Psychothriller von Lynne Ramsey

Jennifer Lawrence brilliert als durchdrehende Mutter im Kinofilm „Die, My Love“

„Die, My Love“ von Lynne Ramsay beginnt als romantische Liebe auf dem Land. Doch dann gerät die großartige Jennifer Lawrence als junge Mutter in einen atemberaubenden Sog der Selbstzerstörung.

Teilen

Stand

Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Großartig: Hauptdarstellerin, Kamera und Musik

Als große romantische Liebe beginnt alles: Ein Paar, Grace und Jackson, zieht zurück aus der Stadt in die Provinz, ein schönes Grundstück inmitten der Natur und ein altes Haus werden zum neuen Heim; Grace wird schwanger. Pures Glück.

Die Kamera von „Die, My Love“ ist großartig, genauso der Musikeinsatz und die Darbietung der Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence, die den ganzen Film tragen muss.

Filmstill: „Die, My Love“ von Lynne Ramsay mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson in den Hauptrollen
Zu Beginn sieht alles nach dem großen Glück aus: Grace (Jennifer Lawrence) und Partner Jackson (Robert Pattinson) sind verliebt.

Tief sitzender Wunsch nach Selbstzerstörung

Lawrence, bekannt aus so unterschiedlichen Werken wie dem Autorenfilm „Winter's Bone“,  der Jugendkultserie „Tribute von Panem“ und „X-Men“, knüpft dabei an ihre Rolle in „Mother!“ von Darren Aronofsky an.

Es geht um die destruktiven Kräfte in jedem von uns, um den tief sitzenden Wunsch nach Selbstzerstörung und nach dem radikalen Bruch mit den Überresten eines ehelichen Lebens, das als große romantische Love-Story begonnen hat.

Filmstill: „Die, My Love“ von Lynne Ramsay mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson in den Hauptrollen
Sie ziehen in ein altes Haus in Montana und bekommen schon bald ein Baby. Doch Grace (Jennifer Lawrence) ist oft allein mit ihrem Kind und gerät mehr und mehr in einen Abgrund.

Grace, eine Schriftstellerin, die nicht mehr schreibt und schwanger wird, versteht sich besser mit Jacksons senilem Vater Harry (gespielt von Nick Nolte) als mit dessen schlafwandelnder Mutter Pam, gespielt von Sissy Spacek.

Nach der Geburt ihres Kindes taucht Grace zunehmend ab in eine beunruhigende Selbstbezogenheit, für die sie zunächst ihren Partner verantwortlich macht: Jackson ist oft beruflich abwesend, beteiligt sich kaum an der Kinderbetreuung und bringt obendrein noch einen kläffenden Hund ins Haus.

Verzweiflung der Hausfrauen in „Musterehen“

Von Anfang an wird hier die Natur zu einem eigenen Darsteller: Das Grün der Wiesen und des prachtvollen Waldes ist ein Rückzugsraum für Grace. So handelt dieser Film nicht nur vom einer bipolaren Hauptfigur, sondern er erzählt uns auch viel über das Animalische im Menschen.

Und über die Wahrheit der „Desperate Housewifes“, der verzweifelten Hausfrauen hinter den US-amerikanischen Musterehen.

Filmstill: „Die, My Love“ von Lynne Ramsay mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson in den Hauptrollen
Warum macht sie das? Grace schleicht im Film immer wieder auf allen Vieren durch das Gras.

Beziehungen, Mutterschaft und mentale Krisen. Die zwei Figuren, die all das tragen müssen, bleiben vor allem durch das großartige Spiel von Robert Pattinson und Jennifer Lawrence interessant.

Film sinkt nie auf Mainstream-Niveau

Man könnte sagen, Lynne Ramsay muss sich nicht schämen: das erratische Fundament ihres Films sinkt nie auf das heutige Mainstream-Niveau. Ihr Versuch, mit einer sinnlichen und experimentellen Herangehensweise, die Karten im Verlauf dieses Films immer neu zu mischen, ist grundsätzlich eine willkommene Erfahrung, auch wenn der Ausgang der Geschichte für erfahrene Kinogänger relativ vorhersehbar ist.

Filmstill: „Die, My Love“ von Lynne Ramsay mit Jennifer Lawrence und Robert Pattinson in den Hauptrollen
Lynne Ramsay (links) am Set mit Jennifer Lawrence. Der schottischen Filmemacherin gelingt es, mit ihrer sinnlichen und experimentellen Herangehensweise, die Karten im Verlauf des Films immer neu zu mischen ...

Doch die Unschärfen des Werks haben problematische Seiten: Denn der Film idealisiert eine verantwortungslose Mutter und bagatellisiert zugleich die kindische Selbstbezogenheit der Hauptfigur Grace und ihre Krankheit.

Aber „Die, My Love“ vermeidet alle Verniedlichung von Wahnsinn und modische Achtsamkeits-Rhetorik und fesselt als überlegtes Gedankenspiel zur Selbstzerstörung und zur rohen, aggressiven Manie im frühen 21. Jahrhunder.

Trailer „Die, My Love“, Kinostart am 13.11.2025

DIE MY LOVE | Offizieller Trailer DE | Ab 13.11. im Kino | Mit Jennifer Lawrence & Robert Pattinson

Schrille Satire aus Israel „Yes“ von Nadav Lapid – Bitterböses Porträt der militarisierten Gesellschaft Israels

Nadav Lapid ist einer der wichtigsten Filmemacher Israels. In „Yes“ zeichnet er ein grelles Porträt der israelischen Gesellschaft im Gaza-Kriegs: laut, überdreht und enorm wütend.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Rüdiger Suchsland