"Wir schaffen das!"

Zehn Jahre nach Merkels Satz: Haben wir es in Rheinland-Pfalz geschafft?

Vor zehn Jahren, als viele Flüchtlinge kamen, sagte die damalige Kanzlerin Merkel (CDU) den berühmten Satz: "Wir schaffen das." Ein SWR-Doku fragt, ob wir es wirklich geschafft haben.

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Von Autor/in Kai Diezemann, Thomas Schneider

Wie sieht es aus in Rheinland-Pfalz, zehn Jahre nach dem starken Zustrom von Flüchtlingen aus dem syrischen Bürgerkrieg? Haben wir es geschafft?

Mord an Mia in Kandel - Demos gegen Migranten

Auf der Suche nach einer Antwort führt die erste Station nach Kandel in der Südpfalz: 2018 wird der Ort zum Symbol für die Auseinandersetzung um Migration und das "Wir schaffen das", erinnert sich der ehemalige Landrat Fritz Brechtel (CDU). Monatelang wird die Kleinstadt Treffpunkt für Demonstranten. Bürgerliche Gegner der Migrationspolitik marschieren Seite an Seite mit bekannten Rechtsextremen durch Kandel. 

Grund ist ein Verbrechen, welches das ganze Land bewegt: Der Mord an der 15-jährigen Mia. Abdul D. ein Flüchtling aus Afghanistan ermordet im Dezember 2017 seine ehemalige Freundin. Als Flüchtling hatte er Mia in der Schule kennengelernt, die beiden wurden ein Paar.

Der Fall Mia ist eine Tragödie. Es gibt nur Verlierer.

Doch als sich Mia von ihm trennt, bedroht er sie zunächst und ersticht sie später in einer Drogerie. Im September 2018 wird Abdul D. wegen Mordes verurteilt, ein Jahr später begeht er Selbstmord in der Jugendstrafanstalt in Schifferstadt.

Auf kulturelle Unterschiede nicht vorbereitet

Der ehemalige Landrat Brechtel sagt über seine schockierende Erkenntnis aus der Tat: "Hier ist ein Ehrenmord passiert. Ein Ehrenmord aus dem kulturellen Hintergrund, dass man als Afghane, als Paschtune, die Frau, die einen verlässt, zu töten hat, damit die Ehre des Mannes wieder hergestellt ist."

Dieses Verständnis von Ehre bestätigen ehemalige Mitschüler des Täters, die SWR-Reporter in seinem Heimatort in Afghanistan ausfindig machen. Einer von ihnen sagt: "Frauen, die ihre Männer verlassen, müssen laut Koran gesteinigt oder getötet werden."

Auf solch fundamentale kulturelle Unterschiede sei niemand in Kandel vorbereitet gewesen, sagt Brechtel. Es habe keine Hinweise oder Richtlinien von Seiten der Bundesregierung gegeben.

"Wir schaffen das!" Die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Pressekonferenz im Jahr 2015.
"Wir schaffen das!" Die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Pressekonferenz im Jahr 2015.

Kriminalität von Geflüchteten ist ein Grund, warum viele Menschen heute kritischer auf Migration schauen als noch vor zehn Jahren. Im Jahr 2024 gab es in Rheinland-Pfalz 1.484 Gewaltstraftaten, bei denen ein Zugewanderter tatverdächtig war. Das war jeder fünfte Tatverdächtige bei Gewaltstraftaten.

Größtes Problem für die Kommunen: Wohnungen beschaffen

Aber Kriminalität ist nur eine Sorge der Kommunen. Wir haben Landkreise, Verbandsgemeinden und Städte im Land gefragt, in welchen Bereichen sie Defizite haben bei der Versorgung von Flüchtlingen. Immerhin haben in den zehn Jahren seit 2015 über 137.000 Menschen in Rheinland-Pfalz Asyl beantragt - und seit 2022 kamen nochmal über 65.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge hinzu.

Der Aussage, es gäbe Defizite bei der Versorgung mit Wohnraum, stimmen über 62 Prozent der mitmachenden Kommunen voll oder eher zu. Nur für 25 Prozent stimmt die Aussage eher nicht oder nicht.

Beispiel für gelungene Integration

Aber es gibt auch eine andere Seite zu erzählen. Von der großen Anzahl von geflüchteten Menschen, die wirklich angekommen sind. Zum Beispiel die Familie Abo-Rajabeh aus Oppenheim bei Mainz. Sie ist 2015 aus Syrien über die Türkei und dann mit dem Schlauchboot nach Griechenland geflohen. Von dort ging es weiter nach Deutschland.

Mohammad Abo-Rajabeh hat hier eine Lehre als Metallbauer gemacht und ist vor eineinhalb Jahren zusammen mit seiner Frau und seiner Schwester eingebürgert worden. Inzwischen hat auch sein Bruder Ahmad die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.

Ich danke Deutschland und dem deutschen Volk. Sie haben uns gut mit viel Liebe gehalten. Ich bin darüber sehr dankbar.

Wie andere Bewerber hat er ein Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung abgelegt, bestreitet seinen eigenen Lebensunterhalt, darf nicht straffällig geworden sein, muss deutsch sprechen und mindestens fünf Jahre in Deutschland gelebt haben. 

Im Kreishaus Ingelheim wird noch ein Erinnerungsfoto vor der deutschen Fahne für die Abo-Rajabehs gemacht - Menschen, die sich integrieren und dankbar sind, dass sie sich ein neues Leben in Rheinland-Pfalz aufbauen konnten. Da wurde viel geschafft.

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Kai Diezemann
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