisten üben ihren Beruf aus Überzeugung und mit Leidenschaft aus. Das ist eine logische Konsequenz des Formats. Joan Bleicher kann die Kritik nachvollziehen, weil Konfliktfälle nicht gezeigt würden, sondern nur die positive Seite der Polizeiarbeit.
Auch das habe eine lange Tradition: Die Polizei habe durchaus ein Interesse daran, gut dargestellt zu werden – auch, wenn sie für Krimis beratend zur Seite steht. Zwischen dem, wie die Polizei im Fernsehen wahrgenommen wird und dem, wie die Menschen die Polizei im Alltag erleben, könne eine Kluft entstehen.
Das Ideal des Dokumentarfilms: „Fly on the wall“
Ohne einordnenden Kommentar auszukommen, entspreche dem Ideal des Dokumentarfilms, erklärt die Wissenschaftlerin. Die Kamera sei wie die „fly on the wall“, die Fliege an der Wand: Sie sieht alles, aber sie selbst ist unsichtbar.
Darüber hinaus gibt es aber auch noch andere Formen, die mit einem einordnenden Kommentar beispielsweise auf Widersprüche in der Handlung hinweisen können. Wichtig ist, so Joan Bleicher: Jede Form der Dokumentation kann nie ein Spiegel der Wirklichkeit sein, weil allein die Präsenz einer Kamera das Verhalten von Menschen verändere.
Wie echt ist echt?
Die Doku-Serie zeigt Szenen, die so passiert sind. Allerdings ist allein schon die Auswahl, was gezeigt wird und was nicht, eine Beeinflussung. Wirklich echt wäre, wie gesagt, auch den Leerlauf oder die Verwaltungsarbeit zu zeigen – aber das will vermutlich niemand sehen.
„Die Echtheit ist immer begrenzt auf den Handlungssausschnitt, der vermittelt wird“, sagt Joan Bleicher, „und auf die Perspektive und die Intention derer, die da arbeiten.“